BILL VIOLA – VON DER MACHT DES GEISTES, KUNSTFORUM 127, 1994

Bill Viola: Von der Macht des Geistes

Text von Rolf Lauter,  Kunstforum 127, 1994

 
ROLF LAUTER, BILL VIOLA - MACHT DES GEISTES, KUNSTFORUM 127, 1994_0
 


 

Installation Shots


 

Bill Viola: Von der Macht des Geistes

Text von Rolf Lauter,  Kunstforum 127, 1994

Bill Viola experimentierte seit den frühen 70er Jahren mit der Videokamera und untersuchte damals vor allem die diversen tech­nischen Möglichkeiten dieses Mediums. Die Kamera diente ihm da­bei vor allem als Beobachtungskamera, d.h. als ‚Objekt‘, als das von außen wahrnehmende ‚objektive‘ Auge, mit dem er Ereignisse der sichtbaren Wirklichkeit und vor allem den Menschen beobach­tete. Seit etwa 1976 konzentrierte er sich dann verstärkt auf die subjektive Wahrnehmung der sichtbaren äußeren sowie der un­sichtbaren inneren Zusammenhänge der Welt, auf die Beziehungen zwischen Mensch und Natur, Mensch und Kultur, Mensch und Zivilisation sowie auf Fragen nach den Wirklichkeiten von Leben und Tod bzw. Leben vor der Geburt und nach dem Tod. Viola ent­wickelte mit dem Medium Video eine komplexe metaphorische Sprache, mit der er die Strukturen des Seins oder Daseins auf­spürt und bewußt macht. Die Kamera wurde seither immer mehr zum ‚Subjekt‘, d.h. zum inneren Auge des Künstlers, mit dem er bei­spielhafte Erlebnis- und Erfahrungsmomente auszudrücken ver­sucht. Im Zentrum seines bildnerischen Handelns steht einerseits die phänomenologisch – ästhetische Aneignung der Außen- und Alltagswelt bzw. der Umgebung des Menschen allgemein mit den Mitteln des Videos, andererseits die Übertragung unsichtbarer Vorgänge im Menschen selbst, d.h. die Transformation der ästhe­tischen Erfahrung, des Erlebnisses, des Denkens und Fühlens, des Bewußtwerdens dieser Vorgänge und schließlich des Übergangs von der Wahrnehmung über das Bewußtsein zu den Bereichen der Erinnerung, des Gedächtnisses und des Traumes auf ein Video oder eine Video- Installation.

Viola möchte zeigen, daß sich Geistes- und Bewußtseinszustände als ein konzentrisch aufgebauter, aus vielen gleichzeitig statt­findenden geistigen und emotionalen Momenten bestehender Zusammenhang und nicht als ein linearer Ablauf ereignet. Wirklichkeit wird vom Subjekt zum einen über die visuelle Wahrnehmung sichtbarer Dinge und Vorgänge in sukzessiven Bildern optisch erfasst, zum anderen werden die bildhaft gespeicherten Vorgänge mit Hilfe unseres Bewußtseins, also unter Beeinflussung des Wahrgenommenen durch Gedanken, Assoziationen und Gefühle ebenso wie durch unser Gedächtnis, d.h. unsere Erinnerungen und Träume, zu einer spezifischen Vorstellung von Wirklichkeit transformiert.

Violas Kunstwerke beziehen ihre erkenntnistheoretische Kraft vor allem aus der Vorstellungswelt des Zen-Buddhismus, der jedem Gegenstand und jedem Lebewesen aus den Bereichen des Mikro- und Makrokosmos in der Welt einen elementaren Anteil an der Weltganzheit zuerkennt und diese Ganzheit folglich an jedem Einzelteil erkennbar werden läßt. Sie setzen sich zum einen aus einer privaten Kosmologie, zum anderen aus einer Reihe von Symbolen bzw. symbolhaften Ereignissen zusammen, die der Künstler zu visionären, konzentrisch aufeinander bezogenen bild­nerischen Zusammenhängen verdichtet und in denen er immer wieder den zyklischen Kreislauf von Geburt, Leben, Tod und Wiedergeburt paraphrasiert.

