GALERIE JAHRHUNDERTHALLE HOECHST, FRANKFURT 2002

Galerie Jahrhunderthalle Hoechst

Ein erweiterter temporärer Ausstellungsraum des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt

 

Ein Gespräch zwischen Michael Hocks (Intendant der Galerie Jahrhunderthalle Hoechst), Herbert Meyer-Ellinger (Galerist) und Dr. Rolf Lauter, Stellvertretender Direktor des Museums für Moderne Kunst Frankfurt und beauftragter Ausstellungskurator seit 1988, am 4. Mai 2002

 

Lauter: Bei der Durchsicht der Ausstellungsliste, die die Aktivitäten der Galerie Jahrhunderthalle von 1963 bis heute dokumentiert, habe ich festgestellt, daß ein Hauptschwerpunkt bei Ausstellungen des Deutschen Expressionismus lag und liegt. Die ersten Ausstellungen wurden in Zusammenarbeit mit der Galerie Hanna Bekker vom Rath veranstaltet.

Meyer-Ellinger: Im Jahr 1970 habe ich als Beauftragter der Galerie von Hanna Bekker die ersten Ausstellungen in der Jahrhunderthalle organisiert. So kam ich überhaupt in Kontakt mit Herrn Dr. Sailer, der damals Intendant war.

Lauter: Wann wurden die Jahrhunderthalle und ihre Galerie gegründet?

Hocks: Die Jahrhunderthalle im Januar 1963, und, wenn ich richtig informiert bin, war die erste Ausstellung der Galerie im August/September 1964 „Mexikanische Volkskunst“. Der erste Intendant war Rudolf Sailer. Im Jahr 1972 kam dann Hans-Georg Schäfer.

Lauter: Kann man denn überhaupt noch rekonstruieren wie die ersten inhaltlichen Zielsetzungen waren ? Mit der Jahrhunderthalle versuchte man doch sicher das kulturelle Engagement eines Unternehmens deutlich zu machen. War das eine wesentliche Zielsetzung?

Meyer-Ellinger: Ja, das war das Interesse von Herrn Dr. Sailer, vor allem aber von Herrn Bouillon, der natürlich einen sehr didaktischen Aspekt im Hinterkopf hatte. Er wollte, daß die Leute, die mittags vom Werk zum Kasino kamen, sich anhand dieser Ausstellungen weiterbildeten. Das war ein ganz wichtiger Punkt. Und ich weiß noch, daß Bouillon damals ein Gespräch hatte mit Hanna Bekker hatte und sie um Rat fragte. Er war für die Entscheidung, Ausstellungen in der Jahrhunderthalle zu veranstalten, sicher die entscheidende Instanz.

Lauter: Ein interessanter Aspekt ist in diesem Zusammenhang, daß Galerien für die kulturelle Arbeit der Stadt wesentlich mehr getan haben, als ihre Ausstellungen zu tun und ihre Werke zu verkaufen. Es gibt bei manchen Galerien immer auch ein bestimmtes Engagement, in die Stadt hinein zu wirken, das kulturelle Leben positiv zu beeinflussen.

Meyer-Ellinger: Was aber von der Stadt kaum gewürdigt wurde.

Lauter: Hanna Bekker z. B. hat kulturell sehr viel bewirkt, wenn man neben ihrer Ausstellungstätigkeit, die vielen privaten Sammlungen in Frankfurt betrachtet, die Werke des Deutschen Expressionismus haben.

Meyer-Ellinger: Außerdem hat Hanna Bekker vom Rath mit dem Goethe-Instituten zusammengearbeitet, d. h. nach 1950 als Galeristin Wanderausstellungen in verschiedenen Städten Afrikas, Südamerikas, Rußlands organisiert (diesen Teil nur übernehmen, wenn die Städte genau genannt werden, s. Kat. Hann Bekker; ansonsten weglassen).

Lauter: Das war wirklich Pionierarbeit. Mir ist bei der Sichtung der Ausstellungslisten aufgefallen, daß es bei den Ausstellungen der ersten Jahre ein bißchen querbeet ging. Und plötzlich konzentrierte sich dann das Programm so ab 1973 schwerpunktmäßig zunächst auf Expressionisten, und man muß sagen: da sind hervorragende Beispiele dabei. Und später dann viele andere Künstler der kalssischen Moderne, wie Le cobusier, Liebermann, Corinth, Slevogt, Picasso, Ensor, Grosz, Marini, Dix, Max Ernst, Nolde, Klee, Schlemmer und Chagall.

