NEUE KUNSTHALLE III: MATERIELL – IMMATERIELL, KHMA 2004

Die Neue Kunsthalle  III

materiell – immateriell

Kunsthalle Mannheim

18. März – 12. September 2004

 

DR. ROLF LAUTER, NEUE KUNSTHALLE III, MARTIN HONERT, KUNSTHALLE MANNHEIM 2004

 Werke und Installationen von

Mawuli Afatsiawo, Darren Almond, Carl Andre, Kenneth Armitage, Kutlug Ataman, Joannis Avramidis, Vanessa Beecroft, Zarina Bhimji, Heiner Blum, Oliver Boberg, David Claerbout, Toni Cragg, Chris Cunningham,  Tracey Emin, Ayse Erkmen, Dan Flavin, Ralph Gibson, Gilbert & George, Johan Grimonprez, Waldemar Grzimek, Herbert Hamak, Gary Hill, Martin Honert, Axel Hütte, Alexej Jawlensky, Isaac Julien, Alex Katz, Joseph Kosuth, Norbert Kricke, Clare Langan, Robert Mapplethorpe, Christian Marclay, Paul McCarthy, Steve McQueen, Mario Merz, Tracey Moffatt, Mariko Mori, Gabriele Muschel, Bruce Nauman, Shirin Neshat, Marcel Odenbach, Arthur Omar, Catherine Opie, Adrian Paci, Paul Pfeiffer, Mario Praz, Pipilotti Rist, Thomas Ruff, Thomas Ruff, Robert Ryman, Anri Sala, Antonio Saura, David Smith, Jennifer Steinkamp, Piero Steinle, Beat Streuli, Thomas Struth, Diana Thater, Wolfgang Tillmans, Shiro Tsujimura, Nasan Tur, Hans Uhlmann, Bill Viola, Jeff Wall, Jane & Louise Wilson, Yamanobe

im Dialog Werken aus der Sammlung von

Oswald Achenbach, Karl Albiker, Theodor Alt, Alexander Archipenko, Arman, Kenneth Armitage, Hans Arp, Ivan Babij, Francis Bacon, Clive Barker, Ernst Barlach, Willi Baumeister, Max Beckmann, Rudolf Belling, Adolf Bermann Cipri, Carl Blechen, Umberto Boccioni, Arnold Böcklin, Constantin Brancusi, Heinrich Bürkel, Reginald Butler, Mario Ceroli, César, Paul Cézanne, Lynn Chadwick, Eduardo Chillida, Giorgio de Chirico, Johan Christian Clausen Dahl, Lovis Corinth, Camille Corot, Gustave Courbet, Thomas Couture, Tony Cragg, Fritz Cremer, Honoré Daumier, Edgar Degas, Fritz Dehof, Eugène Delacroix, Robert Delaunay, André Derain, Charles Despiau, Otto Dix, Eberhard Eckerle, Benno Elkan, James Ensor, Max Ernst, Jean Fautrier, Lyonel Feininger, Anselm Feuerbach, Günter Förg, Ruth Francken, Otto Freundlich, Caspar David Friedrich, Joseph von Führich, Xaver Fuhr, Hermann Geibel, Franz Gelb, Théodore Géricault, Alberto Giacometti, André Gill, Vincent van Gogh, George Grosz, Karl Haider, Raymond Hayns, Karl Hartung, Erich Heckel, Bernhard Heiliger, Barbara Hepworth, Georg Herold, Ferdinand Hodler, Carl Hofer, Alfred Hrdlicka, Jörg Immendorff, Willy Jaeckel, Friedrich Kallmorgen, Wassily Kandinsky, Alexander Kanoldt, Edmund Friedrich Kanoldt, Friedrich Keller Laurent, Georg Friedrich Kersting, Ludwig Kindler, Ernst Ludwig Kirchner, Paul Klee, Max Klinger, Eugen Knaus, Oskar Kokoschka, Georg Kolbe, Käthe Kollwitz, Jannis Kounellis, Alfred Kubin, Carl Kuntz, Albert Lang, Henri Laurens, Wilhelm Lehmbruck, Wilhelm Leibl, Franz Lenk, Max Liebermann, Jacques Lipchitz, Richard Long, Anna Mahler, Aristide Maillol, Edouard Manet, Franz Marc, Hans von Marées, Marino Marini, Ewald Mataré, Henri Matisse, Adolph von Menzel, Manolo Millares, Claude Monet, Henry Moore, Otto Mueller, Edvard Munch, Emil Nolde, Carl Ostertag, Max Pechstein, Camille Pissarro, Jaume Plensa, David Rabinowitch, Franz Radziwill, Ferdinand von Rayski, Auguste Renair, Germaine Richier, Auguste Rodin, Emy Roeder, Medardo Rosso, Carl Rottmann, Ulrich Rückriem, Fritz Schaper, Edwin Scharff, Richard Scheibe, Hermann Scherer, Johann Wilhelm Schirmer, Oskar Schlemmer, Rudolf Schlichter, Otto Schliessler, Joachim Schmettau, Carl Schmidt- Rottluff, Wilhelm Schnarrenberger, Julius Schnorr von Carolsfeld, Georg Scholz, Carl Moritz Schreiner, Georg Schrimpf, Carl Schuch, Gustav Seitz, Josef Anton Settegast, Theo Siegle, Renee Sintenis, Alfred Sisley, Max Slevogt, Johann Sperl, Wolf Spitzer, Carl Spitzweg, Toni Stadler, Edward Jakob von Steinle, Franz von Stuck, Hans Thoma, Wilhelm Trübner, Fritz von Uhde, Félix Vallotton, Christoph Voll, Edouard Vuillard, Ferdinand Georg Waldmüller, Anton von Werner, Hans Wimmer, Fritz Winter, Fritz Wotruba

 

Einladung 

ROLF LAUTER, NEUE KUNSTHALLE III, NVITATION, KUNSTHALLE MANNHEIM 2004

ROLF LAUTER, NEUE KUNSTHALLE III, NVITATION, KUNSTHALLE MANNHEIM 2004

ROLF LAUTER, NEUE KUNSTHALLE III, NVITATION, KUNSTHALLE MANNHEIM 2004

ROLF LAUTER, NEUE KUNSTHALLE III, NVITATION, KUNSTHALLE MANNHEIM 2004

 

 

Die Neue Kunsthalle III: materiell – immateriell

Presseinfo

17. März – 12. September 2004

In der „Neuen Kunsthalle III: materiell – immateriell“ setzen wir den Hauptschwerpunkt zusätzlich auf die Videokunst, wobei einige ausgewählte Werkgruppen der beiden vorangegangenen Präsentationen weiterhin zu sehen sind. In zahlreichen Räumen des Neubaus erwarten den Besucher nun Videoprojektionen und Videoinstallationen von internationalen Künstlern im Zusammenspiel mit vielen bekannten aber auch unbekannten Werken der Museumsbestände.

