BILL VIOLA – AMERIKANISCHER PAVILLON BIENNALE DI VENEZIA 1995

Die ‚vergrabenen Geheimnisse‘ des Bill Viola

Eine außergewöhnliche Video-Klang-Installation im amerikanischen Pavillon auf der LXVI Biennale di Venezia

Frankfurter Rundschau 15. Juni 1995

 

In verschiedenen Artikeln haben die Kunstkritiker Peter Iden (FR vom 10. Juni), Werner Spies (FAZ vom 10. Juni) und Hans Joachim Müller (Die Zeit vom 16. Juni) ihre Beobachtungen über die LXVI Biennale von Venedig formuliert, die in diesem Jahr ihr hundertjähriges Bestehen feiert. Alle Kritiken stimmen grundlegend darin überein, daß im Rahmen der künstlerischen Beiträge in den Länderpavillons nur ganz wenige Ausnahmen qualitative Maßstäbe setzen und daß die an drei unterschiedlichen Orten stattfindende Sonderschau mit dem Titel Identität und Verschiedenheit. Formen des Körpers 1895 -1995  trotz der Präsentation einiger wichtiger Werke viele Fragen über den Sinn solcher thematischer Ausstellungen und über die inhaltliche Konzeption der Biennale an sich aufwirft. Um der weitgehend berechtigten Kritik an vielen künstlerischen Inszenierungen auf der diesjährigen Kunst-Biennale positive Beobachtungen gegenüberzustellen, sollen hier einige Anmerkungen zu dem künstlerischen Beitrag von Bill Viola im Pavillon der Vereinigten Staaten von Amerika vorgetragen werden.

Bill Viola in Frankfurt

Bill Viola ist vielen Frankfurtern, aber auch dem internationalen Publikum durch seine Video-Klang-Installation The Stopping Mind  (1989-91) ein Begriff, die der 1951 in New York geborene Künstler für die Eröffnungsausstellung des Museums für Moderne Kunst Frankfurt konzipiert und realisiert hat. Bis heute gehört sie als die weltweit einzige permanente Installation des Künstlers zu den wichtigsten Werken der Frankfurter Sammlung. Im Gesamtwerk Violas, der seit 1972 mit der Videotechnik arbeitet und seither über vierzig Videobänder und ebensoviele Videoinstallationen fertiggestellt hat, nimmt The Stopping Mind  eine zentrale Position ein. Die Erfahrung von Wirklichkeit über die optische Wahrnehmung, das Denken und Fühlen, ereignet sich in eindrucksvollen, mit lauten Geräuschen verbundenen, bewegten Bildern auf großformatigen Projektionsleinwänden. Nach dem Prinzip der Aleatorik wechseln die bewegten aber immer wieder mit unterschiedlich lang anhaltenden, statischen und wie eingefroren wirkenden Bildern ab, die zum Ausgangspunkt für Reflexionen des Künstlers über die psychischen Vorgänge im Menschen werden, die um die Begriffe der Erinnerung, des Gedächtnisses, des Geistes und des Selbst kreisen.

Das bildnerische Denken des Künstlers

Mit dieser und mit anderen Arbeiten, die bis zum Jahr 1994 entstanden sind, hat Viola immer wieder deutlich gemacht, daß sein künstlerisches Hauptinteresse darin besteht, die Geheimnisse des Lebens und des Seins, die grundlegenden Strukturen der Welt und der Natur, in die der Mensch eingebunden ist, zu ergründen und zu umschreiben. Das Medium Video dient ihm dabei nicht – wie dies für viele andere Künstler gilt – als ein technisches Spielzeug, mit dem sich beliebige spielerisch-dialogische Situationen oder interaktive Angebote konstruieren lassen, sondern als ein Handwerkszeug, das der Künstler so beherrscht, wie ein guter Maler Pinsel und Farbe, um komplexe Inhalte in der ihm eigenen bildnerischen Sprache frei ausdrücken zu können. Seit den siebziger Jahren entwickelte Viola eine Reihe von Ausdrucksmöglichkeiten mit der Videokamera, die auf der Relativierung des zeitlichen Ablaufs einer Handlung – Beschleunigung und Verlangsamung der Realzeit – und der gezielten Veränderung räumlicher Zusammenhänge – Überlagerung verschiedener oder Trennung gleicher Orte – basieren. Das Ziel Violas war dabei stets, die Wahrnehmung von sichtbaren und unsichtbaren Vorgängen zu thematisieren und die hinter ihr im menschlichen Geist stattfindenden Prozesse besser verständlich zu machen.

