DAN FLAVIN, MMK FRANKFURT 1989-1999-2002

 Dan Flavin

Two Primary Series and one Secondary

For Karl Ströher 1968

Installation Art Frankfurt 1989

Installation MMK im Alten Hauptzollamt, Frankfurt 1999

&

Installation MMK – Museum für Moderne Kunst

Frankfurt am Main 2002

 

Zertifikate

 

Brief der DAN FLAVIN LTD und Dan Flavin‘s Assistent Steve Morse vom 4.3.1993

ROLF LAUTER, DAN FLAVIN - TWO PRIMARY SERIES, STUDIO CONCEPT BY STEVE MORSE, MMK FRANKFURT 4.3.1993

ROLF LAUTER, DAN FLAVIN - TWO PRIMARY SERIES, STUDIO CONCEPT BY STEVE MORSE, MMK FRANKFURT 4.3.1993

 

Installation Art Frankfurt 1989

Informationsheft 2, MMK – Museum für Moderne Kunst, Frankfurt

 

ROLF LAUTER, DAN FLAVIN - TWO PRIMARY SERIES, BOOKLET TO THE ARCHITECTURE AND COLLECTION 2, MMK FRANKFURT 1989

ROLF LAUTER, DAN FLAVIN - TWO PRIMARY SERIES 1968_, MMK FRANKFURT 1999

 

 

Einladung

Dan Flavin – Projektraum Altes Hauptzollamt 1999

 

MMK Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main

Sonderpräsentation anlässlich der Aktion „2000 und 1 Nacht“ – Zeiträume, initiiert von Sound of Frankfurt

Dan Flavin: Two primary series and one secondary (1968)

Ausstellungsraum „Altes Hauptzollamt“, Domstraße 1-5

Die Eröffnung findet

am Freitag, den 31. Dezember 1999, um 17 Uhr, statt.

Begrüßung: Dr. Hans-Bernhard Nordhoff, Kulturdezernent der Stadt Frankfurt am Main

Grusswort und Schirmherrschaft: Bischof Prof. Dr. Franz Kamphaus, Bistum Limburg

Einführung: Dr. Rolf Lauter, Stellvertretender Direktor Museum für Moderne Kunst Frankfurt

 

 

Eröffnungsrede der Ausstellung

Dan Flavin „Two Primary Series And One Secondary“

Museum für Moderne Kunst im Alten Hauptzollamt 1999

Lieber Bischof Kamphaus, meine sehr verehrten Damen und Herren,

an diesem besonderen Tag und wenige Stunden vor der „ersten Wende zum dritten Jahrtausend“ freue ich mich sehr, gemeinsam mit Ihnen die erste Sonderausstellung des MMK im Alten Hauptzollamt eröffnen zu können. Diese Ausstellung steht unter der Schirmherrschaft des Bischofs Kamphaus und setzt damit ein wichtiges Signal für die Zukunft: Die Katholische Kirche und das Museum für Moderne Kunst werden in etwa drei Jahren in dem dann renovierten Gesamtgebäude ihre Arbeit aufnehmen und zahlreiche Projekte in Zusammenarbeit realisieren. Auf diese spannende Zeit freuen wir uns sehr.

Eine erste Instandsetzung des Alten Hauptzollamtes wurde durch die unbürokratische Hilfe des Hochbauamtes und hier insbesondere mit Unterstützung von Herrn Altmeyer möglich gemacht. Ihm und seinen Mitarbeitern danke ich hierfür. Bei der planerischen Vorbereitung waren der Architekt Andrés Bäppler und Kirsten Haake, freie Mitarbeiterin des MMK, unentbehrlich. Angelo Mule, der Handwerker im MMK hat mehrere Tage und Nächte Malerarbeiten durchgeführt. Auch ihnen gilt mein herzlicher Dank. Die finanziellen Mittel für diese erste Instandsetzung der MMK-Räume konnten wir aus den Mitteln der Bauunterhaltung bereitstellen.

Das MMK nutzt ab sofort nicht nur die ehemalige Schalterhalle des Zollamtes als einen neuen Ausstellungsort für temporäre Werkpräsentationen, sondern hat auch bereits einige dringend notwendig gewordene Räume für Verwaltung und Archive übernommen. Dadurch entspannt sich erfreulicherweise die Raumsituation im Museum selbst.