Die verschiedenen Ein- und Zweikanal-Projektionen oder komplexeren Videoinstallationen mit mehreren Projektionsflächen, die sich homogen in die Zwischenzonen zwischen die Werkgruppen von Plastiken, Bildern und Fotografien „eingenistet“ haben, ergänzen in erzählerisch-bewegten Bildwelten die statischen Körperformen, malerischen Gestaltungen und fotografischen Fixierungen nackter Körper, lichtdurchfluteter Landschaften oder sozialer Brennpunkte. Räume werden neu und anders lesbar, Zeiten gedehnt oder beschleunigt erfahrbar, Rhythmen lassen natürliche Zyklen bewußt werden oder sich überlagernde und wechselseitig durchdringende Bilder offenbaren ein denkbares aber nicht real erfahrbares Raum-Zeit-Kontinuum. Die Videoarbeiten definieren ihre eigene Zeit, lassen Reales in abstrakter Form erfahrbar werden oder machen Abstraktes zu realen Ereignissen.

Mit den Video-Installationen eröffnet die Kunsthalle eine neue, unbekannte, virtuelle Welt, in der Träume und Realitäten aufeinanderprallen, lebende und tote, liebende und hassende, leidende und glückliche Menschen aufeinandertreffen oder einfach nur Ereignisse stattfinden, die stellvertretend für das Leben und seine Mannigfaltigkeit stehen. Performative Aktionen stehen neben konzentrierten Ruhephasen, Gewaltszenen neben sensuellen Handlungen, Kriegsereignisse neben naturphilosophischen Erzählungen. Video und Film zeigen uns im künstlerischen Bereich andere Ebenen des Bewußtseins, der Sinnlichkeit, des Daseins. Die Künstler scheuen sich nicht, uns ihre Ängste, Wünsche, Alltagsvorstellungen, Banalitäten oder subjektiven Phantasien vorzuführen, um uns daran teilhaben zu lassen, uns einen Spiegel vorzuhalten oder uns in kritisch hinterfragende Dialoge zu verstricken.

Mit dieser „medialen“ Ausrichtung der dritten Neupräsentation unserer Sammlung wollen wir uns der für die Wirklichkeitsvorstellung der Gegenwart zentralen Problematik virtueller Bildwelten annähern und die Künstler auf ihrer Suche nach der Definition der subjektiven Wirklichkeit sowie nach der unumstößlichen Kraft des Bildes für unser Bewußtsein und unser Gedächtnis begleiten. Die Videowelten von Künstlern der verschiedensten Generationen und kulturellen Lebensbereiche eröffnen ein Panorama subjektiver Weltwahrnehmungen, die das Denken von Gegenwart zum einen manifestieren, zum anderen metaphorisch widerspiegeln.

Gezeigt werden u.a. Videoarbeiten von Mawuli Afatsiawo, Kutlug Ataman, Daren Almond, Zarina Bhimji, Oliver Boberg, David Claerbout, Chris Cunningham, Ayse Erkmen, Tracey Emin, Gary Hill, Isaac Julien, Clare Langan, Christian Marclay, Mariko Mori, Paul McCarthy, Steve McQueen, Shirin Neshat, Bruce Nauman, Marcel Odenbach, Adrian Paci, Paul Pfeiffer, Mario Praz, Pipilotti Rist, Anri Sala, Keith Tyson, Bill Viola, Jane & Louise Wilson, David Zink-Yi.

Rolf Lauter

 

 

Einführung

Die Neue Kunsthalle III: materiell – immateriell. 18. März – 12. September 2004

 

Die Sonderausstellung „Die Neue Kunsthalle III“, die den Untertitel „materiell – immateriell“ trägt, ist der dritte Teil eines Ausstellungszyklus, der die allmählich zu entwickelnde Neupräsentation der Sammlung der Kunsthalle Mannheim zum Ziel hat.  Teil der Sonderausstellung ist auch die die zweite Einzelpräsentation mit Fotoarbeiten und Videoinstallationen des brasilianischen Künstlers Arthur Omar im Vetter–Forum. Thematisch ergänzen sich beide Projekte sowohl in bezug auf Fragen der Natur, als auch auf die Bereiche Existenz und gesellschaftliche Realität.

Die Neue Kunsthalle I – IV

Während in der „Neuen Kunsthalle I“ die Fotografie, in der „Neuen Kunsthalle II“ die Plastik im Zentrum der Neupräsentation der Sammlung standen, liegt in der „Neuen Kunsthalle III“ der Hauptschwerpunkt auf der Videokunst, wobei einige ausgewählte Werkgruppen der beiden vorangegangenen Präsentationen weiterhin zu sehen sind. In zahlreichen Räumen des Neubaus erwarten den Besucher nun Videoprojektionen und Videoinstallationen von internationalen Künstlern im Zusammenspiel mit vielen bekannten aber auch unbekannten Werken der Museumsbestände.

Die verschiedenen Ein- und Zweikanal-Projektionen oder komplexeren Videoinstallationen mit mehreren Projektionsflächen, die sich homogen in die Zwischenzonen zwischen die Werkgruppen von Plastiken, Bildern und Fotografien „eingenistet“ haben, ergänzen in erzählerisch-bewegten Bildwelten die statischen Körperformen, malerischen Gestaltungen und fotografischen Fixierungen nackter Körper, lichtdurchfluteter Landschaften oder sozialer Brennpunkte. Räume werden neu und anders lesbar, Zeiten gedehnt oder beschleunigt erfahrbar, Rhythmen lassen natürliche Zyklen bewußt werden oder sich überlagernde und wechselseitig durchdringende Bilder offenbaren ein denkbares aber nicht real erfahrbares Raum-Zeit-Kontinuum. Die Videoarbeiten definieren ihre eigene Zeit, lassen Reales in abstrakter Form erfahrbar werden oder machen Abstraktes zu realen Ereignissen.

