BILL VIOLA – DEUTSCHE GUGGENHEIM BERLIN 2002

Bill Viola

Vom Mythos der Existenz. Bildwelten zwischen zeitlosem Raum und raumloser Zeit. 

Deutsche Guggenheim Berlin

19. 03. 2002

 

 

ROLF LAUTER, BILL VIOLA - 25 YEARS SURVEY EXHIBITION, REFLECTING POOL, MMK FRANKFURT 1999

Siehe Website: 

http://www.deutsche-guggenheim.de/alt/18/deutsch/ausstellung/index.htm

 

Booklet zu „The Stopping Mind“, 1991

 

Einführungstext Bill Viola, Kunst + Unterricht 12, 1997

 

Installation Shots zu „The Stopping Mind“, MMK Frankfurt 1991

 

Bill Viola: Vom Mythos der Existenz. Bildwelten zwischen zeitlosem Raum und raumloser Zeit. Vortrag Deutsche Guggenheim Berlin 19. 03. 2002

 

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

im Frühjahr 1999 fand in Frankfurt am Main die bisher größte Überblicksausstellung Bill Violas statt, die ich damals mit dem Künstler auf verschiedene Standorte bezogen konzipieren konnte. Wenn ich nun heute in den Räumen der Deutsche Guggenheim Berlin die neueste Präsentation des Video-Zyklus Going Forth By Day betrachte, so fällt in der Gegenüberstellung dieser Arbeit mit Video-Tapes, Video-Projektionen und Video-Klang-Installationen der Jahre bis 1999 auf, daß Viola erzählerischer geworden ist. Thomas Krens schrieb in seinem Grußwort des Berliner Katalogs: ”Going Forth By Day ist ein Kunstwerk, das Zeichen setzt. Bill Viola hat ein Fresko für das 21. Jahrhundert geschaffen, einen ästhetischen Text, der uns – wie die Meisterleistungen der Renaissance – eine neue Weltsicht vermittelt.” (Dia 1 / 2)

Auch wenn ich seine Behauptung, daß Viola eine neue Weltsicht umschreibe, nicht teilen möchte, glaube ich, daß seine Aussage über die Beziehung der für Berlin gestalteten Videoprojektionen zur Freskomalerei der Renaissance einen Kern von Wahrheit in sich trägt. Die Wandmalereien des 15. und 16. Jahrhunderts in Italien sind gestalterisch vor allem von einer Aneinanderreihung szenischer Darstellungen geprägt, mit denen der Ablauf eines Lebens (etwa das von Christus, anderen biblischen bzw. kirchlichen Gestalten oder von politischen Personen), eines Ereignisses oder einer Geschichte dokumentiert werden sollte. Hierbei waren die einzelnen Szenen stets auf einige wesentliche inhaltliche und handlungsbezogene Elemente reduziert, um dem Betrachter die gewünschte Botschaft so schnell und einprägsam wie möglich zu vermitteln. Die Darstellungen offenbaren dabei meist eine Überlappung verschiedener inhaltlich zusammenhängender räumlicher und zeitlicher Elemente oder Abläufe, mit denen komplexere Ereignisse und Handlungen in einer konzentrisch zusammengefassten Bildwelt verdeutlicht werden sollten.

Betrachtet man Violas frühere raumbezogene Video-Installationen oder –Projektionen, lassen sich diese im weitesten Sinn als symbolhaft-verdichtete Handlungsabläufe begreifen, in denen der Mensch meist als ein Zentrum und Spiegel natürlicher Zusammenhänge und kosmischer Gesetze begriffen wird. Derartige Bildwelten lassen sich allgemein aus der mittelalterlichen Symbolik ableiten, wofür der Künstler selbst immer wieder Hinweise geliefert hat. Einzelne Menschen oder Menschengruppen vollziehen in einem bestimmten Ambiente sowie in Bezug auf natürliche Elemente oder auch zivilisatorische Zusammenhänge archetypische Handlungen, die auf die stetige Gegenwärtigkeit von Ursprungsmythen, rituellen Verhaltensweisen oder generationsübergreifenden kollektiven Erinnerungen hinweisen. Der Mensch erscheint hierbei als in ein Netz von universalen Gesetzmäßigkeiten eingebunden, die seinen, bei Viola oftmals thematisierten Tod, als etwas Positives erscheinen lassen.

In seinen neueren Arbeiten, wie hier in Berlin, verlagerte Viola die gestalterischen Akzente dagegen deutlich auf komplexere, zeitlich gedehnte Bilderzählungen, in denen Menschen schauspielerisch-zeitlupenhaft wie auf einer Bühne agieren. Man könnte sagen, sie bewegen sich in einer Welt, die der realen Welt gleichnishaft gegenübersteht. Raum und Zeit sind hierbei nicht mehr als kategoriale Teile einer in alltäglicher Wirklichkeit ablaufenden Entwicklung zu sehen, sondern als Elemente einer abstrakten, ’anderen’ Wirklichkeit. Man könnte in diesem Zusammenhang vielleicht die Vorstellung von Paul Cézanne erwähnen, der seine Malerei als ”parallel zur Natur” bezeichnete. Dementsprechend glaube ich, daß seine Bildwelten in den jüngeren Videoarbeiten einen Zustand von zeitlosem Raum und raumloser Zeit umschreiben, einen Zustand, der vielleicht mit gewissen bildnerischen Konzepten aus der abstrakten oder gegenstandslosen Kunst vergleichbar ist. Zu fragen ist hier nun, ob sich Viola mit seinen Arbeiten insgesamt von der Tradition weg auf eine neue ”Weltsicht” hinzubewegt oder ob er sich nicht vielmehr in der Auseinandersetzung mit Werkkonzepten und Bildideen aus der Kunstgeschichte zu einer Art ”Metaebene des Bildbegriffes” zubewegt.