Hocks: Es wäre interessant, den Frankfurter Kontext gegenüberzustellen, d. h. zu vergleichen, was zur selben Zeit an kulturellen Aktivitäten in Frankfurt war. Ich denke, diese Expressionisten-Ausstellungen, die wir hier gemacht haben, hatten wahrscheinlich nicht so ohne weiteres vergleichbare Gegenstücke in den Museen der Stadt.

Meyer-Ellinger: In der Zeit als Dr. Radtke den Kunstverein leitete, gab es großartige Ausstellungen expressionistischer Künstler, der Nachfolger Dr. Bußmann hat das Ausstellungsprogramm dann radikal verändert.

Lauter: Also verstehen Sie das quasi als ein Gegengewicht, denn Bußmanns Politisierung der Kunst, bzw. die Kunst als politisches Statement kann als Aufbruch in andere inhaltliche Bereiche gewertet werden. Diese Situation führte eigentlich dazu, daß die Jahrhunderthalle Hoechst ein erweiterter, aber sehr eigenständiger kultureller Ort im Großraum Frankfurt wurde.

Hocks: Die Jahrhunderthalle übernahm mit ihren Ausstellungen einen eigenen prägenden Stil.

Lauter: Eine sehr eigenen Stil, und ich glaube auch, daß dadurch ganz bestimmte Traditionen wach geblieben sind in Frankfurt.

Meyer-Ellinger: Sicher, es gab ja auch Ausstellungen, die wir in der Jahrhunderthalle durchgeführt haben, die vorher dem Städel vergeblich angeboten worden sind.

Lauter: Mir ist aufgefallen, daß es schon sehr früh eine Überblicksausstellung mit Werken von Nay gab.

Meyer-Ellinger: Ja, die große Retrospektive des zeichnerischen Werks.

Lauter: Dann fanden hervorragende Präsentationen der Werke von Pechstein, Goya, Heckel, Beckmann oder Hölzel statt und in den 80er Jahren Präsentationen von Laurens, Kirchner, Schiele, Klimt, Feininger und Morandi.

Meyer-Ellinger: Die Adolf Hölzel-Ausstellung war beispielhaft. Sie wäre heute in dieser Qualität nicht mehr zu beschaffen.

Lauter: Die Nay-Ausstellung war schon 1976. Das heißt, im Endeffekt geht jetzt ein früher Wunsch von Ihnen in Erfüllung, wenn das Städel heute im Jahr 1994 eine Nay-Ausstellung macht, die wirklich auch sehr gelungen ist. Und im Endeffekt hat man leider zwanzig Jahre später erst verstanden, daß man solche Ausstellungen viel früher hätte zeigen sollen.

Lauter: Was mir auffällt, ist eine andere Ausrichtung im Städel. Klaus Gallwitz hat viele wichtige Ausstellungen zeitgenössischer Kunst, etwa von Rauschenberg oder Tinguely gemacht. Ich hätte mir entsprechend der Struktur des Städel immer gewünscht, daß es ein Gleichgewicht zwischen Ausstellungen der klassischen Moderne und der Gegenwartskunst gegeben hätte. Dann wäre auch die Linie des Städel viel deutlicher geworden.

Meyer-Ellinger: Ja, aber das hängt auch damit zusammen, daß es in den 80er Jahren die Diskussion um den Bau des MMK gab und da ist natürlich das Schwergewicht auf die Gegenwartskunst gelegt worden.

Lauter: Das war sicher eine Reaktion, auch die Demonstration, daß das eigentlich alles ins Städel gehört. Das Problem ist nur, daß die Gegenwartskunst in dieser Form, wie sie jetzt im Museum für Moderne Kunst gezeigt wird, so in das Städel nie hätte integriert werden können. Man kann nicht ganze Blöcke von Räumen plötzlich in diese Form von integrieren. Man kann dort einzelne Werke integrieren, aber nicht ganze Werkgruppen.

Meyer-Ellinger: Nein, dafür die Erweiterung des Städels geplant.

Lauter: Wobei dieser Anbau dafür dann auch völlig ungeeignet wäre. Da, muß man sagen, ist der Hollein Bau doch wesentlich besser geeignet.

Meyer-Ellinger: Der Städel-Anbau ist gelinde gesagt nicht überzeugend.

Lauter: Kommen wir noch einmal zum Ausstellungsprogramm der Jahrhunderthalle zurück. Mir fällt auf, daß es in den Jahren 1977/78 ein unglaubliches Engagement von Ihnen gab, sehr viele Ausstellungen zu machen; sogar 1981 wieder.