Mit den Video-Installationen eröffnet die Kunsthalle eine neue, unbekannte, virtuelle Welt, in der Träume und Realitäten aufeinanderprallen, lebende und tote, liebende und hassende, leidende und glückliche Menschen aufeinandertreffen oder einfach nur Ereignisse stattfinden, die stellvertretend für das Leben und seine Mannigfaltigkeit stehen. Performative Aktionen stehen neben konzentrierten Ruhephasen, Gewaltszenen neben sensuellen Handlungen, Kriegsereignisse neben naturphilosophischen Erzählungen. Video und Film zeigen uns im künstlerischen Bereich andere Ebenen des Bewußtseins, der Sinnlichkeit, des Daseins. Die Künstler scheuen sich nicht, uns ihre Ängste, Wünsche, Alltagsvorstellungen, Banalitäten oder subjektiven Phantasien vorzuführen, um uns daran teilhaben zu lassen, uns einen Spiegel vorzuhalten oder uns in kritisch hinterfragende Dialoge zu verstricken.

Mit dieser „medialen“ Ausrichtung der dritten Neupräsentation unserer Sammlung wollen wir uns der für die Wirklichkeitsvorstellung der Gegenwart zentralen Problematik virtueller Bildwelten annähern und die Künstler auf ihrer Suche nach der Definition der subjektiven Wirklichkeit sowie nach der unumstößlichen Kraft des Bildes für unser Bewußtsein und unser Gedächtnis begleiten. Die Videowelten von Künstlern der verschiedensten Generationen und kulturellen Lebensbereiche eröffnen ein Panorama subjektiver Weltwahrnehmungen, die zum einen das Denken von Gegenwart manifestieren, es zum anderen aber auch oft metaphorisch brechen. Die „Neue Kunsthalle III“ bietet damit insgesamt einen veränderten „Parcours“ an erlebnishaften Räumen an, die – so wünschen wir es uns – im Bewußtsein der Besucher wieder bleibende Bilder und tiefe Eindrücke hinterlassen.

Am Balkon über dem Haupteingang leuchtet einladend in weißer Neonschrift die Textarbeit des New Yorker Konzeptkünstlers Joseph Kosuth, die mit ihren sechs Begriffen zentrale Fragen der Kunst und des Museums thematisiert. Neben den nachdenklich stimmenden Porträtfotos einiger Aufsichten, die der aus Frankfurt kommende Künstler Nasan Tur in den während der ersten Umbauphase der Kunsthalle leeren Räumen für das Foyer geschaffen hat, sieht sich der eintretende Besucher mit einer ersten Videoprojektion der in Berlin lebenden türkischen Künstlerin Ayse Erkmen konfrontiert. Im Kassenbereich knurrt ein im Zoo gefilmter männlicher Löwe die ankommenden Besucher in einer rhythmisch wiederkehrenden Bewegungsabfolge an. Das sich wiederholende Bewegungsritual des Löwen spielt auf den Vorspann der Spielfilme von MGM (Metro Goldwin Meyer) an, deren berühmtes Markenzeichen seit den 40er Jahren existiert und aufgrund eines erfolgreichen Marketing immer noch zum Einsatz kommt. Erkmen zeigt uns mit ihrem Video in ähnlicher Weise, wie dies zuvor Andy Warhol in seinen Werken eindrucksvoll zum Ausdruck gebracht hat, dass der Mensch auf die serielle Wiederholung eines noch so bekannten Motivs eher mit einer Abnahme seines Interesses, als mit einer Sensibilisierung seiner Wahrnehmung reagiert.

NaturRaum (N1 – N4)

In dem auf drei Ebenen aufgefächerten großen Eingangsraum (N1-N2), der inhaltlich mit NaturRaum überschrieben ist, beginnt dann die sich rhythmisch verändernde ‚imaginäre Sammlung’. Hier treffen Plastiken und Skulpturen unterschiedlicher Materialien von Eduardo Chillida, Jannis Kounellis, Richard Long und Ulrich Rückriem aus der Sammlung auf großformatige Fotografien von Elger Esser, Axel Hütte, Gabriele Muschel und Thomas Struth sowie eine aus Photographien und Neonzahlen komponierte Wandarbeit von Mario Merz. Alle Werke umschreiben auf unterschiedliche Weise die besondere Bedeutung der Natur für den Menschen, als Materie, als Nahrungsmittel, als paradiesische Vorstellung oder als strukturale Gesetzmäßigkeit.

Als einzige neue Arbeit wurde hier das Video des in Long Beach/Kalifornien lebenden Künstlers Bill Viola mit dem Titel „I do not know what it is I am like“ aus dem Jahr 1986 eingebunden. In diesem längsten Video Violas reflektiert der Künstler über Grundbedingungen menschlicher Existenz und über Daseinsstrukturen in der Natur. Im Rahmen von fünf verschiedenen Ereignisfeldern, die sich als Teile kosmischer, biologischer, historischer und kultureller Zusammenhänge zu erkennen geben, versucht Viola, die Selbsterkenntnis des Menschen als Teil der Ganzheit Welt zu formulieren. Blitze bilden energetische Kraftlinien zwischen Himmel und Erde, in einer Landschaft versammelte Bisons lassen durch ihre Ruhe an den prähistorischen Gleichklang zwischen Tier und Natur denken, ein „Schneckenstilleben“ wird lebendig, ein Tierkadaver wird von Insekten aufgefressen, Menschen der südindischen Gemeinde in Suva zelebrieren in einem tranceartigen Zustand das Ritual des Feuerlaufs als Ausdruck der Überwindung des Todes, Traum wird zur Wirklichkeit – ein Elefant im Künstleratelier -, Wirklichkeit zum Traum – ein toter Fisch fliegt durch die Luft, wird auf den Waldboden gelegt und löst sich dort auf -, jedes Ende ist gleichzeitig ein Neuanfang. Leben und Tod sind für ihn nur Grenzbereiche zwischen verschiedenen Zustandsformen des Seins.