 

Der künstlerische Beginn: Experimente mit Videotechnik, Neuer Musik und Performance.

Bill Viola wurde am 25. Januar 1951 in New York geboren und lebt seit 1981 mit seiner Frau, Kira Perov, und seinen beiden Söhnen Blake und Andrei in Long Beach/Kalifornien, in der Nähe von Los Angeles. Er studierte zunächst von 1969-1973 an der Syracuse University in New York und wurde dort zum Bachelor For Arts graduiert. Schon während seines Studiums begann er mit der Videokamera zu experimentieren. 1972 entstand dann sein erstes Videotape (’Wild Horses’) und seine erste Video-Installation (’Instant Replay’). Zu dieser Zeit ist er Assistent am Everson Museum of Art, Syracuse (1972-74) unter dem Kurator für Video, David Ross. Die von 1972 bis 1975 geschaffenen Arbeiten zeigen Violas Interesse an der Videotechnik, am Durchspielen ihrer technischen Möglichkeiten sowie an Fragen der menschlichen Wahrnehmung. Es ist die Phase der ’Erfahrung der Sinne’ und der Suche nach geeigneten Ausdrucksformen mit der Videokamera. Zwischen 1972 und 1974 war er außerdem als Ausstellungsassistent bei Nam June Paik, Peter Campus und anderen Künstlern beschäftigt. Während dieser Zeit begann er auch ein Studium bei dem Komponisten David Tudor und nahm an verschiedenen Projekten des Musikers teil.

Im Jahr 1974 kamen die ersten tragbaren Farbvideokameras auf den Markt und mit ihnen die computergesteuerte Video-Montagetechnik. Violas erste Videosammlung, in der diese Kamera Verwendung fand, ist sein ’Red Tape’ von 1975. Von 1976 bis 1981 arbeitet dann er als Artist-in-residence am Thirteen Television Laboratorium in New York, wo er erstmals mit einem neuen computergesteuerten Schnittsystem arbeitete, das in seiner zweiten Videosammlung mit dem Titel ’Four Songs’ von 1976 Verwendung fand. Im Jahr 1987 begann er verstärkt, spezielle Schwarz-Weiß-Kameras einzusetzen, so unter anderem Infrarot-, Restlicht- und Überwachungskameras. 1988 benutzte er in Verbindung mit der Installation ’The Sleep of Reason’ erstmals computergesteuerte, sich selbst generierende Schnittstrukturen, die das Element des Zufalls in das Werk integrierten. Seit 1989 verwendete er zudem verstärkt Video-Laserdiscs als technisches Medium zur Wiedergabe der Bildprojektionen, da sie eine wesentlich längere Haltbarkeit als Videotapes haben. Für den im MMK Frankfurt fest installierten Raum ’The Stopping Mind’ (1989-1991) entwickelte Viola am Computer weitere Techniken und schuf ein Werk, dessen Bilder – aufbauend auf einer von ihm entwickelten Software – ohne Pause oder Wiederholung in immer neuen Konstellationen zyklisch Ablaufen. Im Jahr 1994 produzierte er schließlich auf Einladung des Ensemble Modern Frankfurt eine Videoprojektion zu Edgard Varèses Komposition ’Déserts’.

Ein Künstler auf der Suche nach der Welt

Das besondere Interesse Violas galt von Beginn seiner künstlerischen Tätigkeit an Fragen der menschlichen Wahrnehmung und ihrer bildlichen Entsprechung mit den Mitteln der Videoübertragung. Anhand von narrativen, alltäglichen Handlungen sowie deren technischer Bearbeitung mit unterschiedlichen Hilfsmitteln untersuchte er den Menschen und seine Sinne. Hierbei war die Bearbeitung realzeitlicher Handlungsabläufe unter verschiedensten räumlichen und zeitlichen Koordinaten ein wichtiges Ausdrucksmittel, um die ineinander verflochtenen Bereiche der subjektiven und objektiven Weltwahrnehmung parallel ausdrücken zu können.

In seinen frühen Videotapes und Video-Installationen von etwa 1972-1976 setzte der Künstler die Kamera zunächst stets als ’Beobachtungskamera’ ein. Mit ihr beobachtete er den Menschen gegenüber, den ’Anderen’, um über seine Handlungen, Verhaltensweisen oder Reaktionen Erfahrungen zu sammeln und uns seine Erkenntnisse zu vermitteln. Die Videokamera wird von ihm hierbei als ein ’Objekt’ verstanden, dessen Funktion in der Fixierung der optischen Wahrnehmung des Menschen von seiner Außenwelt steht.