Für einen quadratischen Ausstellungsraum des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt hat Viola im Jahr 1991 eine Video-Klang-Installation mit dem Titel The Stopping Mind konzipiert, die als einzige Arbeit des Künstlers permanent in einem Museum zu sehen ist. In dem vollständig schwarz ausgemalten Raum, den man als eine ‚Black Box‘ bezeichnen könnte, hat Viola vier gleiche, großflächige Projektionsleinwände in einem bestimmten Abstand zu den Außenwänden aufgehängt, sodaß sie die Seitenflächen eines an den Ecken offenen Würfels beschreiben. Durch die Leinwände ent­steht ein Raum im Raum, der dem eintretenden Betrachter das Innen und Außen als zwei Bereiche einer Ganzheit erkennen läßt und ihm gleichzeitig seine eigene Bedeutung als Teil des Werkes deutlich macht. Vier jeweils über der Mitte der Leinwandrahmen an der Decke montierte Großbildprojektoren werfen auf die gegen­überliegenden Projektionsflächen jeweils für ein paar Sekunden simultan stillstehende oder bewegte Videobilder, die untereinan­der immer in motivischem und inhaltlichem Zusammenhang stehen. Betritt man den Raum, herrscht zunächst Stille. Diese wird al­lein durch ein leises Flüstern durchbrochen, das – je weiter man in den Raum hineingeht – immer lauter wird und das sich schließ­lich – steht man exakt in der Raummitte – als eine flüsternd ge­sprochene, artikulierte Sprache zu erkennen gibt. Die Stimme des Künstlers zitiert ohne Unterbrechung und in monotonem Gleichklang einen englischen Text, der die allmähliche medita­tive Versenkung des Geistes in das eigene Ich umschreibt. Sie gibt den beispielhaften inneren Monolog eines Menschen wieder, der mit der Abwendung von der sichtbaren Welt, von der optisch erfahrbaren Realität, stufenweise in die Welt der inneren Realität vordringt, in die Bereiche der Wahrheit und der Erkenntnis. Es wird ein Seinszustand beschrieben, in dem keine Gefühle, kein Laut, keine Empfindungen existieren, in dem Dunkelheit und Ruhe herrschen, in dem sich der Geist von der Alltagsnwelt und vom Körper löst, um mit der Ganzheit ‚Welt‘ zu einer Einheit zu verschmelzen.

Plötzlich und ohne Vorwarnung geraten die stillstehenden Bilder, begleitet von dröhnenden, lauten Geräuschen, in heftige Bewegung. Simultane Bildfolgen mit Motiven der sichtbaren, hör­baren und fühlbaren Alltagswirklichkeit stürmen mit Getöse auf den im Raumzentrum stehenden Menschen ein. Teilweise von leich­ter Furcht, teilweise von Interesse an den Vorgängen gefesselt, versucht sich der Betrachter innerhalb der klangvollen Bilder neu zu orientieren, um die Motive und Situationen konkreter fas­sen zu können. Das ebenso plötzliche Gefrieren der gerade noch bewegten Bilder in neuen Standbildern läßt den Klang in Raum und Ohr noch eine kurze Weile nachhallen, um schließlich ganz zu verstummen. Erst jetzt bemerkt man, daß die flüsternde Stimme in der Raummitte vom Klang der bewegten Bilder überlagert war und nun wieder allmählich hörbar wird. Die Wirklichkeit der äußeren Welt verschwindet für kurze Zeit wieder hinter der Wirklichkeit der inneren Welt des Menschen.

Verbringt man mehrere Minuten in Violas Raum, dann erfährt man mehr über die Herkunft der Bilder. Viola filmte verschiedene Orte in der Natur oder in der Stadt oftmals mit stark bewegter Videokamera, nahm die Geräusche aus der Umwelt und die Berührungsgeräusche des Mikrofons mit Gegenständen, Blättern oder Ästen auf und mischte diese für die endgültige Fassung sei­nes Videos schließlich noch mit Geräuschen des pfeifenden oder raunenden Windes oder mit den Fahrgeräuschen von Autos auf Autobahnen. Die Kamera wechselt immer wieder die Distanz zu den gefilmten Motiven, macht diese oftmals mittels heftiger Eigenbewegungen undeutlich oder konzentriert den Blick auf unge­wohnte Details von Gegenständen oder natürlichen Dingen. Bewegte Landschaftspanoramen werden durch hin- und herschwingende Großaufnahmen von Häuserfassaden abgelöst, stark verfremdete, mit dem Rotlichtfilter aufgenommene Unterwasseraufnahmen folgen – nach einer Sequenz von farbintensiven Standbildern – Projektionen von zentimeternah abgetasteten Gläsern, Flaschen, Möbeln, Ästen, Steinen oder Felsen. Zufällige Bilder einer vom Tisch fallenden und kurz vor dem Aufprall auf dem Boden wie ein­gefroren schwebenden Glasflasche leiten kurze und extrem bewegte Großstadtvisionen aus filmischen Versatzstücken von Häuserfassaden, Autos und Fußgängern ein: Ein reales Metropolis. Bilder einer ruhig in der Abenddämmerung liegenden Stadt stehen Nachtaufnahmen eines mit künstlichem Licht beleuchteten Waldes gegenüber. Der Wald scheint sich um uns zu drehen und doch wis­sen wir aus unserer Erfahrung, daß wir es sind, die sich im Wald um uns selbst drehen. Bewegte Aufnahmen eines Wohnzimmers, die plötzlich in stillebenhaften Bildern eines Sessels oder einer Lampe erstarren, werden durch das mühevolle Klettern des Künstlers in einer Höhle oder durch einen kurzen Einblick in eine verlassene Stadt in der Wüste abgelöst.