In direktem Anschluss an diese Werkgruppe taucht man in den Videoraum von Shirin Neshat (N3) ein, der die archaische, einst unzertrennbare Einheit von Mensch und Natur in wunderbaren und von emotionaler Musik untermalten Bildern umschreibt, aber auch die Bedrohung durch den Menschen selbst, der sich allmählich immer weiter von der Natur entfernt. Begleitet von den Klängen des Videoraumes, betritt man einen Raumkomplex (N4), der einerseits von Landschaftsdarstellungen aus der Sammlung der Kunsthalle bestimmt wird, andererseits von Videoarbeiten, die die existenziellen Fragen von Geburt, Tod und Wiedergeburt behandeln. Gemälde aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert zeigen uns teils romantische, teils idyllische, teils ideale oder teils vor Kraft pulsierende natürliche Landschaften, die sich mit unterschiedlichen Stimmungsakzenten an den Betrachter wenden. In diesem Kontext ist auch das hinterleuchtete Großdia „The Old Prison“ von Jeff Wall zu sehen, das der mythologisch-fiktiven Gegenwelt der Malerei des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zum einen mit einem räumlichen Traumgebilde, zum anderen mit einer von Industrialisierung zerstörten Landschaftsvedute den Spiegel der Realität entgegenhält.

Zwischen die Landschaftsbilder sind zwei Videoprojektionen – die eine von Bill Viola, die andere von Shirin Neshat – eingebunden, die sich ebenfalls mit Fragen des Natürlichen, Zeitlichen und Vergänglichen sowie mit der Vorstellung von Wiedergeburt auseinandersetzen. In seinem Video „The Reflecting Pool“ (1977-1979) versuchte Viola mit Hilfe spezieller technischer Möglichkeiten ein Video zu schaffen, in dem er unabhängig voneinander aufgenommene Bildsequenzen in der Weise ineinander komponierte, daß divergente räumliche und zeitliche Ereignisse zu einer homogenen Beziehungsganzheit verschmelzen. Die Struktur des Videos ist in gewisser Weise mit derjenigen einer „Skulptur“ vergleichbar. Der Künstler formuliert durch das Ineinandergreifen ereignishafter Situationen unterschiedlicher Zeitebenen innerhalb eines gleichbleibenden Ortes und homogenen Raumes ein abstraktes Raster, das der Erkenntnis von Identität dienen soll.  Dies gelingt vor allem dadurch, daß er den Menschen durch den „Prozess der Differenzierung oder Individuation von einem undifferenzierten, natürlichen Ursprung“ in seiner Eigenart, seinem Sein in der Welt charakterisiert.

Bei einer durch das gesamte Video hindurchgehenden gleichbleibenden Einstellung der Kamera auf ein Wasserbecken, das in einem Park liegt,  wird die Parallelität zeitlich gleicher, aber räumlich unterschiedlicher Ereignisse oder räumlich gleicher und zeitlich verschiedener Situationen mit Hilfe filmischer Überlagerungen vor Augen geführt. Innerhalb eines mehrfachen Tageszeitenwechsels greifen scheinbar unmöglich zusammenhängende Geräusche und Handlungen von Personen in imaginärer Weise verdichtet ineinander. Das alle Ereignisse verbindende Motiv – der in der Luft festgehaltene Sprung des Künstlers in das Wasser – wird zum symbolischen Schlüssel des Werks. Die in der Hocke schwebende Figur löst sich allmählich und fast unmerklich in der natürlichen Umgebung auf, um dann plötzlich nackt aus dem Wasser zu steigen. Die Verschmelzung des Menschen mit der Natur sowie die an den Akt der Taufe und die Wiedergeburt erinnernde Handlung verweisen auf seine Abhängigkeit von den zyklischen Gesetzmäßigkeiten des Universums. Die Natur in Form des die Umwelt spiegelnden und über sich selbst reflektierenden Teiches nimmt hier symbolisch in ihr ‚morphogenetisches“ Gedächtnis all’ diejenigen Erinnerungen auf, die ein Mensch in seinem Leben und beim Übergang vom Leben in den Tod in sich getragen hat.

Bunker (B1 – B4)

Geht man vom NaturRaum in den Bunker trifft man dort auf Videoprojektionen und -installationen, die sich ebenfalls sehr intensiv mit dem Thema Zeit sowie mit Vorstellungen des Überzeitlichen auseinandersetzen. Gleich in der Nähe des Treppenabgangs zeigen wir – gleichsam um die thematische Verbindung zum NaturRaum zu verdeutlichen – eine Sammlung mit verschiedenen Videotapes von Bill Viola aus den Jahren 1977-1980 mit dem Titel ’The Reflecting Pool – Collected Work’. In den Arbeiten dieses Sammelbandes ging der Künstler der Frage nach, woraus sich die Ideenwelt des Individuums in der Welt konstituiert.

Das Video beginnt wiederum mit „Reflecting Pool“. Es folgt mit ’Moonblood’ (1977-1979) ein Videotape, das den wechselseitigen Austausch von Lichtverhältnissen im Innen- und Außenraum des menschlichen Lebensraumes als Basis unserer Wirklichkeitsvorstellung thematisiert. Das Wasser und seine unterschiedlichen phänomenalen Qualitäten bilden das Zentrum der Arbeit. Ein mit energetischer Kraft vehement vor unseren Augen dahinströmender Fluß mit seinen scheinbar nie versiegenden Wassermassen dient dabei als Symbol für das Leben und den Fluß der Zeit. Violas Video ist eine Liebeserklärung an die Schönheit der Natur, verweist aber auch gleichzeitig auf die zyklische Wandlung von und die Liebe zu seiner Frau Kira.

„Silent Life“ (1979) ist den ersten Augenblicken der Welterfahrung von Neugeborenen gewidmet. In einem Krankenhaus liegen mehrere Kinder in ihren Bettchen und erproben den ersten Kontakt mit der Welt. Die körperliche Trennung von der Mutter und die wahrnehmende Erfahrung der Außenwelt konstituieren die erste Erkenntnis des ‚Anderen‘. Geräusche, Berührungen, optische Reize und Bewegungen sind dabei Zeichen individueller Aneignung von Welt.