Seit etwa Mitte der siebziger Jahre traten dann parallel zur Beobachtung der äußeren Welt immer stärker die Wahrnehmungsvorgänge vom Innern des Menschen hinzu, die die Vorstellung von der sichtbaren Wirklichkeit entscheidend beeinflussen. Viola setzte die Videokamera seither verstärkt als ’Stellvertreter’ für das ’innere’ Auge des Künstlers ein, mit dem er seine subjektive Weltwahrnehmung, d.h. Vorgänge des Bewußtseins und Unterbewußtseins und damit seine Gedanken, Erfahrungen, Gefühle, Erinnerungen oder Träume erfahrbar machen möchte. Dadurch entsteht ein komplexes Beziehungsgeflecht aus innerer und äußerer Welterfahrung, das in den Bildsequenzen und Zeitstrukturen seiner Werke in unterschiedlicher Form zum Ausdruck kommt.

Oft tritt Viola gleichzeitig als Akteur und Kameramann auf, manchmal aber auch als das wahrmehmende Subjekt an sich, das sein Dasein in Form von raum-zeitlichen Realsituationen schildert. Diese Realsituationen werden von ihm dann in verschiedenen Arbeitsschritten zu vielschichtigen ‚überzeitlichen‘ audio-visuellen Handlungseinheiten transformiert. Die Transformation erreicht Viola unter anderem durch unterschiedliche Laufgeschwindigkeiten der Videobänder, durch die graduelle Beschleunignung oder Verlangsamung von Bildfolgen bis zur extremen Zeitlupe, durch die Einbeziehung von aus einem anderen Zusammenhang genommenen Standbildern oder durch die filmische Aneinanderreihung, Überblendung oder Überlagerung von Szenen und Ereignissen, die als Spiegelung verschiedener Bewußtseinsebenen zu verstehen sind. Die gestalterischen Ergebnisse in Form von zeitlich verzögerten oder beschleunigten, progressiven oder regressiven Videoprojektionen schärfen das Bewußtsein des Betrachters durch die Aufhebung der natürlichen Zeitlichkeit. Der Mensch, der die nach eigenen Gesetzmäßigkeiten ablaufenden Bildwelten betrachtet, erkennt seine Abhängigkeit vom ewigen und unaufhaltsamen Fluß der kosmischen Zeit, wird sich aber auch klar darüber, daß er nur mikrokosmischer Bestandteil eines großen Ganzen ist, welches er nicht beeinflussen kann.

Viola thematisiert die optische Wahrnehmung als einen Prozess, der bei der visuellen Aufnahme faktischer Bilder beginnt, welche zunächst in unser tieferes Bewußtsein vordringen, um dann schließlich in unserem Gedächtnis gespeichert zu werden. Seine Vorstellung von Wahrnehmung ist die von einem konzentrischen Rezipieren paralleler Ereignisse in der Jetzt-Zeit, nicht etwa ein linearer Ablauf von aufeinanderfolgenden und in sich abgeschlossenen Ereigniseinheiten. Sie stellt für ihn eine Gleichzeitigkeit von Betrachtungs-, Denk- und Fühlvorgängen dar, die er in seinen Videos und Installationen simulieren oder erfahrbar machen möchte. Seine Werke verstehen sich demnach als Versuche, die Komplexität der Welterfahrung des Menschen in ein bildnerisches Medium zu übertragen.

Zeit wird von Viola dabei stets als eine subjektive Erlebniskategorie spürbar gemacht, in der die Gegenwart als eine vielschichtige Gesamtzeitlichkeit aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft geschildert wird. Vergangenheit konkretisiert sich als die Aktualisierung von Erinnerungen in der Gegenwart, während die Zukunft der Gegenwart als eine imaginäre Vorstellungswelt immanent ist. Erinnerungen und Zukunftsprojektionen sind damit als gleichzeitig in der Gegenwart verankert zu denken.

Philosophische Ansatzpunkte, die für Violas bildnerisches Denken grundlegend sind, lassen sich außer in der antiken griechischen Philosophie, dem chinesischen Taoismus, dem tibetanischen Buddhismus und dem jüdisch-christlichen Mystizismus vor allem im japanischen Zen-Buddhismus finden, der jedem Gegenstand und jedem Lebewesen in der Natur eine geistige und physische Präsenz und damit eine gleichrangige Bedeutung im Weltzusammenhang zuerkennt. Die ganzheitliche Struktur (Makrokosmos) wird an jedem ihrer einzelnen strukturalen Elemente (Mikrokosmos) erfahrbar, eine Vorstellung, die besonders auch William Blake in seinen Gedichten umschrieben hat.

Um einer Vorstellung von der Weltstruktur näher zu kommen, ging Viola von Beginn seiner Arbeit auf die Suche nach den mythischen Ursprüngen und nach den archetypischen Vorstellungen des Menschen in der Welt. Hier setzt sein Interesse für die verschiedenen Kulturen der Erde an, die alle einen Baustein im Gefüge der menschheitlichen Gesamtkultur begründen. Violas Weltvorstellung basiert somit auf dem Konzept einer strukturalistisch-anthropologischen Ganzheit, in der der Mensch einerseits das Zentrum der subjektiven Erkenntnis, andererseits das objektivierbare Spiegelbild der von ihr erfassten Weltvorstellung darstellt.