Durch viele Reisen in fremde Länder, Landschaften und Kulturen hat sich Viola ein weitverzweigtes Verständnis für kulturelle Riten, Gebräuche und Strukturen sowie vielschichtige Erkenntnisse in Philosophie, Religionswissenschaften und Anthropologie angeeignet aber auch eine Sensibilität für die einfache, ursprüngliche, mythische Beziehung zwischen Mensch und Natur, Mensch und Welt entwickelt. Diese Sensibilität manifestiert sich in seinen Werken in Form von mit der Videokamera in der Natur oder Urbanität aufgenommenen und meist auf großflächige Leinwände projizierten eindrucksvollen Bildern, die einerseits zu Videofilmen andererseits zu Video-Klang-Installationen verarbeitet werden, bei denen sich die Projektion in Verbindung mit subtil aufeinander abgestimmten, szenischen Arrangements von Gegenständen der Alltagswelt zu metaphorischen räumlichen Zusammenhängen verdichten.

 

Der Biennale-Pavillon: Buried Secrets – Vergrabene Geheimnisse

„When seeds are buried in the dark earth,their inward secrets become the flourishing garden.“     RUMI (1207-1273)

Die Herausforderung, den amerikanischen Pavillon in den Gärten des Biennalegeländes in Venedig künstlerisch zu gestalten, hat Viola nun nicht dazu genutzt, mehrere Werke – ähnlich wie bei einer Ausstellung in einer Galerie oder einem Museum – auf die vorhandenen Ausstellungsräume zu verteilen, sondern er hat mit einem sensiblen Gespür für die Möglichkeiten der Architektur ein neues Ausstellungskonzept entwickelt. Der Pavillon, der sich aus fünf achsensymmetrisch zu einer U-Form angelegten Ausstellungsräumen zusammensetzt und eigentlich über einen in der Mitte liegenden Haupteingang zugänglich ist, wurde von Viola in ein begehbares Gesamtkunstwerk verwandelt, indem er den Eingang am linken und den Ausgang am rechten vorstehenden Gebäudeteil einbaute, während der mittlere Haupteingang verschlossen bleibt. Die Fenster des gesamten Gebäudes wurden abgedunkelt, damit die Videoarbeiten durch kein störendes Tageslicht beeinträchtigt werden. Beginnend bei dem ersten Raum im linken Gebäudeteil entwickelte Viola einen Zyklus aus fünf neuen Installationen, die einer erzählerischen Choreographie folgen. Der erste Raum ist mit Hall of Whispers (Halle des Flüsterns) betitelt, der zweite mit Interval (Zwischenraum), der dritte mit Presence (Gegenwart), der vierte mit The Veiling (Die Verschleierung) und der fünfte mit The Greeting (Die Begrüßung). Der Besucher des Pavillons durchläuft die einzelnen Räume in tastenden, langsamen Schritten und mit langanhaltenden Betrachtungsphasen .

 

Hall of Whispers

Am Ende eines schmalen Korridors taucht der Besucher in den ersten dunklen länglichen Raum ein, der von einem undeutlichen Geflüster vieler Menschen erfüllt ist. Jeweils fünf Gesichter von Männern und Frauen mit geschlossenen Augen und verbundenem Mund sind auf die beiden Längswände des Raumes als schwarz-weiße Videobilder projiziert. In den flüsternden Stimmen schwingt die Anstrengung der Menschen mit, die krampfhaft versuchen, sich mit Worten und Sätzen mitzuteilen, zu kommunizieren. Doch für den Betrachter bleiben die gedachten und gesprochenen Inhalte der Worte in dem Stimmengewirr unerklärbar verborgen. Viola hat hier eine eindringliche Paraphrase über den Verlust von Kommunikation und Verständnis der Menschen füreinander geschaffen. Das Geschehen im Raum setzt sich als bedrohliche Metapher gegenwärtiger Realität in unserem Gedächtnis fest und zwingt uns zum Nachdenken über die Konsequenzen unseres täglichen Handelns und die Vernachlässigung zwischenmenschlicher Beziehungen. Die Kommunikation, d.h. die Mitteilung und Vermittlung von Gedanken und Inhalten, ist die Wurzel für einen Fortschritt der Kultur. Ohne sie kann es keine positive Entwicklung in Richtung auf eine menschlichere Gesellschaft geben.