Auf die Arbeit Violas folgen in rhythmischen Abständen Werke des Schweizers Piero Steinle, des in Fürth lebenden Oliver Boberg, des in London arbeitenden Darren Almond, eine zweite Arbeit von Ayse Erkmen und schließlich die bereits zuvor in einem anderen Raum der Kunsthalle gezeigte Trilogie der aus Dublin kommenden  Clare Langan.

Steinle umschreibt in seinem Video, das Badende und Schwimmer in verschiedenen Pools und Schwimmbecken zeigt, den natürlichen Gleichklang zwischen Mensch und Wasser, untermalt von Musik. Die sich durch das Video im Betrachter ausbreitende Ruhe erreicht nach einem längeren Wahrnehmungsprozess teilweise meditative Züge.

Boberg führt uns in die künstlich gestaltete virtuelle Scheinwelt einer „Felsenklippe“, die – in blaues Licht getaucht – zu vielen Assoziationen über Filme, Träume oder Ängste anregt. Das nur einige Sekunden dauernde und sich endlos wiederholende Video umschreibt den bildnerischen Versuch eines Künstlers, faktische Bewegung, Bewegungssuggestion und erzählerische Zeit in einem fast statischen Videobild so zu fixieren, dass sich in unserem Gedächtnis eine komplexe Bildvorstellung festsetzt, die unserer Vorstellung von der Welt strukturell entspricht. Oliver Boberg ist es gelungen, Ort und Zeitlichkeit einer Videoaufnahme durch Zeit-Dehnung soweit zu verfremden, dass die Realität aufgehoben scheint.

Darren Almond entführt uns in seiner Doppelprojektion mit dem Titel „Schacta“ aus dem Jahr 2001 in die scheinbar zeitlose Welt eines seit dem 19. Jahrhundert existierenden Kohlebergwerks aus Kasachstan. Im Zusammenhang mit den projizierten Bildern auf dem ersten Projektionsfeld werden wir zu Mitreisenden der Bergarbeiter, die täglich ihre langsame Fahrt in die unterirdischen Schächte antreten. Zeit wird durch die extreme Verlangsamung der Bildsequenzen gedehnt, als eine Kategorie der Einsamkeit, aber auch der Erinnerungen an ausgedehnte Reisen erfahrbar gemacht. Die unendlich langsame und lange Fahrt durch die Schächte des Bergwerks lassen uns allmählich immer mehr in unser eigenes Ich eindringen.

Auf der gegenüberliegenden Projektion sehen wir – ebenfalls in extremer, lyrisch gedehnter Zeitlupe – Bergarbeiter, die sich in einer großen Halle umziehen. Während sich die einen nach ihrem Weg von der Arbeit entkleiden, die schmutzige zweite Haut abstreifen, bekleiden sich andere mit einer dunklen Schutzkleidung. Die Dramaturgie des Videos mit seinen gegenläufigen Inhalten greift gleichsam im Kontext der Arbeitswelt das zyklische Moment der Videotapes von Viola auf. Aufgrund der zu den langsamen Bildern abgespielten musikalischen Sequenzen stellt sich beim Betrachter zunächst ein positives Gefühl ein,  das sich auf die sich körperlich für die Gesellschaft einsetzenden Menschen bezieht. Im nächsten Moment wird dieses Gefühl aber wieder durch die extrem reflexive und kritische Thematik des Videos konterkariert, werden wir hintergründig auf die Problematik des Marx’schen Frühkapitalismus hingeführt.

Im nächsten Raum erwartet uns ein bedrohliches, die Urängste des Menschen umschreibendes Video von Ayse Erkmen. Ein im Meer stehender Leuchtturm wird von Wellen umspült, die immer höher werden und den Leuchtturm scheinbar im nächsten Moment überspülen werden. Ein auf dem mittleren Umgang des Leuchtturms stehender Mann blickt gelassen auf das Geschehen. Bevor es zur erwarteten Zerstörung der von Menschenhand gebauten Architektur kommt, verschwindet das Videobild im Dunkel, um im nächsten Moment in identischer Weise wieder zurückzukommen. Die permanente Wiederholung der Szene führt unsere Wahrnehmung bald soweit, dass wir glauben, dass sich das Wasser immer höher über den Leuchtturm ausbreitet. Angst lässt unsere Wahrnehmung mehr sehen, als zu sehen ist.

Als abschließende Arbeit ist schließlich die Trilogie von Clare Langan zu sehen, die bereits in der Neuen Kunsthalle I und II an einem anderen Standort präsentiert war. Die drei Videoarbeiten Langans (1999 bis 2002), die direkt nacheinander gezeigt werden, zeigen verschiedene natürliche Umgebungen, wie etwa die Welten der See, des Vulkans oder der Wüste. Langan thematisiert die Rückgewinnung der vom Menschen zu zivilisatorischen Orten transformierten Naturwelten, um wieder die ursprünglichen Naturbereiche zurückzugewinnen. Es ist ein ästhetisch angesetzter Kampf, den nur die Natur gewinnen kann.

NaturRaum (N4)

Vom Bunker zurückkommend gerät der Betrachter sogleich in den Sog von Shirin Neshats Videoprojektion „Passage“. Der Film ist in einer Kooperation mit Philip Glass entstanden, der seine Musik kongenial auf die gestisch-rituellen Gesänge und Geräusche im Video abgestimmt hat. Das Video umschreibt in eindrucksvollen Bildern und Szenen ein Begräbnisritual, bei dem ein in weiße Tücher gewickelter Toter von Männern über Sandhügel an einen Ort in einem steinigen Gelände getragen wird, in dem bereits schwarz gekleidete Frauen – begleitet von rhythmischen Atemgeräuschen und ursprungshaften Gesängen – die eine Anspielung auf Sexualität andeuten. Ein Mädchen, das im Wüstenboden sitzend am Bildrand damit beschäftigt ist, die Zeremonie in einem kleinen Ritual nachzustellen, ist am Ende auch einer der Pole, der

Im nächsten Raum wurden fast alle Plastiken Wilhelm Lehmbrucks aus den Mannheimer Beständen und aus zwei Privatsammlungen zu einer Werkgruppe zusammengefasst. Sie zeigen anhand von torsohaften Kopf und Körperdarstellungen sowohl den existentiellen inhaltlichen Ansatz, als auch die Suche Lehmbrucks nach dem Verständnis für den inneren Aufbau des menschlichen Körpers durch formale Deformation und Fragmentierung.