Die Erfahrung des Selbst und des anderen

Die Erfahrung des Selbst hat viele Wurzeln. Viele von ihnen liegen in unseren unteilbaren Beziehungen zur Natur, einige entstammen unserer vergleichenden Beobachtung des Anderen und viele sind auf unsere Betrachtung und Analyse des eigenen Ich als Spiegelbild und Reflex des Anderen zurückzuführen. Im Zusammenhang mit der Erkenntnis des Selbst und der Welt gibt es Momente der Antizipation, die uns unumstößliche Gesetze wie Geburt und Tod bewußt werden lassen, Momente des Wiedererkennens, der Rückkehr des Vertrauten, mit denen wir Dinge ein zweites Mal wahrnehmen und in ihrem Sein erkennen sowie Momente des Bewußtwerdens des Anderen, das mit der Trennnung des Kindes von der Mutter beginnt und sich in der Erkenntnis von Gegenständen und Personen außerhalb des Selbst aber innerhalb des gleichen Raumes manifestiert. Hierbei spielen die Wahrnehmung von Welt, das Sehen, Erkennen, Erfahren, Bewußtwerden und das Gedächtnis eine entscheidende Rolle. Der Blick zwischen Mensch und Objekt, zwischen Mensch und anderem Wesen, konstituiert die Beziehung oder Trennung zwischen beiden. Insofern ist es der Blick auf das Andere und im Spiegel der Pupille des Anderen der Blick auf sich selbst, der zur Selbsterkenntnis führt. Das Schwarz der Pupille, die Oberfläche des Wassers oder das Glas des Spiegels dienen – jedes auf seine spezifische Weise – als das Gegenüber, in dem wir uns sehen und erkennen können. Für Viola sind alle diese ’Reflektions- und Reflexionskörper’ elementare Bestandteile seiner Betrachtung der Welt, des Seins und des Selbst.

In einer der ersten großen Video-Klang-Installationen aus dem Jahr 1976, ’He Weeps for You’, erweiterte der Künstler die bereits in den Videotapes ’A Non-Dairy Creamer’ und ’Migration’ vorbereiteten Inhalte des natürlichen Zyklus, der Spiegelung und der damit verbundenen Selbstreflexion zu einem sehr verdichteten symbolischen Raum. Ein Wassertropfen formt sich innerhalb einiger Sekunden – von einer Spezialkamera gefilmt und auf eine große Videoleinwand projiziert – aus einer Wasserleitung. Der Betrachter erkennt, bei entsprechender Konstellation, mit der Entstehung des Tropfens gleichzeitig die Herausbildung des Spiegelbildes eines anderen Menschen. Mit dem Verschwinden des Tropfens und Spiegelbildes ertönt der laute Ton einer Trommel: es ist der auf einen Klangkörper auftreffende Tropfen, der sich in tausend kleine Tropfen auflöst und gleichsam in alle Richtungen von Raum und Zeit zerstreut wird. Mit dem sich immer wiederholenden anfänglichen Ereignis erfolgt symbolisch die mit der Selbsterkenntnis einsetzende Selbstidentifikation eines Menschen, aber auch der Blick des Individuums auf den Anderen. Das abschließende Ereignis umschreibt schließlich metahphorisch die Entstehung der Struktur des Mikrokosmos im unendlich vielfältigen Makrokosmos. Die Ganzheit der Handlung deutet in Verbindung mit der rhythmischen Serialisierung auf eine zyklische Weltvorstellung hin, der der Mensch innerhalb der Koordinaten Geburt, Leben, Tod eingebunden ist.

 

Innenwelten: Wahrnehmung, Bewußtsein, Gedächtnis

Was sich in Violas erstem Videozyklus ’Red Tape’ von 1975 in gewisser Weise bereits angedeutet hat, entwickelte der Künstler in den ’Four Songs’, einer Sammlung mit Videotapes aus dem Jahr 1976, noch konsequenter weiter. Viola ging es nun zunehmend um die Erfahrung und Sichtbarmachung der komplexen Zusammenhänge zwischen Sein und Welt, Mikro- und Makrokosmos, Raum und Zeit, Mensch und Natur, Körper und Geist, Denken und Fühlen, Leben und Tod, innerer und äußerer Realität sowie zwischen Geschichte, Gegenwart und Zukunft. Er setzte die Videokamera nun nicht mehr primär als Beobachtungskamera der sichtbaren Welt ein, sondern vielmehr als einen Stellvertreter des wahrnehmenden ‚Subjekts‘. Seine Beobachtungen konzentrierten sich nun vor allem auf die unsichtbaren inneren Vorgänge im Menschen, d.h. auf die durch das Sehen und Wahrnehmen in Gang gesetzten psychophysischen Prozesse des Denkens und Fühlens, der Erinnerung und Assoziation, des Wunsches und Traums. Sein besonderes Interesse galt dabei der Erfahrbarkeit des Übergangs vom einfachen Sehen zur Wahrnehmung bis zu den verschiedenen tieferliegenden Ebenen des Bewußtseins und des Gedächtnisses.