Rolf Lauter, dem Kurator dieser ersten Sonderpräsentation des MMK, und seinem Mitarbeiter Christian Kaufmann möchte ich an dieser Stelle für ihren Einsatz im Zusammenhang mit diesem Projekt sehr herzlich danken. Die finanziellen Mittel für Dan Flavins Lichtinstallation wurden erfreulicherweise zum einen von der Katholischen Kirche, zum anderen vom Kulturdezernat zur Verfügung gestellt. Ich hoffe, dass wir auch hier die Weichen für eine gemeinsame Zukunft gestellt haben. Das MMK wird in den nächsten beiden Jahren während der Vorbereitungs- und Planungszeit für das neue Gebäude der zukünftigen Katholischen Akademie temporäre Ausstellungen veranstalten, um dann nach der eigentlichen Umbauphase im Jahr 2003 endgültig in das neue Gebäude einziehen zu können. Mit der Eröffnung dieses Gebäudes wird dann der sogenannte „Projektraum MMK“, in dem vor allem Werke und Werkgruppen junger Künstler vorgestellt werden sollen, seine Arbeit aufnehmen.

Die Lichtinstallation „Two Primary Series And One Secondary“ von Dan Flavin ist einer der wichtigsten Räume, den die Stadt Frankfurt mit einem großen Teil der ehemaligen Sammlung Ströher aus Darmstadt im Jahr 1980 für das MMK erworben hat. Das Werk wurde von Flavin 1968 für eine Ausstellung in der Galerie Friedrich, München, hergestellt und von Karl Ströher schon damals angekauft. Flavins Arbeiten sind in allen großen Museumssammlungen der Welt vertreten. Im Museum ”Deutsche Guggenheim Berlin” ist bis Januar noch eine Einzelpräsentation mit Werken des Künstlers, der im Jahr 1996 verstarb, zu sehen.

Two Primary Series And One Secondary (Zwei primäre und ein sekundäres System) besteht aus insgesamt neun Teilen, die wiederum in drei Gruppen zu je drei Teilen gegliedert sind. Die drei Teile jeder Gruppe setzen sich aus je einem Element von zwei, vier und sechs Leuchtstoffröhren zusammen. Dabei sind bei allen Elementen die Hälfte der Röhren jeweils rot, die andere Hälfte in einer Gruppe gelb, in einer zweiten blau und in einer dritten grün. Alle Leuchtstoffröhren sind senkrecht und stufenartig so nebeneinander befestigt, daß die roten jeweils erst in der Mitte der oder über den andersfarbigen Röhren ansetzen. So ergibt sich in jeder Gruppe ein Ensemble aus drei zweifarbigen Elementen, die nach dem Gesetz der einfachen progressiven Staffelung aus gleichen modulartigen Formgliedern aufgebaut sind.

Der Titel der Arbeit Two Primary Series And One Secondary bezieht sich vor allem auf die Wertigkeit der Farben im Zusammenhang mit den Farbgesetzen im Farbenkreis und bietet gleichzeitig das Erklärungsmodell für die Verteilung der Farben auf die Ausstellungsräume. Die Farben Gelb und Blau bilden zusammen mit Rot die drei Primärfarben. Rot/Gelb und Rot/Blau wurden demnach als primäre Strukturen auf die beiden ersten Räume verteilt. Grün ist eine Sekundärfarbe, die durch eine einfache Mischung aus den beiden Primärfarben Gelb und Blau abgeleitet ist. Die Kombination Rot/Grün wird als eine sekundäre Struktur bezeichnet und steht für sich alleine in dem dritten Raum. Die Farbe Rot, die einerseits alle Räume untereinander in eine wahrnehmungsästhetische Beziehung setzt, ermöglicht es dem Betrachter andererseits aber auch, die unterschiedlichen Wertigkeiten und Wirkungen der Farben Gelb, Blau und Grün zu erfahren. Über einen Zusammenhang mit den Farbgesetzen hinaus verbergen sich hinter dem Werktitel aber auch mathematische Ordnungsprinzipien, die sich auf die Elementkonstellationen beziehen.

Betritt der Betrachter nacheinander die mit intensivem Fluoreszenzlicht erfüllten Räume, fühlt er sich sofort in eine andere, unnatürliche, ‚künstliche‘ Welt versetzt. Da er die durch die Leuchtstoffröhren erzeugten reinen Farbwirkungen in der Natur nie sehen kann, ereignet sich in ihm ein ungewohntes ästhetisches Erlebnis. Infolge additiver Farbmischungen verändern sich die Farben Rot und Gelb kurzzeitig zu Orange, Rot und Blau zu Violett, Rot und Grün zu Braun. Aufgrund des Komplementärkontrastes bilden sich im Auge nach einer Farbübersättigung die entsprechenden Gegenfarben, die den Raum wiederum in ein virtuell-verändertes Kolorit tauchen. Tritt man schließlich aus den Farblichträumen heraus und blickt auf eine weiße Wand, erscheint einem diese aufgrund des Sukzessivkontrastes eine Zeit lang mit komplementären Farbtönen gefärbt.

