BILL VIOLA – THE PASSING – KUNSTHALLE DÜSSELDORF 1992-93

Bill Viola – The Passing

in Katalog Bill Viola, Nie gesehene Bilder. Unseen Images. Images jamais vues, Kunsthalle Düsseldorf 19. 12. 1992 – 28. 2. 1993 und Katalog Bill Viola, Más allá de la mirada (imáges mas vistas), Museo Nacional, Centro de Arte Reina Sofia, Madrid 1993

 

 

The Passing, 1991

… oder die Parabel von Sein und Zeit

Sein bisher letztes Videotape mit dem Titel ‘The Passing‘ schuf Bill Viola im Jahr 1991 als eine Auftragsarbeit für das Zweite Deutsche Fernsehen im Rahmen der Sendereihe „Das kleine Fernsehspiel“. Das Video ist in schwarzweiß und Mono aufgenommen. Es hat eine Dauer von 54 Minuten. Die komplexe Werkstruktur enthält viele Bilder, symbolische Anspielungen und Metaphern, die sich unter anderem auch aus dem Zusammenhang einiger seiner Videos und Video-Klang-Installationen erschließen lassen. In ‘The Passing’ verdichtet Viola unter Anwendung einer ‘konzentrischen Choreographie‘ zahlreiche Gedanken früherer Arbeiten zu einer Standortbestimmung der eigenen Person in der Gegenwart und darüberhinaus zu einer Analyse der Seinsvorstellung des heutigen Menschen. ‘The Passing’ kann damit in gewisser Weise als eine Art ‘inhaltliche Synthese‘ seiner bis dahin entstandenen Werke, aber auch seiner Lebenserfahrungen verstanden werden. Darüber hinaus sind gerade einige inhaltliche Bildwelten dieses Videos auch für spätere Arbeiten Violas eine wichtige Bezugsquelle.

Für ‘The Passing‘ wählte Viola Videosequenzen, die zuvor in einer Zeitspanne von insgesamt vier Jahren (1988-1991) entstanden waren. Während dieser Zeit starb seine Mutter, wurde aber auch sein erster Sohn Blake geboren, biographische Ereignisse, die damals zentrale Koordinaten für sein Leben konstituierten; sie bilden nun gleichzeitig auch den existentiellen Rahmen  für dasVideo. ‘The Passing‘ ist der Versuch des Künstlers, sich selbst und anderen den Übergang von Leben zu Tod und von einem Leben vor der Geburt zu einem Leben über den Tod hinaus bewußt zu machen. Daneben behandelt das Video auch den denkbaren metaphysischen Übergang einer Seinsform in eine andere. Mit Hilfe einer besonderen Erzählstruktur, die auf der Rekonstruktion des Dualismus der realen Lebenswelt und der Welt des Traumes basierte, gelang es Viola, in vielen verschlüsselten, symbolhaften Bildabläufen konkrete Welten, Zwischenwelten, Übergangswelten und transzendente Welten zu umschreiben und mit filmischen Mitteln sinnlich erfahrbar zu machen.

Der Inhalt des Werkes gründet sich auf einen einfachen erzählerischen Aufbau: Ein Mann – Viola selbst – wird in rhythmischer Folge als ruhelos Schlafender gezeigt; diesem Bild folgen eine Reihe optisch und filmisch unterschiedlich gestalteter Sequenzen, die sich als Szenen aus der Alltagsrealität, als Erinnerungen, Traumbilder und innere Vorstellungswelten deuten lassen. Das meist ruhige Atmen des Schlafenden, das teilweise von anderen Geräuschen – etwa dem Zirpen von Grillen – oder von Raumklängen bis hin zu gespannter Lautlosigkeit überlagert oder abgelöst wird, sich teilweise aber auch zu einem schnellen Rhythmus steigern kann, durchzieht das Video wie ein roter Faden und stellt die einzige Verbindung zur konkreten Wirklichkeit des Menschen dar.