In dem Videotape ’The Space Between the Teeth’, dem dritten der ’Four Songs’, beginnen sich zwei verschiedene Situationen ab einem bestimmten Zeitpunkt zunächst nur kurz, dann in gegenläufiger Progression zeitlich zu überlappen und zu verdrängen. Die Vorgänge im Inneren des Menschen werden allmählich durch die äußeren, alltäglichen Vorgänge, Ereignisse, Handlungen überlagert und schließlich ersetzt. Unterschiedliche Zeitebenen verschmelzen miteinander, konstituieren eine Situation aus ‚überzeitlicher Zeitlosigkeit‘. Innen und Außen vermitteln in sukzessivem Rhythmus eine Vorstellung von konzentrischer Wirklichkeit. Die scheinbar objektive Progression der Zeit wird von Viola hier als eine alleine von der Wahrnehmung und der Psyche des Menschen abhängige subjektive Kategorie vor Augen geführt. (Video I)

Im Jahr 1991 entstand nach vier Jahren Vorbereitungszeit das vom ZDF beauftragte Schwarz-Weiß-Video ’The Passing’, in dem Tag- und Nachtbilder, die mit speziellen lichtverstärkenden Kameras gefilmt wurden, zu einer ’überzeitlichen’ Collage über Geburt, Leben und Sterben zusammengeführt wurden. In diesem bisher letzten Video mit autobiographischem Inhalt verdichtete der Künstler mit Hilfe einer ’konzentrischen Choreographie’ viele Momente, die für sein Leben innerhalb von vier Jahren von Bedeutung waren, zu einer Standortbestimmung der eigenen Person in der Gegenwart, aber auch zu einer Analyse der subjektiven Wirklichkeit des Seins in der Welt. (Video II)

Der Inhalt des Videos hat einen einfachen erzählerischen Aufbau: Der Künstler selbst wird in rhythmischer Folge als ein ruhelos Schlafender gezeigt, gefolgt von einer Reihe optisch unterschiedlich klarer Bildseqenzen, die sich als Szenen aus Erinnerungen, Traumbildern und inneren Visionen Violas deuten lassen. Sein meist ruhiges Atmen, das teilweise von anderen Geräuschen – etwa dem Zirpen von Grillen – oder von gespannter Lautlosigkeit überlagert wird, sich teilweise aber auch zu einem schnellem Rhythmus steigert, durchzieht das Video wie ein roter Faden und stellt die einzige Verbindung zur konkreten Wirklichkeit des Künstlers dar. Aufgrund der Intensität mancher Ereignisbilder wacht er kurzzeitig immer wieder auf, um sich anschließend sofort wieder seinen Traumbildern hinzugeben. Die wichtigsten Ereignisbilder setzen sich aus Szenen oder Situationen zusammen, die seiner alltäglichen Lebenswelt sowie verschiedenen nächtlichen Landschaften in der Wüste Nevadas, in Utha oder in der Umgebung von Los Angeles entnommen sind, oder sie manifestieren sich in Unterwasseraufnahmen mit einer visionären Aussagekraft.

Um die verschiedenen Zeitstufen und Ebenen des Bewußtseins, denen die Ereignisse zuzuordnen sind, in entsprechende Videobilder übertragen zu können, benutzte Viola drei spezielle Kameras: Eine Nachtkamera, die lichtempfindlicher ist als die einfache Videokamera, eine Superlowlight-Kamera, die vor allem bei Mondschein zur militärischen Nachtüberwachung eingesetzt wird und eine Infrarot-Kamera, mit der Nachtaufnahmen auch ohne Licht möglich sind.

Mit ’The Passing’ versucht Bill Viola die Zusammenhänge zwischen der wahrnehmbaren Wirklichkeit der Gegenwart, der vergangenen Wirklichkeit früherer Gegenwart und den im Unterbewußtsein stattfindenen komplexen Beziehungsstrukturen des Traumes sowie der imaginären Wirklichkeiten in filmischen Annäherungen zu beleuchten. ’Passagen’ bedeuten für Bill Viola Durchbrüche aus raum-zeitlich scheinbar klar zu definierenden Handlungseinheiten in räumlich und zeitlich unabhängige ’konzentrische’ Beziehungsgeflechte. Alltagsereignisse werden zu Träumen umgedeutet, die Nacht wird zum Tag, Erinnerung zur Realität, verschiedene Zeitlichkeiten zu einer Symbiose der Zeitlosigkeit verschmolzen. Durch die dialogartige Anwendung des inneren Auges, d.h. die Einbeziehung der Positionen des Beobachters und des Beobachteten, gelingt es ihm, Autobiographisches und Individuelles zu einer Metapher über das kollektive Gedächtnis zu verdichten.

Innenwelten – Außenwelten

In einigen seiner Arbeiten – und hier vor allem seiner Video-Klang-Installationen, von denen in den achtziger Jahren einige wenige, die meisten dann nach 1991 entstanden – thematisierte Viola vor allem Inhalte, die im Zusammenhang mit den Innen- und Außenwelten des Menschen stehen. Diese Inhalte betreffen die vom Menschen mit seinem Körper, seinen Sinnen und seiner Wahrnehmung erfahrene Natur, Landschaft und Welt, d.h. seine Außenwelten ebenso wie die Erkenntnis von Gefühlen und anderen psycho-physischen Prozessen in seinem Geist, seine Innenwelten. Subjektive Wirklichkeit konstituiert sich aus der Wahrnehmung dieser beiden Welten. Ihnen versucht sich Viola mit Hilfe der Videokamera zu nähern, sie anhand einer spezifischen bildsprachlichen und klanglichen Form auch für uns erfahrbar werden zu lassen. Viola berührt mit seinen Werken Fragen des Mythos, des Spirituellen, der Mystik, der Metaphysik, der Imagination, des Traumes, des Schlafes und der Vernunft. Er wagt einen Blick auf die hinter der jeweils gegenwärtigen Realität des Individuums liegenden Beziehungsstrukturen zwischen Subjekt und Welt. Beide Bereiche sollen in seinen Werken simultan erfahrbar werden, um im Betrachter eine ganzheitliche Vorstellung von der Realität der Gegenwart entstehen zu lassen. Gegenwart bedeutet für Viola die bewußte und unbewußte Wirklichkeitsaneignung, in die Momente des individuellen und kollektiven Gedächtnisses und der in die Zukunft projizierten Imagination miteinfließen.

