GERHARD DEMETZ, GALLERIA RUBIN, MILANO 2008

Gerhard Demetz

Sculptural Child Figures

Galleria Rubin, Milano 2008

Katalog

DR. ROLF LAUTER, GERHARD DEMETZ, KATALOG GALLERIA RUBIN, MILANO 2008

Kunstwerke

DR. ROLF LAUTER, GERHARD DEMETZ, Gloomy Sunday, EXHIBITION GALLERIA RUBIN, MILANO 2008

DR. ROLF LAUTER, GERHARD DEMETZ, I hear the spirits while I whisper, EXHIBITION GALLERIA RUBIN, MILANO 2008

DR. ROLF LAUTER, GERHARD DEMETZ, Don´t thing twice, EXHIBITION GALLERIA RUBIN, MILANO 2008

DR. ROLF LAUTER, GERHARD DEMETZ, Don´t cry in public, EXHIBITION GALLERIA RUBIN, MILANO 2008

Katalog Einführung

Die andere Seite der Welt:

Skulpturale Kindfiguren von Gerhard Demetz

Es ist nicht verwunderlich, dass Gerhard Demetz seine enigmatischen Kindfiguren gerade in der heutigen Zeit, d.h. in einer von komplexen anthropologisch -transformatorischen Entwicklungen getragenen Gegenwart, gestaltet. Sein zentrales Thema ist der Mensch, oder besser noch das Menschenbild in unserer Zeit und hier insbesondere das aus vielen Gründen rätselhafte Bild von Kindern und Jugendlichen in der Pubertät. Die Kindfiguren schnitzt Demetz aus Holz oder Kunststoff. Ihre Körper sind fragmentierte figürliche Hüllen gestaltet mit einem hohen Ausdrucksgrad an Selbsthinterfragung, Zweifel, Skepsis, Unsicherheit, Ambiguität und Transformität. Gleichzeitig begegnen sie uns aber auch als harte, hermetisch verschlossene, sich selbst schützende Menschenbilder, die eine kühle Distanz ausstrahlen. Es sind verletzbare oder verletzte Wesen, die auf eine andere Seite unserer Lebenswelt verweisen, eine Welt, die die unendliche Kontinuität an Missachtung durch die Erwachsenen sowie die Suche der Kinder nach mehr Verständnis thematisiert. Demetz Kinderskulpturen offenbaren eine Gegenwelt zu der gängigen darstellenden Plastik, indem er die gegenwärtigen Familienstrukturen hinterfragt und das Schicksal von Kindern und Jugendlichen als zentralen Aspekt seines künstlerischen Interesses fokussiert.

Was macht die Kindfiguren von Demetz so unergründlich traurig, einsam, distanziert und besonders?

Zunächst ist da ihr Material. Aus weißem Holz oder Acryl geschnitzt treten sie uns unnahbar, ja fast majestätisch gegenüber. Das Weiß bedeutet symbolisch zum einen die Reinheit und Unschuld der Betroffenen, zum anderen eine antiseptische Kühle und Distanz, die den Kindfiguren eine Art auratischen Schutz vor der Einflußnahme der Erwachsenen verleiht. In statuarischer Pose behaupten sich die wie eingefroren wirkenden Wesen als zutiefst eigen und abgeschlossen wirkende Menschen, die einer anderen Welt als der der Erwachsenen oder der Kinder zugeordnet werden können. Es sind entemotionalisierte Personen, deren Gefühle systematisch aberzogen oder entzogen wurden und die sich zum Schutz vor Verletzungen physischer oder psychischer Art auf ihr innerstes Wesen zurückgezogen haben, wohlwissend, daß die äußere Erscheinung nichts von den inneren Bedingtheiten preisgeben darf. Der Ausdruck der Kindfiguren verrät, daß sie sich in gewisser Weise auf eine Maske ihres Selbst zurückgezogen haben und sich als belebte ‚Maschinenmenschen’ manifestieren. Es handelt sich um Figuren, die in gewisser Weise dem Golem gleich sind, der aus lebloser Materie durch Rituale mit kabbalistischen Ausprägungen und Zahlenmystik zum Leben erweckt wurde. Während die Golemfigur aber zum Dienst in der menschlichen Gesellschaft erschaffen wurde, wirken die Kinderskulpturen von Demetz wie Wesen, die der alltäglichen Welt den Rücken zukehren, um in einem autistisch distanzierten Dasein als totemhafte Mahnmale einer kinder- und kreativitätsfeindlichen Welt zu fungieren.