Infolge der Intensität mancher (auch für den Betrachter sichtbaren) Ereignisbilder wacht der Schlafende kurzzeitig immer wieder auf, um anschließend wieder rasch in seinen Schlaf zurückzuversinken. Die Ereignisbilder setzen sich aus Szenen, Situationen oder Bildsequenzen zusammen, welche sich auf die Gegenwart oder Vergangenheit des Künstlers beziehen, in intensiven Zeitlupenaufnahmen nächtliche Landschaften der Wüste Nevadas, Uthas und aus der Umgebung von Los Angeles zeigen, oder mit Konstruktionen symbolhafter Bildwelten arbeiten, die auf verschiedene Vorstellungen aus den Bereichen des Traumes, der Phantasie und der Metaphysik zurückgehen. Diese Bildsequenzen wechseln immer wieder mit metaphorischen Unterwasseraufnahmen ab, von denen eine fast magische Zeitlosigkeit ausgeht.

Um die unterschiedlichen räumlichen und zeitlichen Ebenen unseres Gedächtnisses sowie die komplexen Schichten unseres Unterbewusstseins, auf die ‘The Passing‘ Bezug nimmt, in entsprechende Videobilder übertragen zu können, benutzte Viola drei spezielle Kameras: Eine Nachtkamera, die lichtempfindlicher ist, als die einfache Videokamera, eine Superlowlight-Kamera, die vor allem bei Mondschein zur militärischen Nachtüberwachung eingesetzt wird und eine Infrarot-Kamera, mit der Nachtaufnahmen auch ohne Licht möglich sind. Darüberhinaus verwendete er für die unterschiedlichen Räume, Zeiten, Realitätsvorstellungen und Traumbilder verschiedene Videolaufgeschwindigkeiten, die von normaler Geschwindigkeit bis zu extremer Zeitlupe reichen.

Das Video beginnt sehr leise mit dem Blick auf einen fast sternenlosen Nachthimmel. Grillen zirpen in monotoner Gleichförmigkeit. Ein beruhigend-wohliges, auf angenehmen Naturerinnerungen aufbauendes Gefühl stellt sich ein. Ein Ausschnitt aus einem Gesicht: Unser Blick erfasst das Auge des in seinem Bett liegenden Künstlers, der gerade im Begriff ist, einzuschlafen. Sein Atmen ist deutlich hörbar und begleitet von nun an rhythmisch die weiteren Bildsequenzen. Das Augenlid verschließt langsam das Auge und wir tauchen gemeinsam mit dem Künstler in die Welt seiner Träume ein.