Eine inhaltlich divergente Behandlung der Vorstellungen von Innenwelt und Außenwelt behandelte Viola dann in der im Jahr 1988 entstandenen Video-Klang-Installation mit dem Titel ’The Sleep of Reason’. Diese setzt sich mit den Fragen des Bewußtseins und des sich im Schlaf manifestierenden Traumes als Reflex des Unterbewußtseins auseinander. Im Traum konkretisieren sich oft Wahrheiten, die wir mit unserer Vernunft nicht erkennen wollen oder können. Um die Monster der Wirklichkeit unserer Welt bannen zu können, bedarf es nicht immer der Vernunft, die in allem einen Sinn sieht, aber auch stets zu Kompromissen bereit ist, sondern der Weisheit jenseits der Vernunft, der Weisheit des Traumes, der Imagination und der Phantasie, mit der die Wirklichkeit des Geistes vor der Vernunft beginnt.

Durch einen schmalen Eingang betritt man einen fast leeren beleuchteten Raum, der mit einem schönen, weichen, grauen Teppich ausgelegt ist. Dem Eingang gegenüber steht, vor der hinteren Wand, eine dunkle, ältere Kommode aus Holz. Links auf der Kommode brennt eine Tischlampe, rechts neben ihr leuchtet ein Digitalwecker mit roten Ziffern, etwa in der Mitte befindet sich ein kleiner Fernsehmonitor, auf dem das in Realzeit gefilmte Gesicht einer schlafenden Person zu erkennen ist. Gleich rechts daneben wird die Gruppe aus Alltagsgegenständen von einer Blumenvase aus Glas, in der mehrere weiße Rosen stehen, ergänzt.

Während man den Rhythmus der Atembewegungen im Gesicht der Person betrachtet, werden im Raum selbst unterschiedliche Geräusche der Außenwelt leise hörbar: Geräusche von vorbeifahrenden Autos und vom Nachtwind.

Gerade hat man den sichtbaren Objektbestand im Raum betrachtet und möchte weitergehen, da erlischt plötzlich das Licht. Mit der eintretenden Dunkelheit erscheinen auf den zuvor drei weißen Wänden große projizierte farbige und bisweilen stark bewegte Bildsequenzen, die – begleitet von einem lauten Raunen, Dröhnen und Brüllen – den Raum mit lärmenden Bildern und Geräuschen erfüllen. Genauso schnell, wie die Videobilder erscheinen, verschwinden sie nach wenigen Sekunden auch wieder mit der Dunkelheit. Der Raum wird nun erneut vom weichen gelben Licht der Normalbeleuchtung erfüllt. Nach einer zweiten ‘Ruhephase‘ tauchen mit der plötzlich wieder eintretenden Dunkelheit andere lärmende Videobilder auf den drei Wänden auf. Nun erst bemerkt man, daß während ihrer Handlungssequenz zwar der digitale Wecker weiterleuchtet, aber der Monitor und die Tischlampe erlöschen. Dieser Vorgang wiederholt sich mehrmals, wobei der Zeitrhythmus der Video-Klang-Installation auf einer aleatorischen Struktur basiert.

Das rasche, mehrmalige Hin- und Herzoomen einzelner Motive mit der Kamera verstärkt neben der den meisten gefilmten Szenen inhärenten Bewegung noch zusätzlich die Bewegungssuggestion und führt beim Betrachter zu einer Verunsicherung beim Wahrnehmungsprozess. Gefühle des Unwohlseins oder Unbehagens, der Destabilisierung des Gleichgewichts, des Bedrohtseins oder der Angst stellen sich ein. Bei manchen Bildern fühlt sich der Betrachter an eigene Träume, Wahrnehmungen, Erfahrungen oder an Situationen erinnert, die er nicht vergessen kann.

Die Bewegung des Betrachters im Raum beschreibt zunächst einmal den Weg in eine private Alltagswelt. Das Mobiliar und die Gegenstände versinnbildlichen die Privatsphäre der schlafenden Person, in die wir physisch und mental eindringen. Die Tischlampe wirft ein intimes Licht, welches sich nur bis zu einer geringen Entfernung von der Kommode aus gesehen erstreckt. Der Wecker gibt uns einerseits unsere Realzeit wieder, andererseits ebenso die andere Realzeit der schlafenden Person. Über diese Verflechtung von Zeit und Raum funktioniert auch unser Eingebundensein in das weitere Geschehen. Die künstlichen weißen Rosen verweisen auf einen Stillstand, ein ‘Einfrieren‘ der Zeit: Die Wiederholung der Ereignisse in diesem Raum finden somit in einer ‘abstrakt‘ zu denkenden Raum-Zeit statt. Der Raum steht außerhalb der Realzeit und demonstriert dennoch Handlungen und Ereignisse, die dieser Realzeit entnommen wurden. Er versinnbildlicht exemplarisch das ‘Sein‘ in Raum und Zeit, die Existenz des Menschen in seiner gewohnten, alltäglichen Umgebung. Die als ein ‘virtuelles‘ Bild wiedergegebene schlafende Person deutet ihrerseits auf die genannte abstrakte Raum-Zeit-Situation hin, läßt uns aber dennoch von einem distanzierten Standort aus an ihrer Privatheit teilhaben.