Zweitens ist da ihre Fragmentiertheit! Schaut man sich die Figuren genauer an und geht um sie herum, um ihre Plastizität und Körperlichkeit zu erkunden, nimmt man rundum diverse quaderförmige Auslassungen oder Fehlstellen im Material wahr, schacht- oder schubladenartige Öffnungen, in denen keine Materie sondern nur Leere existiert. Es sind bildnerische Relikte der surrealistischen Zeitverschiebung aus den Bildern von Salvador Dali, die uns die Relativität und Vergänglichkeit des menschlichen Daseins subversiv vor Augen halten. Es sind aber auch Stellen des Verletztseins, des Aufbrechens der kindlichen ganzheitlichen Körper, die nicht mehr unversehrt erscheinen. Neben diesen gezielt gesetzten Leerstellen sind einige der Figuren auf ihrer Rückseite unterschiedlich tief ausgehöhlt, manifestieren sie sich mehr als Relief denn als freistehende Skulptur. Wir sehen uns insofern konkreten „Kunst-Körpern“ und nicht einer mimetisch nachvollziehbaren Darstellung von Personen gegenüber. Die Figuren werden zu Relikten eines konstruktiv-strukturalen Bildes vom Menschen. Es sind einerseits gewissermaßen Annäherungen an die manieristischen Vorstellungen vom l’homme machine, der eine Vorstufe der Arte Programmata und der kinetischen Kunst der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts darstellt, andererseits ist den Figuren von Demetz aber auch eine demonstrative Gegenwärtigkeit und unterhöhlende Alltäglichkeit eigen, die uns erschaudern läßt.

Drittens nutzt Demetz die Machart und attributive Ausstattung seiner Werke für eine inhaltlich zugespitzte Pointierung. Er setzt künstlich aufgeladene Gestaltungselemente ein, um mit den Mitteln der Hinterfragung der Natürlichkeit und dem Einsatz des Transformatorischen die körperliche Intaktheit der Kindwesen zu destabilisieren und ihnen die Aura des Unfertigen, Kokonartigen, Fremden und Künstlichen angedeihen zu lassen. Sie werden als kleine Erwachsene gezeigt, pubertierende Menschlein, die mit den Utensilien der Erwachsenen spielen und damit ihre sensitive Erkenntnis von Gefahren und Scheinwirklichkeiten vor Augen führen. Die Figuren verdeutlichen unter Einsatz von Gegenständen wie Schlüssel, Frauenstiefel, Männerkrawatte, Scheren etc., dass sie auf die Welt der Erwachsenen eingehen wollen und diese sogar instinktiv bedrohen. Sie schlüpfen temporär in die Haut der Erwachsenen, um deren Reaktionen zu testen und aus den grenzgängerischen Situationen zu lernen. Damit spiegeln die Kindfiguren Inhalte und Bedeutungen wider, die uns nachdenklich stimmen. Wir können uns wohl alle daran erinnern, irgendwann einmal den strengen, unnahbaren und emotionslosen sowie nach innen gerichteten psychischen Blicken oder den abweisend kühlen Haltungen von Kindern begegnet zu sein, die uns in ihrer pubertären Direktheit und Ehrlichkeit zutiefst erschütterten. Dieses Gefühl der Fremdheit und Andersartigkeit, das den Versuch eines Individuums darstellt, sich selbst zu definieren und zu behaupten, macht es uns erst möglich, Kinder aus dem familiären Zusammenhang gehen zu lassen und sie ihrem eigenen Schicksal zu überlassen.