Bleibt man über eine längere Zeit, d.h. etwas mehr als eine halbe Stunde in Violas Raum, erkennt man, daß sich die Bildsequenzen und die Aufnahmeorte ähneln, daß aber sowohl die Abfolge der Motive, als auch die Auswahl der Standbilder sich nie gleichen. Das Basismaterial der Installation, ein etwa 35 Minuten dauerndes Videoband, wird durch ein speziell eingerich­tetes Computerprogramm mit einem Zufallsgenerator in der Weise gesteuert, daß sowohl die Bildfolgen eines Aufnahmeortes, als auch die Standbilder innerhalb der Bildfolgen permanent variie­ren, sich niemals in gleicher Konstellation aufeinandertreffen. Das Prinzip detr Rauminstallation ist vergleichbar mit den zy­klisch immer wiederkehrenden Jahreszeiten in der Natur, die ähn­lich, aber nie gleich aufeinanderfolgen. Das Gesamtprogramm ist eine Parallele, eine ganzheitliche Paraphrase der Natur, der na­türlichen Zeitlichkeit und der kosmischen Gesetzmäßigkeiten.

Die Sequenzen bewegter und plötzlich festgehaltener Bilder rufen in uns zahlreiche Erinnerungen hervor. Wir erleben uns selbst im Spiegel der phänomenalen Wirklichkeit, als Teil eines pulsieren­den Ganzen. Die Direktheit der Videogroßbildprojektionen führt uns unsere Wahrnehmung der Gegenwart, unsere Gedanken, Gefühle, Empfindungen, Erlebnisse und Erfahrungen beispielhaft und aus­schnitthaft vor Augen. Der Betrachter wird damit einerseits zum Zentrum der Videoinstallation, zum integralen Bestandteil des gestalteten schwarzen Raumes, während dieser Raum andererseits in seiner Ganzheit eine Paraphrase des menschlichen Geistes dar­stellt und wir damit gleichzeitig zum distanzierten Beobachter unserer Wahrnehmung, unserer Handlungen und unserer inneren gei­stig-emotionalen Vorgängen werden.

Viola führt uns mit The Stopping Mind die doppelte Wirklich­keitsvorstellung, die unser Leben, unsere Gegenwart und unser Sein bestimmt, eindringlich vor Augen. Zeit erfährt man hier als eine Basiskategorie, die alles Materielle und Geistige in ständiger Bewegung hält, sie wird aber auch als eine abstrakte Größe deutlich gemacht, indem sie eingefroren, verlangsamt oder angehalten wird. Damit wird es für den Betrachter möglich, über Zeit, Veränderung, Werden, Wachstum und Vergänglichkeit von einer außerhalb liegenden, unabhängigen Position aus zu reflektieren. Viola thematisiert die Unvereinbarkeit unserer Gedanken und Erinnerungen mit unseren Erfahrungen, er führt uns die Macht des Geistes und die in ihm verborgenen Momente der Wahrheit und der Erkenntnis in eindringlich-metaphorischen Bildern vor Augen und er umschreibt unser Bewußtsein als einen kleinen aber wesentlichen Teil des kollektiven Gedächtnisses.

Rolf Lauter

Bill Viola

The Stopping Mind (Detail), 1990/91

Video-Klang-Installation, (4 Laser-Bildplattenspieler, 4 Großbildprojektoren, 4 Projektionsleinwände je 320 x 425 cm, Personal Computer, 5 Lautsprecher)

1000 x 1000 cm

Museum für Moderne Kunst, Frankfurt