Flavins Lichträume konstituieren eine völlige Veränderung räumlicher und ästhetischer Bedingungen. Wände, Decken, Ecken oder Fußböden erscheinen in ihren Proportionen, Dimensionen und materiellen Beschaffenheiten transformiert. Das konkrete Dasein eines Raumes wird für die Zeit des Wahrnehmungsprozesses zu einer relativen Erlebniskategorie, zu einer variablen Größe. Damit öffnet Flavin den architektonischen Innenraum für Fragen der Wahrnehmung und schärft unseren Blick für die architektonischen Grundbedingungen unserer Umwelt.

Ich freue mich nun auf die einführenden Worte von Bischof Kamphaus, dem ich sehr herzlich für sein Kommen danke. Ihnen, meine sehr verehrten Damen und Herren wünsche ich anschließend ein intensives ästhetisches Erlebnis bei Dan Flavin.

Rolf Lauter

 

 

Dan Flavin

Two primary series and one secondary, 1968

Sammlungstext von Rolf Lauter

Dan Flavin montierte im Jahr 1961 in seinem Atelier eine einfache Leuchtstoffröhre an eine Wand und war von der Wirkung, mit der ihr Licht den Raum erfüllte und die es auf die Wand abgab, so sehr beeindruckt, daß er mit diesem Medium – und zwar besonders mit Neonlicht – seit dieser Zeit künstlerisch zu arbeiten begann. „Sie hielt sich direkt, dynamisch, dramatisch an der Atelierwand – ein heiteres und ruheloses Gasbild, das durch die Strahlung seine physische Gegenwart fast bis zur Unkenntlichkeit auflöste“(Dan Flavin). Neben den wahrnehmungsästhetischen Momenten des Lichts fiel ihm in besonderer Weise aber auch die Präsenz des Leuchtstoffkörpers auf, den Flavin als ein konkretes, autonomes Objekt bezeichnete. Diese Erkenntnis führte in bezug auf sein bis zu diesem Zeitpunkt entstandenes Werk zu einem radikalen Bruch. Flavin wandte sich nun vollständig von der Malerei ab, die in der Tradition des Abstrakten Expressionismus stand, und gestaltete zunächst eine Reihe von mit Ikonen betitelten Arbeiten, d.h. einfachen, flachen, rechteckigen Kästen aus Hartfaserplatten, die teilweise mit Öl- oder Kunststoffarbe übermalt, teilweise mit Linoleum überzogen oder teilweise auch aus Resopal gearbeitet waren. An verschiedenen Stellen der Kästen – etwa auf der vorderen Fläche oder an einer der Seiten – montierte er einzelne oder auch zwei Glühbirnen bzw. Leuchtstoffröhren mit unterschiedlichen Lichtfarben , um die ästhetischen Wirkungen des Lichts auf den verschiedenen Materialien und Wänden des Umraumes zu untersuchen. Sowohl in Zusammenhang mit den objekthaften Lichtkörpern, als auch in bezug auf die konkreten Objektkästen zeigt sich in formaler Hinsicht eine Konzentration auf einfache, ‚primäre‘ Formen, die Flavins Werke seit dieser Zeit in eine enge Beziehung zu der Minimal Art setzen.

In den Jahren 1962/63 experimentierte er dann mit freistehenden, sockelähnlichen stereometrischen Körpern, auf die er verschiedenste Lichtquellen montierte. Die Einbeziehung des Umraumes der Werke, der Betrachterraum, trat nun immer mehr in den Vordergrund seines Interesses. Seither konzipierte er für jeweils spezifische Ausstellungs- oder Privaträume seine Lichtinstallationen, die den architektonischen Raum und den Betrachterraum an sich verändert und damit neu erfahrbar werden lassen. Die vielleicht eindrucksvollsten permanenten Lichtinstallationen Flavins aus den 60er Jahren befinden sich seit vielen Jahren in den zahlreichen ehemaligen Wohn- und Arbeitsräumen des Grafen Giuseppe Panza di Biumo, der sein großes Anwesen in Varese bei Mailand für seine sehr umfangreiche Sammlung u.a. auch der Minimal Art bereitstellte. Eine ebenfalls außergewöhnliche Arbeit des Künstlers gelangte mit dem Erwerb größerer Teile der Sammlung von Karl Ströher aus Darmstadt im Jahr 1980 in das Frankfurter Museum und wird hier nun zum ersten Mal gezeigt.