Unser Bewußtsein nimmt die Geräusche aus der Umgebung des Schlafenden auf, wie dies sein Unterbewußtsein gleichfalls tut. Während wir den Schlafenden in unserer realen Gegenwart wahrnehmen, befindet sich dieser aus seiner Sicht in seiner Gegenwart, das heißt im Zustand des Träumens. Dieses Träumen macht Viola für uns in einer ‘überzeitlichen‘ Projektion aus bewegten Bildsequenzen sichtbar. Diese Bildsequenzen sind Fragmente aus Träumen der schlafenden Person, Bilder der Nacht, des Schreckens, der Bedrohung, der Angst, der Existenzangst, der Vergänglichkeit oder der Vorahnung des Todes, aber auch Bilder der Natur, der Wissenschaft und der Erkenntnis, stets am Übergang in eine andere Welt zu leben.

‘The Sleep of Reason‘ ist ein Werk, das sich mit dem Schlaf, der Vernunft und dem Traum auseinandersetzt, also mit den ’Innenwelten’ unseres Geistes. Der Werktitel geht auf einen Kupferstich Francisco de Goyas aus der Serie der Caprichos zurück, die dieser als ”ein satirisches Traktat über 80 Untugenden und Vorurteile, welche die Gesellschaft plagen“ verfasst hat. Unter diesen Caprichos, die im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts entworfen sowie im Jahr 1799 der Öffentlichkeit vorgestellt wurden, befindet sich unter Nummer 43 die Tafel mit dem Titel ”Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer”. In einem zeitgenössischen Manuskript dazu heißt es: ”Die von der Vernunft verlassene Phantasie erschafft unglaubliche Ungeheuer. Vernunft vereint mit Phantasie ist dagegen die Mutter aller Künste und der Ursprung ihrer Wunder.“

Auf Goyas Kupferstich ist ein auf seinen Schreibtisch gebeugter, schlafender Mann dargestellt, der Künstler selbst, dem im Traum unterschiedliche Monster in Tiergestalt erscheinen. Zu sehen sind Eulen, Fledermäuse und eine Katze. Im Traum erkennt der Künstler die Situation der Gesellschaft, die von den Lastern, Boshaftigkeiten und unmoralischen Handlungsweisen der Menschen geprägt wird. Im Traum wird die verkehrte Welt folglich als die wahre enthüllt.

Viola greift Goyas bildnerisch-gesellschaftskritischen Ansatz auf und thematisiert mit ‘The Sleep of Reason‘ eine vom Künstler selbst formulierte Vorstellung von der Gesellschaft. Die vom Licht in der Dunkelheit aufgeschreckte Eule bildet das motivische Verbindungsglied zu Goya. Sie ist es, die als Sehende in der Nacht die versteckten, behüteten, verschwiegenen Wahrheiten von Menschen über andere Menschen offenlegt. Viola versucht mit ‘The Sleep of Reason‘ deutlich werden zu lassen, daß die Realität des Traumes nicht unbedingt eine Scheinrealität ist, sondern daß sie womöglich ein wichtiger Teil unserer alltäglichen Wirklichkeit ist, während wir uns in unserer Alltagsrealität den Schein der schönen Realität aufrechthalten. ‘Der Schlaf der Vernunft‘ ist der Schlaf, in dem der Künstler die Wahrheit erkennt und in dem ihm die Ungeheuer der gesellschaftlichen Realität bewußt werden.

Für einen quadratischen Ausstellungsraum des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt hat Viola im Jahr 1989 eine Video-Klang-Installation mit dem Titel ’The Stopping Mind’ konzipiert, die als einzige Arbeit des Künstlers seit 1991 permanent in einem Museum zu sehen ist. In dem vollständig schwarz ausgemalten Raum, den man als eine ‚Black Box‘ bezeichnen könnte, hat Viola vier gleiche, großflächige Projektionsleinwände in einem bestimmten Abstand zu den Außenwänden aufgehängt, sodaß sie die Seitenflächen eines an den Ecken offenen Würfels beschreiben. Durch die Leinwände ent­steht ein Raum im Raum, den der eintretende Betrachter als das Innen und Außen einer Ganzheit erfährt. Vier jeweils über der Mitte der Leinwandrahmen an der Decke montierte Großbildprojektoren werfen auf die gegen­überliegenden Projektionsflächen simultan stillstehende oder bewegte Videobilder, die untereinan­der immer in motivischem und inhaltlichem Zusammenhang stehen.