Sein Unterbewusstsein läßt uns in undeutlichen Bildern eine nächtliche Landschaft erkennen. Details einer im neutralen Raum schwebenden Frauengestalt werden sichtbar. Ein Mann treibt – verfangen in Tüchern – unter Wasser. Aus dem flachen Wasser rennt ein kleines Kind zum Strand – Violas erster Sohn. Eine im Mondlicht ruhende, aus Sträuchern, Kakteen und Steinen gestaltete Wüste, erscheint als eine taghell erleuchtete, bizarre Szenerie. Nach einem leichten Husten, der das begleitende, ruhige Atmen und Träumen des Schlafenden kurz unterbricht, folgt ein Blick auf das Gesicht des Künstlers. Kurz darauf verbindet sich mit der Phase des Einschlafens das Eintauchen in die bereits zuvor gesehene nächtliche Berglandschaft. Ein Gefühl der ‘irdischen‘ Geborgenheit stellt sich ein. All diesen Bildern ist das Atemgeräusch des Schlafenden als ein klanglicher Zeitmesser aus der Gegenwart unterlegt. Bilder der Jetzt-Zeit werden durch Bilder aus der Vergangenheit überlagert.  Parallel dazu erfolgt ein Übergang von der ‘Oberwelt‘ zur ‘Unterwelt‘. Ein Mann treibt hilflos unter Wasser. In einem Krankenhausbett liegt eine alte sterbende Frau – die kranke Mutter Violas. Ihr Atemrhythmus verläuft zeitweise synchron mit dem Atemrhythmus des Schlafenden, ein gefühlvoller Hinweis auf die untrennbare Einheit von Mutter und Sohn. Der Blick in ihr fast lebloses Gesicht wird vom Blick in das Gesicht eines Neugeborenen abgelöst. Der nun auftauchende und sich langsam unter Wasser bewegende nackte Körper weckt Assoziationen an die embryonale Phase des Menschen. Bilder von Hand und Gesicht der Mutter. Ihre Atemgeräusche nehmen langsam ab und gehen in räumliche Klangformen über. Ein Mensch geht in der Nacht im Schein einer Taschenlampe auf einen dunklen Tunnel zu. Eine Grenzsituation zwischen ‘Hier‘ und ‘Dort‘, Leben und Tod wird spürbar. Erinnerungen: Der kleine Sohn des Künstlers auf einem Spielauto, die Mutter und der Vater vor dem Wohnhaus. Bilder einer intakten, sicheren Welt. Ein intensiver Blick der Kamera in das Gesicht und die vertrauten Augen des Kindes. Die Mutter zündet für ihren Enkel eine Kerze an. Kerzenlicht in Kirchenräumen – eine Genealogie des Lebenslichtes. Licht als Symbol für die Wärme des Lebens und für ein Leben nach dem Tod. Die Kerze als Sinnbild der Einheit von Geist und Materie (Feuer und Wachs). Das Kerzenlicht wird zu einem die irdische Existenz überstrahlenden Licht der Ewigkeit transformiert, gibt sich kurz darauf jedoch als die Scheinwerfer eines aus einem Tunnel fahrenden Zuges zu erkennen. Dieser taucht aus einer unbestimmten, anderen ‘Raumzeit‘ auf und versinnbildlicht damit den ‘Übergang‘ – ‘Passing’ – in die reale Welt (Geburtssymbolik). Ein hell erstrahlendes Licht am Ende des Tunnels versinnbildlicht hingegen den ‘Übergang‘ der Lebensenergie in eine andere Welt. Nach einer kurzen, durch die intensiven Traumbilder hervorgerufenen Wachphase des Schlafenden folgen zeitlupenartig ablaufende Bilder einer jungen Frau und eines soeben Neugeborenen, das von seiner Mutter im Arm gehalten und behutsam in ein Tuch gewickelt wird. Symbolhafte Unterwasseraufnahmen einer sich mühevoll in Tüchern bewegenden (Todeskampf ?) und einer auf einem Bett liegenden, mit einem Tuch zugedeckten Person (Tod). Ein Mensch taucht zunächst kaum merklich, dann immer deutlicher sichtbar aus einem kosmisch anmutenden Wasserstrudel auf, scheint der erdverbundenen, flüssigen Materie zu entschweben, und bewegt sich – in der Haltung des gekreuzigten Christus – dann einem hellen Licht entgegen. Eine Paraphrase auf das christliche Motiv der Himmelfahrt. Eine weiße Taube – Sinnbild des über den Wassern des Anfangs schwebenden und die Seele der Verstorbenen symbolisierenden mythischen Vogels – sitzt in einer von Überschwemmungen heimgesuchten Landschaft von zerstörten Häusern, Wohnwagen, Baracken und Autos. Die Versatzstücke der konkreten Lebenswelt verdichten sich in diesem Kontext zu Sinnbildern der Sintflut und des Weltendes. Zurück bleibt eine trostlos verlassene, zerstörte und menschenleere Zivilisation, die Fragen nach der Würde des Daseins, nach dem Sinn der Existenz und nach der Bedeutung von Religion aufwirft. Dem Kampf des Ertrinkenden ums Überleben – Hinweise auf den Übergangsbereich zwischen Leben und Tod – folgt das aufgeschreckte Erwachen des Schlafenden. Wieder eingetaucht in die Traumwelt sieht man zunächst eine Sequenz von Bildern aufgewühlter  Wassermassen, die für Bewegung und Leben stehen und Einstellungen von unberührten Bergformationen aus Kalifornien und Utah gegenüberstellt werden, welche den zeitlosen Gleichklang der Materie und damit die harmonische Struktur der Welt offenbaren. Diesen Bildern ist ein gleichmäßiges, tiefes, ‘atmendes‘ Rauschen unterlegt. Von einer zart angedeuteten Bergformation, der man geologisch ihre mythische Lebenszeit ansieht und die ruhig in der nächtlichen Landschaft liegt, schwenkt das Auge der Kamera auf das von Alter und Krankheit gezeichnete, ruhige Gesicht und geschlossene Auge der Mutter. Ein langsames, lautes, räumlich durchdringendes, allumfassendes Atemgeräusch, das sich mit dem Rauschen aus den Naturaufnahmen verbindet, intensiviert