Two primary series and one secondary ist eine Lichtinstallation, die Flavin im Jahr 1968 für die drei nebeneinanderliegenden Ausstellungsräume der damals noch existierenden Galerie von Heiner Friedrich in München schuf (Situationsskizze siehe Infoheft 2, MMK 1989, S.49). Sie besteht aus insgesamt neun Teilen, die wiederum in drei Gruppen zu je drei Teilen gegliedert sind. Die drei Teile jeder Gruppe setzen sich aus je einem Element von zwei, vier und sechs Leuchtstoffröhren zusammen. Dabei sind bei allen Elementen die Hälfte der Röhren jeweils rot, die andere Hälfte in einer Gruppe gelb, in einer zweiten blau und in einer dritten grün. Alle Leuchtstoffröhren sind senkrecht und stufenartig so nebeneinander befestigt, daß die roten jeweils erst in der Mitte der oder über den andersfarbigen Röhren ansetzen. So ergibt sich in jeder Gruppe ein Ensemble aus drei zweifarbigen Elementen, die nach dem Gesetz der einfachen progressiven Staffelung aus gleichen modulartigen Formgliedern aufgebaut sind.

Das Konzept Flavins, das er in Form von Zeichnungen festgehalten hat, sieht vor, die drei Elemente-Gruppen in der Reihenfolge rot-gelb, rot-blau und rot-grün auf drei Ausstellungsräume zu verteilen. Die einzelnen Elemente werden dann innerhalb einer Farbengruppe in vertikaler Ausrichtung und progressiver Rhythmik installiert. Die jeweilige Anordnung der Elemente an den Wänden der Räume legt der Künstler jeweils unmittelbar am Ausstellungsort fest. In der Galerie von Heiner Friedrich waren die drei Elemente – Gruppen auf einen größeren und fast quadratischen mittleren Raum sowie zwei – diesen flankierende – schmale Räume verteilt. Die einzelnen Elemente wurden damals teils in der Mitte, teils in den Ecken der Wände montiert. Durch eine Reihe von Fenstern ergab sich eine täglich sich verändernde Situation aus wechselnd intensivem Tageslicht und verschiedenfarbigem Kunstlicht.

Für die Installation im Museum für Moderne Kunst entwickelte Flavin ein differenziertes Konzept, das wiederum auf die spezifischen räumlichen Gegebenheiten Rücksicht nimmt. Er verteilte die drei Elemente – Gruppen auf drei im Grundriß und in den Raummaßen gleiche, nebeneinanderliegende Ausstellungsräume. Beginnend mit den drei aus roten und gelben Neonröhren zusammengesetzten Teilen, folgen im zweiten Raum die drei aus roten und blauen Röhren und im dritten Raum die aus roten und grünen Röhren montierten Teile. In allen Räumen wurden die Elemente jeweils in der Wandmitte befestigt,

beginnend bei der linken Wand und mit dem kleinsten Element. In progressiver Ordnung folgen dann die beiden übrigen Teile, so daß zur rechten Wand der Räume jeweils eine Intensivierung der Farbigkeiten angelegt ist.

Der Titel der Arbeit Two Primary Structures And One Secondary bezieht sich vor allem auf die Wertigkeit der Farben im Zusammenhang mit den Farbgesetzen im Farbenkreis und bietet gleichzeitig das Erklärungsmodell für die Verteilung der Farben auf die Ausstellungsräume. Die Farben Gelb und Blau bilden zusammen mit Rot die drei Primärfarben. Rot/Gelb und Rot/Blau wurden demnach als primäre Strukturen auf die beiden ersten Räume verteilt. Grün ist eine Sekundärfarbe, die durch eine einfache Mischung aus den beiden Primärfarben Gelb und Blau abgeleitet ist. Die Kombination Rot/Grün wird als eine sekundäre Struktur bezeichnet und steht für sich alleine in dem dritten Raum. Die Farbe Rot, die einerseits alle Räume untereinander in eine wahrnehmungsästhetische Beziehung setzt, ermöglicht es dem Betrachter andererseits aber auch, die unterschiedlichen Wertigkeiten und Wirkungen der Farben Gelb, Blau und Grün zu erfahren.