 

Interval

Wiederum über einen Korridor gelangt man in einen rechtwinkelig zu dem ersten Raum liegenden zweiten Raum, dessen in bestimmten Rhythmen immer wiederkehrende Geräuschphasen den Betrachter bereits früh in ihren Bann ziehen. Auf zwei großen gegenüberliegenden Projektionsleinwänden wechseln sich auf der einen Seite ruhige, leise Bilder mit heftig bewegten, chaotisch anmutenden und mit lauten Geräuschen verbundenen Bildern auf der anderen Seite ab. Die Bildfolgen sind in immer wiederkehrende Zyklen eingeteilt, denen ein bestimmtes Zeitraster aus immer kürzer werdenden Intervallen zugrundeliegt. Im rechten Bildfeld betritt zu Beginn des Zyklus, der in den seltensten Fällen mit dem Eintritt des Besuchers in den Raum zusammentrifft, ein bekleideter Mann einen Waschraum. Er zieht sich langsam aus und beginnt, nachdem er sich ganz entkleidet hat, sich mit einem Waschlappen, den er immer wieder in einen kleinen Wassereimer taucht, in ruhigen, intensiven Handlungen zu waschen. Die an den Wänden angebrachten Duschen läßt er unbeachtet. Das Waschen wird hier als ein Reinigungsritus zelebriert. Auf dem gegenüberliegenden Bildfeld taucht plötzlich ein aus den Elementen Wasser und Feuer gespeistes, wildbewegtes Geschehen aus der Dunkelheit und Ruhe auf und erfüllt den Raum in ebensolangen Phasen wie das sich gegenüber entwickelnde Ereignis mit einem tosenden Lärm. Die extrem spürbare kontemplative Ruhe, die von der rechten Szene ausgeht, wird in immer kürzer werdenden rhythmischen Intervallen von dem chaotischen Treiben auf der gegenüberliegenden Leinwand unterbrochen, um gegen Ende des Zyklus in einem stroboskopisch schnellen Bildwechsel sowie einer scheinbaren aber faktisch nie vollzogenen räumlichen Verschmelzung der beiden gegenüberlioegenden Bildpole zu kulminieren.  Die polaren Naturgewalten, in denen immer wieder fragmenthaft Körperteile des Menschen auftauchen,  lassen dabei etwas von der Kraft ahnen, die die Welt im innersten zusammenhält.

Viola hat hier in bildhaften Metaphern etwas von den frühen Erkenntnissen der chinesischen und griechischen Philosophie umschrieben. Immer wieder klingen Dualismen wie die von Erscheinung und Realität, Geist und Materie, Freiheit und Notwendigkeit oder Chaos und Ordnung, d.h. Grundfragen der Erkenntnistheorie, an. Mit Interval  paraphrasiert Viola auch die Vorstellung von der Entstehung der Welt etwa bei dem milesischen Philosophen Anaximander, nach der die mannigfaltigen Formen der Materie, d.h. die Ursubstanz, aus der sich alles zusammensetzt,  sich in ununterbrochenem Kampf miteinander befinden. Die Bedeutung der Elemente für die Entstehung der Welt und die Erkenntnis, daß die reale Welt aus dem Gleichgewicht gegensätzlicher, d.h. polarer Kräfte besteht, wie sie vor allem Heraklit formulierte, sind Basiskategorien unseres Weltverständnisses. Darüberhinaus verweisen die sich diametral gegenüberstehenden Szenen auf grundlegende Gesetzmäßigkeiten des Universums, auf die Polarität von Ordnung und Chaos, Tag und Nacht, Statik und Dynamik, Geburt und Tod hin.  Der Raum symbolisiert in gewisser Weise auch das Leben an sich, das mit all seiner Macht, seiner Überfülle an Ereignissen auf den Menschen eindringt und welches er allein durch die über die Kontemplation und Meditation erfahrbare Bewußtwerdung seiner eigenen Kräfte positiv beeinflussen kann.