die Erfahrung von Leben an der Schwelle zum Tod. Durch diesen Übergang verbindet sich der Leib der sterbenden Mutter symbolisch mit der erdverbundenen Materie und in weiteren Bildfolgen mit den Pflanzen, die Ihre Nahrung und Kraft aus der Erde empfangen. Diese Zusammenhänge paraphrasieren gleichsam die zyklische Struktur der Natur und das Weiterleben jeglicher Lebensform in anderen Lebensformen der Welt. Das Thema der Wiedergeburt findet hier phänomenologisch eine anschauliche Umschreibung. Im Zusammenhang mit der Gegenwärtigkeit des Todes reflektiert der Künstler über sich selbst, über die Relativität seiner Existenz im Koordinatensystem der Gesetze von Natur und Gesellschaft sowie über die Verschmelzung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in unserem Denken und Fühlen ebenso, wie in unserem Gedächtnis. Sein erwachsener Körper bewegt sich – auf der Suche nach sich selbst – durch einen sonnenbeschienenen Wald und findet sich kurz darauf als ein glückliches Kind wieder, das – in einem Baum sitzend – auf sein am Straßenrand liegendes Fahrrad hinabschaut. Seine Geborgenheit in Natur und Gesellschaft wird im nächsten Moment aber sofort wieder in Frage gestellt: in nächtlicher Dunkelheit entfalten mit Scheinwerferlicht beschienene Bäume eine bedrohliche Aura. Sie wecken in uns Gefühle der Angst, der Bedrohung, des Alleinseins. Sie lassen uns viele existenzielle Situationen aus unserem Leben bewußt werden: Erinnerungen aus der Kindheit, Erfahrungen im Zusammenhang mit unserer Menschwerdung, Gedanken über den Reifeprozess vom Kind zum Erwachsenen, verbunden mit Gefühlen, die den Umgang mit der Angst berechenbarer machen. Bewußtwerdung des Alleinseins: Der erwachsene Mann ist nicht mehr Kind seiner Mutter. Er ist ‘mutterseelenallein‘ in der Welt und nun selbst die sicherheitgebende Person einer Familie. Ein Kind, das gerade laufen lernt, macht seine ersten Gehversuche ohne seine Eltern am Strand und fällt in den Sand. In gedanklicher Parallele dazu folgen Bildsequenzen, in denen Viola seine Weltwahrnehmung als Mensch und Künstler vor Augen führt: Mit der Videokamera, die nun zur Verlängerung seines inneren Auges wird, betrachtet und erläuft der Künstler Natur und Landschaft. Er nimmt Erde, Sand, einen steinigen Boden und eine hügelige Landschaft mit der Wahrnehmung eines rasch Gehenden und Atmenden wahr. Mit einem Sturz, der an den des hilflos fallenden Kindes erinnert, werden Bilder eines leblos unter Wasser treibenden Mannes freigesetzt. Die Vehemenz der Traumbilder weckt den Schlafenden kurzfristig und er versichert sich während seiner Wachphase seiner Existenz, indem er aus einem Glas Wasser trinkt. Wieder leiten ruhige Nachtaufnahmen einer Landschaft – unterlegt mit dem beruhigenden Geräusch zirpender Grillen – die dann folgende weitere Traumphase ein.  Ein einsam in der Landschaft stehendes Haus – Symbol der Zuflucht für die Familie – steht im Scheinwerferlicht da. Erinnerungsbilder: Das Gesicht einer Frau – die Ehefrau Violas – taucht, gleichsam die intakte Welt der Familie beschwörend, in Zeitlupenaufnahmen aus dem Dunkel der Traumbilder auf. Ein kleines Kind stapft mit den Füßen im seichten, glucksend tönenden Wasser. Gleich wird es von der Mutter des Künstlers zum Strand geführt. Ein Mann treibt wie ein Ertrunkener hilflos unter Wasser: das alleingelassene Ich Violas. In einer langsamen Einstellung schwenkt die Kamera auf das Krankenhausbett und die darin liegende verstorbene Mutter des Künstlers. Der kurz sichtbare Schlauch des Beatmungsgerätes konnte die Lebenszeit und den Übergang der Mutter in eine andere Welt nicht mehr hinauszögern. Ihr noch im Raum hallendes letztes Atmen wird zur hörbaren Erinnerung an ihr Leben. Die Welt des Übergangs: Ein wolkenverhangener leuchtender Mond bescheint in einer nächtlichen Landschaft – untermalt vom Klang der Grillen – einen einzelnen Baum. Veränderungen eines Seinszustandes werden spürbar: Durch einen nuancierten Lichtwechsel wird nun eine öde Landschaft mit vielen Bäumen erkennbar. Sterne, Lichter von Flugzeugen und Wolken ziehen am Himmel dahin. Mit wachsendem Geräuschpegel taucht ein Auto wie aus dem ‘Nichts‘ auf, um schließlich wieder in einem anderen ‘Nichts‘ zu verschwinden. Seine Scheinwerfer bahnen sich ihren Weg durch die nächtliche Landschaft. Andere Fahrzeuge ziehen ihre Lichtbahnen durch den nächtlichen Raum. Manche von ihnen treffen aufeinander, andere bewegen sich in die gleiche Richtung. Die zunächst undurchdringliche Dunkelheit der Nacht erscheint nun immer deutlicher als eine eigene Welt, außerhalb von, aber parallel zu der Lebenswelt des Menschen. In ihr manifestiert sich ein ‘Übergangsraum‘, der metaphorisch das irdische mit einem ‘zweiten‘, ‘anderen‘ Leben verbindet. Alle Elemente dieser Bildsequenz zeugen von Bewegung, Transformation und Veränderung. Das Licht verbindet die Welt der Daseinsrealität mit der Vorstellungswelt jenseits des Daseins. Noch einmal erscheint die Mutter mit einer Kerze in der Hand und nimmt ihr Lebenslicht symbolisch mit sich fort. Der Künstler wacht abermals auf, trinkt einen Schluck Wasser, versichert sich der nächtlichen ‘Realzeit‘ und löscht das