Diesen Arbeiten gegenübergestellt sind diese Werke Bildern Alexej von Jawlenskys, die weibliche Köpfe in verschiedenen Abstraktionsstufen zeigen.

Um der Bedeutung von Zeichen und Symbolik als Ausdruck bestimmter visueller Sprachcodes des Gesichtes auf die Spur zu kommen, werden in diesem Raum auch einige afrikanische Masken unterschiedlicher Provenienz gezeigt. Die meist aus rituellen Gründen auf ganz wenige physiognomische Details verdichteten Masken führen uns hinter die abbildhafte Form menschlicher Darstellung zu einer ursprünglichen, repräsentativ-funktionalen Formung des Gesichts.

EigenRaum (N6) 

In einer weiteren großen Werkgruppe wurden verschiedene Bilder, Plastiken, Reliefs und Fotografien unter dem Aspekt der Frage nach der Bedeutung des Porträts und der Suche nach der Identität des Menschen zusammengeführt. Anhand unterschiedlichster individuell gestalteter Menschenbildnisse, die die Relativität der Darstellung einer Abbildung oder Gestaltung eines Menschenbildes aufgrund der Subjektivität eines Künstlers vor Augen führen, lässt sich intensiv über Fragen der Wirklichkeit und Wahrheit einer ‚realen’ Erscheinung nachdenken.

Über einer ’Ahnengalerie’ mit Bronzeköpfen der Museumssammlung, entfalten sich in einem seriellen und rhythmischen Gleichklang die 9 gleichgroßen runden Leuchtkästen von Jeff Wall mit dem Titel „Little Children”. Diesen Arbeiten gegenübergestellt sind jeweils ein ”Porträt” und ein ”Anderes Porträt” von Thomas Ruff, die im Abstand von 30 Jahren gemalten ’identischen’ Porträts von Alex Katz mit dem Titel „Laure and Alain“ (1964/1991) und die Großaufnahme einer jungen Frau, die der Schweizer Beat Streuli im öffentlichen Raum festgehalten  hat. Hinter der unbeobachtet zustandegekommenen Aufnahme entfaltet sich die natürliche Schönheit eines Menschen, der gleichsam sein individuelles Schicksal mit sich trägt.

Ebenfalls in diesem Raum aber auch verteilt auf die Außenwände des Vetter-Forums treffen historische ‚Schönheiten’, gemalt in verschiedenen Techniken, mit den genannten Arbeiten aufeinander. Es zeigt sich in der Gegenüberstellung mit den Fotografien, dass jedes Bild, ob es sich um die Darstellung einer Frau, eines Mannes oder eines Kindes handelt, individuell verschieden sind und auch so gemalt werden. Malerische, klassizistische oder barocke Körpergestaltungen offenbaren darüber hinaus noch den subjektiven Ausdruck der jeweiligen Künstler.

BildRaum / ClubRaum (N7, N8, N9)

Im Vetter- Forum, das seit Januar der Durchführung monografischer Wechselausstellungen dient, begegnen uns in einer Sonderpräsentation großformatige Farbaufnahmen des in Sao Paulo lebenden Arthur Omar. Die in seinen Fotografien wie inszeniert ausgedrückte Wirklichkeit der Wälder und Flußlandschaften des Amazonasgebietes oder der Wüstenstädte Afghanistans wirkt auf uns wie der Spiegel einer anderen Wirklichkeit, die der alltäglichen scheinbar diametral entgegengesetzt  ist. Natürliche Schönheit und vom Menschen zerstörte Trostlosigkeit in der Natur und im Gesellschaftsraum bilden dabei die formalen Polaritäten, für die sich Omar in seinem Gesamtwerk interessiert.

Blau, gelb oder rot gefärbte Wasser, abstrakt absurde Baummotive, ein wie ein Wappen fliegender Urubu, der selten in dieser Weise fotografiert wurde, von Menschenhand fast unberührte natürliche Paradiese bilden den Ausgangspunkt für eine größere Werkgruppe, die Omar zwischen 1999 und 2001 auf mehreren Reisen durch das Amazonasgebiet gemacht hat. Die auf Farbe und Licht basierenden Fotografien scheinen in der Tradition expressionistischer Malerei entstanden zu sein, obwohl es sich hier um eine reine Form des Natürlichen handelt.

Demgegenüber stehen Aufnahmen verlassener, zerstörter, verwüsteter Landschaften oder einst zivilisatorisch funktionierender Gebiete in Afghanistan, die von Ruinen und ausgetrockneter Natur geprägt sind. Kinder spielen neben verfallenen Häusern in der Gegend um Kabul, eine Siedlung steht gleich neben verfallenen Wohnhäusern, ein ehemals bürgerlicher Palast wird von vier Ansichtsseiten aus in seiner verlassenen Schönheit gezeigt. Omar mischt in diesen Fotos oft Menschen, Orte und Architekturen fototechnisch zu verdichteten Realitätsaufnahmen zusammen, um in dieser pointierten Weise die alltägliche Nähe des Krieges und der vom Menschen inszenierten Zerstörung von Zivilisation eindrucksvoll vor Augen führen zu können.

Die fotografischen Bilder werden von bewegten Videobildern schwimmender, tauchender Kinder begleitet, die im alltäglichen Leben stets in höchster Lebensgefahr schweben.

Lesecafe (A4)

Im Lesecafe, das den Besuchern zum verweilenden Lesen dienen kann, ist eine zweite Videoprojektion von Piero Steinle zu sehen, die im ruhigen Gleichklang einer Melodie einen sich immer wieder nach links oder rechts aus dem Bild sich fortbewegenden Schwimmer zeigt. Der Schwimmer, dessen Handlung in Zeitlupe abgespielt ist, schwimmt in einem Pool, der vor der eindrucksvollen Kulisse des Meeres liegt. Das Wasser wird bei Steinle zum Symbol für den Gleichklang der Natur, die dem Menschen in einer Zeit des rasenden Fortschritts zeitweise seine Ruhe und Ausgeglichenheit geben kann.