 

Presence

Betritt man nach einem Korridor den mittleren Saal des Pavillons, der sich als ein punktsymmetrischer Zentralraum zu erkennen gibt,  taucht man in einen mit gedämpftem Licht versehenen und mit flüsternden Stimmen erfüllten Klangraum ein. Setzt man sich auf eine der vier Sitzbänke, die an den vier Ecken stehen, kann man undeutlich das durch den ganzen Raum schwingende Flüstern hören, das von Menschen verschiedenen Alters stammt. Nähert man sich dagegen dem Raumzentrum und tritt in einen nur dort hörbaren vertikal ausgerichteten Klangstrahl, entfernen sich die Stimmen merklich und wird das ruhige Atmen eines Menschen deutlich hörbar. In diesem Moment erkennt man ebenfalls, daß sich zwischen dem Atmen und Flüstern im ganzen Raum der Klang eines Herzschlages ausbreitet. Man spürt die ‚Präsenz‘ von Menschen, auch wenn man sie nicht sehen und berühren kann. Die scheinbare ‚Blindheit‘ führt den Betrachter schließlich zu der Beobachtung seiner Selbst. Sie läßt ihn seine eigene Gegenwart, seine Lebendigkeit, den rhythmischen Gleichklang seines Herzschlages und die verdichtete Präsenz seiner Gedanken und Gefühle in diesem Raum erfahren.

 

The Veiling

Durch eine Tür gelangt man in den vierten Raum des Pavillons, den man zunächst als eine in nebelartige Schleier gehüllte Atmosphäre wahrnimmt. In ihm befinden sich – quer zur Blickrichtung ausgerichtet – neun sehr leichte, parallel von der Decke hängende, schleierartige und lichtdurchlässige Leinwände. An beiden Schmalseiten des Raumes ist jeweils ein Projektor an die Decke montiert. Von diesen ausgehend sind Videoprojektionen auf die Schleier gerichtet, die – von außen nach innen in immer größeren, gleichzeitig aber auch diffuser werdenden Bildfeldern – die transluziden Leinwände durchdringen. Die Videobilder – auf der einen Seite erkennt man eine männliche, auf der anderen Seite eine weibliche Figur in natürlicher Umgebung – treffen sich auf der mittleren Leinwand in gleicher Größe und verschmelzen dort andeutungsweise zu einer untrennbaren Einheit. Die Bildszenen werden von dem Zirpen von Grillen – der akustische Anteil der Natur – begleitet. Hier vereinigen sich polare Kräfte zu einem androgynen, mit sich selbst in Harmonie befindlichen und auf sich selbst verweisenden Wesen, zu einer ganzheitlichen Vorstellung menschlicher Existenz. Der Raum wird zum Denkraum, in dem sich imaginäre Bilder zu einer Vorstellung vom Menschen und seiner Beziehung zur Natur andeuten. Das Prinzip der räumlichen Staffelung und stufenweisen Überlagerung dualistischer Bildwelten führt in Verbindung mit dem zeitlichen, sich aus additiven Bildern zusammensetzenden Wahrnehmungsprozess zu einer vagen aber umfassenden Vorstellung vom Menschen an sich, zu der Vorstellung einer wesenhaften Ganzheit aus Geist und Materie,  aus komplexen ethischen Dualismen, zu einem Wesen, das in sich Elemente von Yin und Yang trägt.  Viola spielt auch auf die 10000 Schleier Allahs an, eine Metapher, die die Undurchdringbarkeit, Unschärfe und Unbeschreiblichkeit einer Vorstellung von etwas zum Ausdruck bringen soll.

 