Licht. Kollektive Bilder der Daseinsrealität: Die Videokamera wandert in der ‘Realzeit‘ des Künstlers bei Nacht – ausgehend vom Haus Violas – zunächst über Wohnhäuser aus seiner Nachbarschaft, von dort über Parkplätze und Bürohäuser der schlafenden Stadt Los Angeles, bis Ruinen einer um die Jahrhundertwende bewohnten, jetzt verfallenen Stadt in der Wüste Nevadas erscheinen. Die Zukunft der Gegenwart von einst gibt sich als die Gegenwart von heute zu erkennen. Raum und Zeit scheinen aufgehoben zu sein. Einst Sicherheit spendende Wohnräume haben nach dem Weggang oder Tod von Menschen ihre Funktion verloren und verbleiben nur noch für kurze Zeit als leblose Hüllen existenzieller Spuren in der Welt, bis sie im Kreislauf der Zeiten verschwinden. Nicht die Häuser und damit die Gegenstandswelt werden die Zeiten überdauern, sondern die Energien der Menschen, die sie einst bewohnt und benutzt haben. Ihre Gedanken, Gefühle oder Handlungen hinterlassen ihre Spuren bei anderen Menschen, lassen sie Teil eines kollektiven Gedächtnisses werden. Von der verlassenen in die bewohnte Stadt zurück: Eine Autofahrt mit dem Künstler durch die nächtliche Stadt Los Angeles. Ein nochmaliger Blick auf die Ruinen. Das Auge der Kamera verliert sich im Dunkel einer geheimnisvollen Türöffnung. Hinter ihm taucht der alltägliche Wohnbereich des Künstlers auf. Die Zeitlupenaufnahmen zeigen flüchtig einige Gegenstände und vor allem Fotografien. Vor dem Hintergrund des kontinuierlichen Tickens eines Weckers kommt den meist als ‘Ahnenporträts‘ zu verstehenden Fotografien die Bedeutung von verdichteten Zeitzeugnissen der Vergangenheit zu, die die jeweilige Gegenwart des Menschen durch die Aktualisierung von Erinnerungsbildern unseres Gedächtnissses zu einem Konglomerat verschiedener Zeitlichkeiten werden lassen. Vergangenheit und Erinnerung werden damit zu  wesentlichen Existenz stabilisierenden Faktoren für Viola. Der Wohnraum geht in das Krankenzimmer der Mutter über. Noch schwebt über dem leblosen Körper das gleichmäßig-ruhige, rhythmische Atmen, das aber faktisch bereits von der Mutter auf den Sohn übergegangen ist. Magie der Gegenstandswelt: In einem mit diffusem Licht getrübten Raum, dem zunächst keine speziellen Geräusche unterlegt sind, wird ein Tisch mit wenigen Gegenständen erkennbar: Lampe, Blumenvase, Obstschale, Zuckerdose, Kaffeebecher, Papier. Der kleine Sohn Violas läuft in seinem Kinderzimmer auf seine Spielsachen zu und berührt mit dem Zeigefinger der linken Hand liebevoll kleine Autos. Das Atmen des schlafenden Vaters wacht symbolisch über ihn. Die Gegenstände werden durch die Berührung mit menschlicher Energie aufgeladen, erhalten dadurch gleichsam magische Qualitäten. Diese magischen Qualitäten überdauern das Erdenleben des Menschen und werden zu Bausteinen unseres individuellen und kollektiven Gedächtnisses. Symbolik der Traumwelt: Der Tisch mit seinen Gegenständen, nun deutlich als ein von Wasser umfangenes dreidimensionales Stilleben erkennbar, gehört in eine andere Welt, Zeit und Realität. Das Geräusch des tickenden Weckers, das zuvor in Verbindung mit den Familienfotos zu hören war, verweist auch hier auf Relikte aus der Vergangenheit, auf Dinge, die mit menschlicher Aura angefüllt sind. Die Gegenstände werden zu Symbolen für das ideelle Weiterleben des Menschen in den Dingen, in der Materie an sich. Plötzlich taucht ein Mensch in die Welt des Wassers ein, um kurz darauf mit einem lauten Dröhnen wieder daraus zu entschwinden. Assoziationen an Himmelfahrt, an ein Verlassen der irdisch-materiellen Welt, stellen sich ein. Die Welt unter Wasser wird hier als eine metaphysische Welt erfahrbar, die sich außerhalb oder neben der Lebenswelt des Menschen manifestiert. Dem Bild mit dem Himmelfahrtsgestus folgt eine stille Einstellung mit der verstorbenen Mutter auf dem Krankenhausbett. Fahrzeuge mit hellen Scheinwerfern ziehen ihre Bewegungsbahnen wie leuchtende Energiekörper durch die nächtliche Landschaft, irgendwo im Niemandsland. Die Unwirklichkeit der erhellten Nachtaufnahmen macht nochmals den Übergang – ‘The Passing‘ – von Existenzen in eine andere Welt in einer dichten metaphorischen Sprache deutlich. Das Licht erscheint hier als ein Symbol für das Weiterleben von Körper und Geist des Menschen ohne die raum-zeitliche Verbindung zur irdischen Materie. Ein im Wasser spiegelndes Bergpanorama versinnbildlicht sprichwörtlich die Reflexion über die Realität dieser Welt und ihre Erweiterung in eine andere, kaum zu denkende Welt. Der Tisch unter Wasser wird plötzlich wie durch eine unsichtbare Macht von seinem ihm bestimmten Ort weggerissen. Die Gegenstände verlieren ihre Standfläche, wie der Mensch  den Boden unter den Füßen verliert. Alltägliches, unsere geordnete Lebenswelt, gerät durch die Veränderungen im Dasein eines Menschen außer Kontrolle. In der Erinnerung bleibt die Gegenwart der Vergangenheit Gegenwart. Die Mutter liegt aufgebahrt in einem Sarg. Kinder betrachten daneben bereits die Fotografie der Lebenden. Die Phase der lebendigen Erinnerung hat bereits begonnen. Der Künstler liegt hilflos wie ein Ertrunkener am Meeresgrund. Die Kamera entfernt sich langsam von ihm.