Viertens hat Demetz ein Interesse daran, spezifische Inhalte zu transportieren. Bei den skulpturalen Kindfiguren handelt es sich um symbolisch aufgeladene Wesen einer sehr eigenen, anderen Welt, die den Erwachsenen meist verborgen bleibt und sich nur dann öffnet, wenn ein Kind Vertrauen fasst und die Erwachsenen sich ihrer ähnlichen Situation – in die Vergangenheit zurückblickend – gewahr werden. Demetz’ Figuren stellen zum Betrachter keinen Blickkontakt oder andere Annäherungsdialoge her, sondern sind hermetische Wesen von einer fremden Art, von einer Art der „Anderen“, der Unergründlichen, der Unnahbaren. Es sind Figuren, die dem Film „Herr der Fliegen“ entsprungen sein können, einsam kämpferische Wesen, die sich mit der Macht der körperlichen Präsenz und einem negativ ausgerichteten Aktionismus nicht nur behaupten, sondern den anderen durch emotionale Kälte dominieren. Diese kindliche Kälte, die sich vor allem im Alleingelassensein manifestiert, wird von Demetz in die Welt der Kunst übertragen. Kunst wird hier gezielt als Mittel des Verweises auf gesellschaftliche Zusammenhänge mit spezifischen Inhalten und Bedeutungen, eingesetzt. Die Darstellungen sind Spiegel eines gesellschaftspolitisch-kulturellen Inhaltes, der uns mit einer klaren Botschaft konfrontiert.

Demetz’ Figuren potenzieren ihre Aussagen im Kontext der Kunstgeschichte und der gegenwärtigen Entwicklung der Skulptur zu teils traditionsrelevanten, teils innovativ argumentierenden Bausteinen einer gar nicht so heilen Welt. Die hermetischen Figuren der Kinder reflektieren in gewisser Weise Protagonisten der existenzialistischen Theaterstücke eines Jean Paul Sartre und stellen insgesamt viele Fragen nach dem Selbstverständnis des Daseins. Ist die Verteilung der Bedeutung und Anerkennung der unterschiedlichen Generationen noch zeitgemäß? Könnte eine stärkere Einbindung kindlich-jugendlicher Ideen und Lebensansätze in die gesellschaftliche Realität nicht manches auflockern und verbessern? Wäre es nicht einen Versuch wert, Kinder im gesellschaftlichen Alltag ihre Kreativität ausleben zu lassen, um von ihnen zu lernen, wie nichtlineare Denkansätze funktionieren?

Demetz versucht uns seine Wahrnehmungen des Lebens, des Daseins und des Menschen nahe zu bringen und eröffnet mit seinen Kindfiguren ein großes Spektrum an Fragen, deren Antworten irgendwo in der Zukunft liegen und wohl gegenwärtig nicht beantwortet werden können. Wir Erwachsenen können uns aber mit einem möglichst sensitiven Einfühlungsvermögen an eine offenere, gerechtere Gesellschaft heranwagen, in der das Individuum, gleichgültig welchen Alters es ist, eine besondere Rolle spielt und diese von anderen respektvoll anerkannt wird. Man kann Demetz in gewisser Weise dankbar sein, dass er mit seinen subtil in Szene gesetzten und gekonnt gearbeiteten Skulpturen die Frage nach der Zeit hinter der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau stellt, und zwar nach einer Zeit, in der die Kinder zu ihrem Recht auf freie Entfaltung kommen. Dies kann nur im Rahmen neuer kreativitätsfördernder Konzepte und Projekte geschehen, mit denen weniger das Ziel nach einer geschäftsorientierten und damit funktionalisierten Ausbildung der Jugend verfolgt wird, sondern man vielmehr in Richtung auf eine individuell unterstützende Kreativitätsförderung von Kindern und Jugendlichen eingeht. So könnte eine kulturell anspruchsvolle Bildung ermöglicht werden, mit der sich das Individuum im Sinne der Beuys’schen Vorstellung vom Menschen, der dann ein Künstler und schöpferisches Individuum ist, wenn er das ihm innewohnende geistige und kreative Potenzial freisetzen und nutzen kann.

Rolf Lauter