The Greeting

Wendet man sich am Ende des vierten Raumes nach rechts, betritt man den letzten der fünf Räume, der von einer großen Videoprojektion beherrscht wird.  Zwei mit bunten  Stoffen eingekleidete Frauen stehen im Vordergrund einer bühnenhaft inszenierten Scheinarchitektur, die an Gemälde der italienischen Renaissance erinnert. Der Hintergrund wird von verschiedenen Scheinfassaden bestimmt. In einem kleinen Durchgang im hintersten Teil der Szene tauchen zwei Männer unter einem Türdurchgang auf, entsprechend der Bildperspektive stark verkleinert.  Der tiefblaue Himmel und die indifferente Beleuchtung lassen keine Entscheidung zu, ob es sich um das Licht des Tages oder der Nacht handelt. Das Konzept für diese Arbeit geht auf ein Gemälde von Jacopo da Pontormo zurück, dessen bildhafte Sprache durch die extreme Verlangsamung der gespielten Szene auch in der Videoarbeit gewahrt bleibt. Viola verlangsamte eine Szene von 45 Sekunden realer Dauer, die mit einer High-Speed-35 mm Kamera gedreht wurde, auf eine Gesamtlänge von zwölf Minuten.  Insofern vollziehen hier die beiden Frauen extrem langsame Bewegungen, werden alle ihre gewöhnlichen, banalen, alltäglichen und immer wiederkehrenden Gesten, ihre Mimik, ihre Berührungen zu magischen Handlungen menschlicher Kommunikation erhöht. Der Betrachter wird von der Bedeutung jedes Details der Handlungen eingefangen. Unter einem in der Lautstärke ansteigenden windgeräuschartigen Raunen nähert sich der Gruppe nach einer gewissen Zeit eine dritte Frau, geht auf die rechts stehende Person zu, berührt sie und flüstert ihr etwas ins Ohr. Die Ankommende ist schwanger und wird damit in ihrer besonderen Bedeutung als Spenderin von Leben zu einem zentralen Beobachtungsmoment. Jedes Detail der Szene, jede Bewegung, Geste, Feinheit wird dem Betrachter durch den Super-Slow-Motion-Ablauf des Videos als eine symbolische Handlung bewußt gemacht. Alltägliches, kommunikative Riten, Floskeln oder Beiläufigkeiten werden hier in ihrer absoluten Bedeutung als Basismomente für die menschliche Kommunikation vor Augen geführt. Die starke Farbigkeit der Szene steht den imaginativen Schwarz-Weiß-Welten der anderen vier Räume am Ende des Pavillons als zentraler Teil einer Wunschvorstellung des Künstlers von der Wirklichkeit des Daseins diametral gegenüber.  Für Viola sind die Gefühle und Emotionen der Menschen der Schlüssel für eine harmonische Beziehungseinheit zwischen Mensch und Natur, Mensch und Welt. Ihrer Bedeutung im Zusammenhang des Kollektivs gilt diese letzte Installation. Viola plädiert mit ihr für die verstärkte Integration emotionaler Momente in den gesellschaftlichen Alltag, in das Zusammenleben und in unsere täglichen Entscheidungen.

Buried Secrets  ist ein Gesamtkunstwerk, das die Geheimnisse des Lebens, des Daseins und der Welt in komplexen Metaphern und eindringlichen Bildern umschreibt. In ihm entwickelt der Künstler eine ganz persönliche Kosmogonie, die auf Erkenntnissen über die das All erfüllenden und -erhaltenden Kräfte Yin und Yang der frühen chinesischen Philosophie basieren und die das Wesen der fünf Naturelemente bedingen. Die Werke und Inhalte in den fünf Räumen kreisen in konzentrischer Bewegung um die fünf Naturelemente: Metall, Erde, Holz, Wasser und Feuer, um die fünf Naturzustände: Nässe, Wind, Wärme, Trockenheit und Kälte, um die fünf menschlichen Grundfunktionen: Gebärde, Sprache, Gesicht, Gehör und Denken sowie um die fünf Grundaffekte: Sorge, Furcht, Zorn, Freude und Beschaulichkeit.  Mit Buried Secrets  reflektiert Viola aber auch Bereiche und Vorstellungen, die sich hinter der sichtbaren Wirklichkeit ereignen,  Bereiche zwischen Leben und Tod und Bereiche, die vor dem Leben und nach dem Tod anzusiedeln sind.  Anklänge an Dantes Divina Comedia  sind ebenso zu spüren, wie eine Auseinandersetzung mit den östlichen und westlichen Philosophien und Religionen, aber auch mit den Naturwissenschaften.

Viola richtet unseren Blick auf das Besondere im Alltäglichen, auf das Außergewöhnliche im Gewöhnlichen. Er setzt in uns Empfindungen frei, die hinter einer dicken Fassade angelernter Kommunikationsschemen verborgen sind. Er läßt uns viele fast verlorene, aber noch in uns vergrabene und in der Welt verborgene Geheimnisse erspüren und ansatzweise erfassen. Er sensibilisiert uns wieder für uns selbst, für unsere lebensnotwendigen emotionalen und kreativen Kräfte. Er schafft in uns ein Bewußtsein für die Ganzheit des Lebens, der Wirklichkeit, der Welt. Ohne eine konkrete sinnliche Auseinandersetzung mit der Realität der Gegenwart und ohne eine Bewußtwerdung unserer Abhängigkeit von der Natur und ihren Gesetzmäßigkeiten ist eine positive Zukunft für den Menschen nicht möglich.

Violas künstlerisches Konzept zeigt sich in Buried Secrets  als eine ganzheitliche Vorstellung, die auf der Schärfung unseres Bewußtseins für die Sinnzusammenhänge der Welt und auf der Erweiterung unserer Erkenntnisse über die psychischen und geistigen Vorgänge basiert. Allein über eine solche Sensibilisierung kann der Mensch eine höhere kulturelle Entwicklungsstufe erreichen.

Rolf Lauter