Mit ‘The Passing‘ versucht Bill Viola die Zusammenhänge zwischen der wahrnehmbaren Wirklichkeit des ‘Hier und Jetzt‘, der Wirklichkeit vergangener Gegenwart und den imaginären Vorstellungswelten einer zukünftigen Gegenwart am Beispiel seiner eigenen Wahrnehmung und Existenz offenzulegen. Die unterschiedlichen Videokameras dienten ihm dabei als adäquate Hilfsmittel, um die in unserem Bewusstsein stattfindenen komplexen Beziehungsstrukturen des Sehens, der Erinnerung, des Traumes und der visionären bzw. imaginären Vorstellungswelten in einer phänomenologischen Annäherung bildnerisch erfahrbar werden zu lassen. ‘Passagen’ bedeuteten für Bill Viola Übergänge von raum-zeitlich scheinbar voneinander unabhängigen, klar zu definierenden Handlungs- oder Seinseinheiten in räumlich und zeitlich nebeneinander zu denkende, miteinander kommunizierende ‘konzentrische‘ Beziehungsgeflechte des Seins. Alltagsereignisse werden zu Traumbildern, Nacht wird zum Tag, Erinnerung zur Gegenwartsrealität, verschiedene Zeitlichkeiten zu einer zeitlosen Synchronizität verschmolzen.