Meyer-Ellinger: Herr Schäfer hat mir in diesen Jahren die Ausstellungsplanung überlassen. Durch die Erfolge der vorangegangenen Ausstellungen bin ich viel problemloser an Nachlässe gekommen, etwa an die von Schlemmer oder Klee.

Lauter: Wie lange blieb Herr Schäfer Intendant??

Hocks: Ziemlich genau 14 Jahre.

Hocks: Am 1. März 1986 war meine erste Ausstellung.

Lauter: Horst Jansen. Dann geht es in gewohnter Qualität weiter mit Bissier, Ackermann, Kirchner etc. Und dann gibt es noch einmal einen interessanten neuen Akzent. Seit 1988 liegt ein neuer Schwerpunkt in der Kunst der Gegenwart, 1988. Mit der Ausstellung zeitgenössischer italienischer Kunst.

Lauter: Dann geht es im Jahr 1990 mit der Ausstellung Charlotte Posenenske weiter.

Hocks: Das war der Beginn der Zusammenarbeit mit dem MMK – Museum für Moderne Kunst und Dir.

Lauter: Und zwar gleich in radikaler Form mit Posenenske.

Hocks: Ja, im Innen- und Außenraum.

Lauter: Es folgten dann Ausstellungen mit zeitgenössischen Werken aus der Sammlung der Deutschen Bank, und dann gibt es immer wieder dieses Wechselspiel zwischen zeitgenössischer und klassischer Moderne.

Hocks: Nicht zu vergessen sind die Fotoausstellungen, die waren alle gut.

Lauter: Interessant ist außerdem, daß die neue Verbindung zum MMK dazu geführt hat, daß das Museum jedes Jahr eine Ausstellung mit neuen Erwerbungen zeigen kann oder junge Kunst. Das heißt, die Jahrhunderthalle ist für das Museum ein erweiterter Ausstellungsraum. Das ist natürlich für uns nach wie vor eine sehr, sehr gute Möglichkeit, aktuelle Kunst zu zeigen. Daraus kann man eine neue Zielsetzung für die Intendanz von Michael Hocks feststellen: den Schwerpunkt klassische Moderne und seit den späten 80er Jahren zeitgenössische Kunst. Unter diesen Aspekten gesehen ist die Arbeit der Galerie Jahrhunderthalle ein ganz wichtiges kulturelles Moment. Dreißig Jahre sind eine lange Tradition für Frankfurt. Das Spezifische der Jahrhunderthalle ist ihr Wechselspiel mit Galerien und mit Museen. Diese Konstellation ist für Frankfurt einmalig.

Hocks: Vielleicht vor allem die Kontinuität, die dahinter steht. Das ist der ganz entscheidende Punkt. Ich meine, man hätte ja auch sagen können: o. k., jetzt geht es mit der Schirn richtig los, und jetzt ziehen wir uns mal etwas bescheidener zurück. Es ist vollkommen unberührt einfach weitergegangen.

Und so werden wir jetzt weitersehen. Was immer mit der Schirn passiert, was immer mit dem Städel und seinen Ausstellungsmöglichkeiten passiert. Wir werden genau unsere Linie weiterverfolgen.

Lauter: Ich glaube, die Eigenidentität ist das allerwichtigste, und dann bleibt es auch als eigenständiges Kulturinstitut erhalten.

Hocks: Was wir noch erwähnen sollten ist, daß wir eine Reihe von Katalogen gemacht haben, denn sie sind wirklich von wissenschaftlichem Rang.

Lauter: Daneben ist aber auch die finanzielle Unterstützung für Publikationen zu nennen, die etwa das MMK herausgegeben hat. Dafür möchte ich mich im Namen des Museums nochmals ganz herzlich bedanken.

Lieber Herr Meyer-Ellinger, lieber Michael Hocks, vielen Dank für das Gespräch.

 

 

Kunst in Frankfurt – Das Museum für Moderne Kunst und die Sammlung Ströher

MMK in der Galerie Jahrhunderthalle Hoechst, Frankfurt 1994

 

Kunst in Frankfurt – Zeitgenössische Kunst aus Frankfurter Banken

MMK in der Galerie Jahrhunderthalle Hoechst, Frankfurt 1994

Querpass I / Cross Over I

MMK und Städel Museum im Dialog

Galerie Jahrhunderthalle Hoechst, Frankfurt 1997

Querpass II / Cross Over II

MMK und Städel Museum im Dialog

Galerie Jahrhunderthalle Hoechst, Frankfurt 1997-1998

horizontal-vertikal

MMK in der Galerie Jahrhunderthalle Hoechst, Frankfurt 1998