Altbau (A2)

Auf dem Weg durch das Lesecafe zum Altbau findet man in den Nischen vor der Halle des Altbaus (A2) vier Flachbildschirme mit sich rhythmisch verändernden Videobildern. Kutlug Ataman, von dem in der Neuen Kunsthalle 1 zwei Videoinstallationen zu sehen waren, hat hier vier Videoarbeiten installiert, die eine Auseinandersetzung mit der im Islam verbotenen Darstellung von Bildern zeigt. Die Künstler des Islam haben aus dieser ikonoklastischen Haltung heraus versucht in Schrift und Wort erzählerische, bedeutungsvolle Bilder entstehen zu lassen, die denen der sichtbaren Bilder entsprechen.

Ataman hat – basierend auf der kalligrafischen Form von Schriftzeichen – vier erzählerische Bildkompositionen entwickelt, die sich im Rahmen eines symmetrischen Koordinatensystems ständig zu neuen Formen verwandeln. Die aus den Zeichen entstehenden Gesichter, Blumen oder anderen Bilder erhalten im Verlauf ihrer Transformation stets neue Bedeutungen, Inhalte und Lesarten. Die Vexierbilder regen unsere Phantasie und Assoziationskraft an und lassen uns etwas von den Geheimnissen und Bedeutungsebenen einer anderen Sprache erfahren.

LichtRaum (Altbau A3)

In dem ersten ‚Projektraum’ des Hector-Forschungszentrums, der sich im Erdgeschoss befindet, fand der aus weißen Marmorplatten um ein Metallgerüst gebaute Iglu mit dem Titel „Von Grundmauern“ des italienischen Künstlers Mario Merz seinen neuen, kontemplativen Standort. Je nach Tageslichtsituation umspielt das eindringende Licht die Marmorplatten, dringt in ihre Materie ein oder macht aufgrund von einem reichen Licht-Schatten-Spiel die ureigenen plastischen Qualitäten des Masse- und Luftvolumens auf eindringliche Art und Weise erfahrbar.

Der Iglu wird von einer Reihe kleiner intensiver Schwarz-Weiß-Fotografien des 1983 verstorbenen Amerikaners Peter Fink eingerahmt, die sich wie die Plastik auch dem Thema des Lichts und der Spiegelung verschrieben haben. Finks „Refractions“ offenbaren den beim alltäglichen Spazierengehen erfahrbaren Reichtum an Spiegelbildern und Motivverzerrungen in den verglasten Hochhausfassaden New Yorks und lassen jeden Blick zu einem spannenden Schauspiel werden.

Neu hinzugekommen ist eine Lichtinstallation des Amerikaners Keith Sonnier, die die Frage des Lichts unter Bezug auf das künstlich gestaltete Licht erweitert.

Begibt man sich dann über die Treppen auf den Zwischenabsatz der Halle, erfährt man an einer eindrucksvollen Bodenplastik des amerikanischen Minimal Künstlers Carl Andre die Unmöglichkeit der Identität von Erscheinungsform und Daseinsform eines Gegenstandes.

LebensRaum / TodesRaum (N11-N14)

Im oberen Rundgang sind auf beiden Seiten des Umgangs (N12,N14) weiterhin die Fotodrucke von Wolfgang Tillmans mit dem Titel „Soldiers“ zu sehen, die sich mit der Heroisierung von Soldaten in Zeitungen aus verschiedenen Ländern beschäftigen. Daneben zeigen die Leuchtkästen aus der Serie Food von Heiner Blum (N11) das brutale Schicksal von zum Tode verurteilten vermeintlichen Verbrechern aus den USA, deren „Henkersmahlzeit“ uns beim Erkennen der Thematik förmlich im Hals stecken bleibt. Gegenüber von den Arbeiten Blums (N13) sind verschiedene Videoarbeiten zu sehen, die sich mit Fragen des Krieges, Todes, gesellschaftlicher und industrieller Realität auseinandersetzen.

Hier treffen Arbeiten der in London lebenden Zwillingsschwestern Jane & Louise Wilson auf das Video Anthem (1983) von Bill Viola. Der Künstler stellt dabei die Frage der Identität vor allem durch den Blick des ‚Anderen‘ auf das eigene Ich. Im Zusammenhang mit Anthem schrieb er: „In Form und Funktion dem religiösen Sprechgesang verwandt, beschreibt Anthem die Evokation eines zeitgenössischen, auf das weite Thema des Materialismus konzentrierten Rituals – die Architektur der Schwerindustrie, die Mechanik des Körpers, die Freizeitkultur Südkaliforniens, die Technologie der Chirurgie – und ihre Beziehung zu unseren tiefsitzenden Urängsten, der Dunkelheit und der Trennung von Körper und Geist.“ Die rhythmisch aufeinanderfolgenden Bildsequenzen, die sich auf zivilisatorische technische Realitäten beziehen, welche unser Leben eindeutig bestimmen, werden durch die musikalische Struktur einer einfachen Tonleiter aus sieben harmonischen Tönen gegliedert. Ausgangspunkt für diese Tonleiter ist der nur wenige Sekunden dauernde Schrei, den ein elfjähriges Mädchen in der Bahnhofshalle der Union Railroad Station in Los Angeles ausstieß. Durch Verlängerung und zeitliche Verzerrung des Schreis, der dadurch bisweilen sehr tief, dann aber stufenweise etwas höher erklingt, entstand eine sehr dichte Choreographie, die die Zerstörung der Natur und des Menschen durch den Menschen umschreibt. Der Schrei ist der elementare Angstschrei des Menschen, der mit Schmerzen die Verletzung und die ungewollte Trennung von der Natur erkennt und damit auch die Spaltung seiner Identität.

Die Videoprojektion „Dreamtime“ (2001) der beiden Wilsons zeigt in magisch bewegten und an der Heroisierung der Technik orientierten sich allmählich auf der Wand entfaltenden Bildsequenzen Aufnahmen russischer Raketen und Astronauten, die sich im Fotogewitter der Presse auf den Weg ins All machen. Ein unumstösslicher Glaube an die Technik mischt sich in den Aufnahmen mit einem Gefühl des Bedauerns für die immer höheren technikorientierten Ziele der Menschheit, die aber stets mehr öde, zerstörte und verlassene Orte auf der Erde hinterlassen.

Weitere Werke von Marcel Odenbach, Johan Grimonprez und Bruce Nauman ergänzen in diesem Zusammenhang die politisch-gesellschaftskritische Position der anderen Werke.