Betritt man den Raum, herrscht zunächst Stille. Diese wird al­lein durch ein leises Flüstern durchbrochen, das – je weiter man in den Raum hineingeht – immer lauter wird und das sich schließ­lich – steht man exakt in der Raummitte – als eine flüsternd ge­sprochene, artikulierte Sprache zu erkennen gibt. Die Stimme des Künstlers zitiert ohne Unterbrechung und in monotonem Gleichklang einen englischen Text, der die allmähliche medita­tive Versenkung des Geistes in das eigene Ich umschreibt. Sie gibt den beispielhaften inneren Monolog eines Menschen wieder, der mit der Abwendung von der sichtbaren Welt, von der optisch erfahrbaren Realität, stufenweise in die Welt der inneren Realität vordringt, in die Bereiche der Wahrheit und der Erkenntnis. Es wird ein Seinszustand beschrieben, in dem keine Gefühle, kein Laut, keine Empfindungen existieren, in dem Dunkelheit und Ruhe herrschen, in dem sich der Geist von der Alltagswelt und vom Körper löst, um mit der Ganzheit ‚Welt‘ zu einer Einheit zu verschmelzen.

Plötzlich und ohne Vorwarnung geraten die stillstehenden Bilder, begleitet von dröhnenden, lauten Geräuschen, in heftige Bewegung. Simultane Bildfolgen mit Motiven der sichtbaren, hör­baren und fühlbaren Alltagswirklichkeit stürmen mit Getöse auf den im Raumzentrum stehenden Menschen ein. Teilweise von leich­ter Furcht, teilweise von Interesse an den Vorgängen gefesselt, versucht sich der Betrachter innerhalb der klangvollen Bilder neu zu orientieren, um die Motive und Situationen konkreter fas­sen zu können. Das ebenso plötzliche Gefrieren der gerade noch bewegten Bilder in neuen Standbildern läßt den Klang in Raum und Ohr noch eine kurze Weile nachhallen, um schließlich ganz zu verstummen. Erst jetzt bemerkt man, daß die flüsternde Stimme in der Raummitte vom Klang der bewegten Bilder überlagert war und nun wieder allmählich hörbar wird. Die Wirklichkeit der äußeren Welt verschwindet für kurze Zeit wieder hinter der Wirklichkeit der inneren Welt des Menschen.

Die Sequenzen bewegter und plötzlich festgehaltener Bilder rufen in uns zahlreiche Erinnerungen hervor. Wir erleben uns selbst im Spiegel der phänomenalen Wirklichkeit, als Teil eines pulsieren­den Ganzen. Die Direktheit der Videogroßbildprojektionen führt uns unsere Wahrnehmung der Gegenwart, unsere Gedanken, Gefühle, Empfindungen, Erlebnisse und Erfahrungen beispielhaft und aus­schnitthaft vor Augen. Der Betrachter wird damit einerseits zum Zentrum der Videoinstallation, zum integralen Bestandteil des gestalteten schwarzen Raumes, während dieser Raum andererseits in seiner Ganzheit eine Paraphrase des menschlichen Geistes dar­stellt und wir damit gleichzeitig zum distanzierten Beobachter unserer Wahrnehmung, unserer Handlungen und unserer inneren gei­stig-emotionalen Vorgänge werden.

Viola führt uns mit ’The Stopping Mind’ die doppelte Wirklich­keitsvorstellung, die unser Leben, unsere Gegenwart und unser Sein bestimmt, eindringlich vor Augen. Zeit erfährt man hier als eine Basiskategorie, die alles Materielle und Geistige in ständiger Bewegung hält, sie wird aber auch als eine abstrakte Größe deutlich gemacht, indem sie eingefroren, verlangsamt oder angehalten wird. Damit wird es für den Betrachter möglich, über Zeit, Veränderung, Werden, Wachstum und Vergänglichkeit von einer außerhalb liegenden, unabhängigen Position aus zu reflektieren. Viola führt uns die Macht des Geistes und die in ihm verborgenen Momente der Wahrheit und der Erkenntnis in eindringlich-metaphorischen Bildern vor Augen und er umschreibt unser Bewußtsein als einen kleinen aber wesentlichen Teil des kollektiven Gedächtnisses.

Epilog

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

wie ich Ihnen zu zeigen versucht habe, ist für Bill Viola das Medium Video nicht die Botschaft selbst, sondern ein geeignetes Mittel, um bestimmte Inhalte auszudrücken. Wie ein Maler mit Pinsel und Farbe auf die Leinwand malt, so malt Viola mit der Videokamera seine Bildwelten aus Versatzstücken der Realität, der Scheinrealität, des Gedächtnisses oder des Unterbewußtseins. Es geht ihm nicht darum, im Betrachter eine metaphysische Vorstellung an sich, oder eine religiös-spirituelle Haltung zu erreichen, sondern vielmehr möchte er uns auf teilweise emotionale, teilweise nachdenklich-intensive Weise in seine Bildwelten verstricken, damit wir uns auf die Geheimnisse des Lebens zurückbesinnen, uns an die Schönheit Natur erinnern und uns auf die Ursprünge unserer Erkenntnisfähigkeit zurückbesinnen. Er möchte uns in den Bann seiner kraftvoll-magischen Bilder ziehen, um uns an unsere Ursprünge in der Natur zu gemahnen. Er weckt in uns den Wunsch, daß wir zu unseren Grundlagen der Mythen, der Kultur und der Philosophie zurückfinden und er öffnet für uns exemplarisch längst verborgene Welten des Metaphysischen und Spirituellen, ohne die Grenzen des Spekulativen zu berühren. Violas Videokunst zielt auf die Erkennbarkeit des Sichtbaren und Unsichtbaren, auf die Erfahrung der Ganzheit von Individuum und Welt.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit

Rolf Lauter