Über einen Zusammenhang mit den Farbgesetzen hinaus verbergen sich hinter dem Werktitel aber auch mathematische Ordnungsprinzipien, die sich auf die Elementkonstellationen beziehen. Die erste und einfachste Elementkonstellation, die erste Primärstruktur, besteht jeweils aus einer roten und einer gelben, blauen oder grünen Leuchtstoffröhre, wobei die unterste Röhre gelb, blau oder grün und die in der Mitte links davon ansetzende Röhre stets rot ist. Die zweite Primärstruktur zeigt dagegen eine Kombination aus jeweils zwei roten und zwei andersfarbigen Röhren. Hier sind die beiden roten Röhren direkt an den obersten Enden der beiden senkrecht gestuften gelben, blauen und grünen Röhren montiert. Diese Anordnung läßt sich von der ersten Ordnung formal nicht ableiten und kann dieser deshalb gleichwertig gegenübergestellt werden. Die dritte Röhrenkonstellation, bestehend aus jeweils drei roten und drei andersfarbigen Neonröhren, läßt sich entweder nur aus der ersten, oder aus der ersten und der zweiten Anordnung ableiten, kann damit folglich als eine Sekundärstruktur bezeichnet werden.

Betritt der Betrachter nacheinander die mit intensivem Fluoreszenzlicht erfüllten Räume, fühlt er sich sofort in eine andere, unnatürliche, ‚künstliche‘ Welt versetzt. Da er die durch die Leuchtstoffröhren erzeugten reinen Farbwirkungen in der Natur nie sehen kann, ereignet sich in ihm ein ungewohntes ästhetisches Erlebnis. Zunächst konkretisieren sich für ihn die verschiedenfarbigen Leuchtkörper infolge der durch sie hervorgerufenen Licht-Schatten-Kontraste als materielle Lichtquellen, von denen ein in den Raum hinein immer schwächer werdendes diffuses Licht gestreut wird. Infolge verschiedener mit der Wahrnehmungszeit ablaufender physiologischer Reaktionen, die bei ihm bestimmte optische Täuschungen hervorrufen, nimmt der Betrachter dann nach einer kurzen Phase der reinen Farbwahrnehmung die Räume als sich verändernde koloristische Erlebniszonen wahr, deren Ereignishaftigkeit auch bei wiederholtem Wahrnehmungsvorgang nicht aufgehoben wird. Infolge additiver Farbmischungen verändern sich die Farben Rot und Gelb kurzzeitig zu Orange, Rot und Blau zu Violett, Rot und Grün zu Braun. Aufgrund des Komplementärkontrastes bilden sich im Auge nach einer Farbübersättigung die entsprechenden Gegenfarben, die den Raum wiederum in ein virtuell-verändertes Kolorit tauchen. Tritt man schließlich aus den Farblichträumen heraus und blickt auf eine weiße Wand, erscheint einem diese aufgrund des Sukzessivkontrastes eine Zeit lang mit komplementären Farbtönen gefärbt.

Flavins Lichträume konstituieren eine völlige Veränderung räumlicher und ästhetischer Bedingungen. Wände, Decken, Ecken oder Fußböden erscheinen in ihren Proportionen, Dimensionen und materiellen Beschaffenheiten transformiert. Das konkrete Dasein eines Raumes wird für die Zeit des Wahrnehmungsprozesses zu einer relativen Erlebniskategorie, zu einer variablen Größe. Damit öffnet Flavin den architektonischen Innenraum für Fragen der Wahrnehmung, der Reflexion und des Seins. Ihm ist es zu verdanken, daß sich der Blick des Künstlers und des Gestalters oder Kurators von Ausstellungen für die Grundbedingungen eines Raumes bzw. Ausstellungsraumes geschärft hat und daß ‚Raum‘ nicht nur im Bereich des Museums, sondern auch im Bereich des Privaten und des öffentlichen Raumes als eine substanzielle, atmosphärische und gestalterische Größe erfahrbar wird.

Rolf Lauter

 

Two primary series and one secondary, 1968

9 Teile, fluoreszierende Leuchtstoffröhren

auf Sockeln miteinander verbunden

3 Teile je 307 x 22,5 x 15 cm

3 Teile je 307 x 11 x 15 cm

3 Teile je 185,5 x 11 x 15 cm