Durch den Einsatz der Videokamera als Beobachtungsmedium von außen, aber auch als ein sogenanntes inneres Auge, ermöglicht Viola dem Betrachter, sich im Video selbst gleichzeitig als Beobachter und als Betroffener in wiederzuerkennen. Elemente einer individuellen und kollektiven Weltwahrnehmung verdichten sich zu einer filmischen Erzählung über das kollektive Gedächtnis und die in ihm manifest werdenden Erfahrungen von Sein und Zeit.

Von zentraler Bedeutung sind in diesem Zusammenhang die Koordinaten der menschlichen Existenz – Geburt und Tod -, die Viola in die Struktur der kosmischen Gesetzmäßigkeiten einbindet. Wie der Mensch in ein vielschichtiges Netzwerk aus Beziehungen zu anderen Menschen und Dingen verwoben ist, so ist die Weltstruktur als ein komplexer Organismus aus gleichzeitig nebeneinander existierenden und nur räumlich voneinander verschiedenen Ereignissen zu verstehen. Violas Erzählung ist der eines alten Menschen, der die vielen Phasen, Abschnitte oder Ereignisse seines Lebens in einem reflexiven Panorama revue passieren läßt, um das Spektrum seines Seins, den subjektiven Kosmos seiner Welterfahrung faßbar zu machen. Dabei reißt er Grenzen der ästhetischen Wahrnehmung und der ästhetischen Erfahrung ein, bezieht den Betrachter wie sich selbst in sein Werk mit ein und versucht, ihn seine Vorstellung von der ewigen Gegenwart der Zeit spüren zu lassen. Insofern wecken Videofilme wie The Passing in uns nicht allein unterschiedlichste Assoziationen, sondern auch intensive Gefühle, die wir auf einer kollektiven Ebene mit dem Künstler teilen.

Rolf Lauter