KörperRaum (N15, N21)

In diesen beiden Räumen offenbaren großformatige Videoprojektionen von Chris Cunningham und Isaac Julien unterschiedliche Annäherungen an die erzählerischen Dialoge und Beziehungen von Menschen, die sich – oft in Tanzsequenzen ausgedrückt – zu metaphorischen Bedeutungsmomenten des Menschlichen steigern.

GedächtnisRaum (N16)

Im nächsten Raum entfaltet sich eine überdimensionale „Laterne“ von Martin Honert, die einen Blick in den Kosmos und die Phantasie eines ehemaligen Kindes aus der Perspektive des Erwachsenen preisgibt.

WeißRaum (N17)

Die Philosophie der Nichtfarbe Weiß läßt sich in einem Raum mit fast nur weißen Kunstwerken oder solchen, die das Weiß thematisieren, eindrucksvoll erfahren. Werke von Dan Flavin, dessen Leuchtstoffröhren auf Carl Andres Aluminium Square eine Lichtstrasse projizieren, Bill Viola, dessen Videoprojektion die lichtintensive Situation in der Eiswüste von Saskatchewan sowie die Luftspiegelungen in der Sahara festhält, Herbert Hamak, dessen schwere, körperliche Bilder die Farbe als Materie erfahrbar werden lassen, Yamanobe, der auf vier gleichgroßen weißen Bildern durch subtile Farbsetzungen eine gesteigerte faktische und imaginäre Bildtiefe erreicht oder Catherine Opie, deren Schneefotografien die immer wiederkehrende Suche nach dem Horizont aufwerfen. Alle diese Werke umschreiben mehr Gefühle und öffnen Felder für wahrnehmungsästhetische Grenzerfahrungen und assoziative Ebenen. Hinzu gekommen sind in dieser Ausstellung Zeichnungen von James Turrell, die unter dem Titel „First Light“ frühe Projektionskonzepte des Künstlers darstellen, in denen sich Licht zu räumlich-geometrischen Körpern verwandelt.

Chott el-Djerid, der Titel des Videos Violas, ist der Name eines großen ausgetrockneten Salzsees im tunesischen Teil der Sahara. Bevor aber längere Einstellungen dieser Landschaft gezeigt werden, sieht man zunächst Bilder der öden Winterprärien von Illinois und Saskatchewan/Kanada, die teilweise während eines Schneetreibens aufgenommen wurden. Das Video beginnt mit einer im Schneesturm kaum auszumachenden, ‚vibrierenden‘ Landschaft, in der sich ein Mensch langsam der Kamera nähert. Nach einigen weiteren Einstellungen, in denen immer wieder schemenhaft Spuren der Zivilisation  auftauchen, erfolgt ein abrupter Wechsel zu einem kleinen Wasserloch inmitten des vor Hitze flimmernden Salzsees. Ein Mensch wirft in einem symbolischen Akt einen Stein in das Wasser. Das Wasser ist gleichzeitig Spiegel und Trennfläche zwischen den Welten des Lebens und des Todes, d.h. den Zonen der Wärme und der Kälte. Danach ein mehrmaliger Szenenwechsel: Menschen, Kamele, Häuser, Berge, Autos bewegen sich real oder virtuell als optische Erscheinungen auf den Bildern. Bild und Abbild sind nicht mehr identisch. Starkes Licht und Wüstenhitze beeinflussen unsere Wahrnehmung, lassen Horizonte entstehen, wo keine sind, lassen Sanddünen über dem Boden schweben, machen aus Gegenständen vibrierende, flimmernde Gestalten. Alles löst sich in diesem Video optisch auf, verfließt miteinander. Die in den extrem gegensätzlichen Landschaften herrschenden klimatischen Bedingungen führen in beiden Fällen in Verbindung mit spezifischen Lichtverhältnissen zu einer für den Betrachter vergleichbaren Situation. Er reagiert mit Verunsicherung und Orientierungslosigkeit auf die optisch vielfältigen Phänomene. Das Rauschen und Dröhnen von Schnee und Wind unterstützen diesen Eindruck noch zusätzlich. Sichtbare Wirklichkeit bringt illusionäre Bilder hervor. Die Erscheinungen der Fata Morgana und der Luftspiegelungen machen die Wirklichkeit zum Traum. Die Wahrnehmung dient hier nicht mehr der Objektivierung von Sachverhalten, sondern stellt sich als Halluzination heraus. Die Kamera objektiviert die Illusion, deckt Realität nicht auf, sondern verschleiert sie. Materie wird als Schein, nicht als Wirklichkeit entlarvt, äußere Realität als eine Projektion innerer psychischer Prozesse erkannt. Durch die Wahrnehmung muß unsere Wirklichkeit relativiert und neu bewertet werden. Der Steinwurf ins Wasser ist der symbolische Schritt aus der Lebenswirklichkeit in die andere, transzendente Wirklichkeit des alles umfassenden Seins.

Ganz unscheinbar daneben stehen in diesem Raum zwei weiß geschlemmte Teeschalen von einem der wichtigsten zeitgenössischen japanischen Keramiker Shiro Tsujimura. Die Schlichtheit und Natürlichkeit dieser Schalen ist ein ausdruckshaftes Ziel, das in Japan seit dem 15. Jahrhundert in langen Traditionen gepflegt wurde. Dan Flavin war von Tsujimuras Handwerkskunst derart beeindruckt, dass er viele Beispiele seiner Keramik in seine Sammlung integrierte.

LeerRaum (N18)

Hinter dem WeißRaum betritt man einen Raum mit Werken von Jeff Wall, Clive Barker und einer neuen Videoarbeit des Schweizers Erik Steinbrecher. Walls „Blind Window II“,  „Diagonal Composition 3“ und „Clipped Branches“ sind Leuchtkästen, die die Verlassenheit und Leere eines Ortes sowie das Alleinsein der an ihm verbliebenen Gegenstände vor Augen führen. Barkers Bronzesofa mit den beiden zurückgelassenen Schuhen der imaginären „Madame Magritte“ ist ein Zeichen für den ‚ausgesparten Menschen’, der in den Gegenständen seiner ehemaligen Umgebung weiterlebt. Steinbrechers Video eines fliehenden Menschen, der vergeblich versucht, seinem Verfolger zu entkommen – eine Filmsequenz aus einem Spielfilm – zeigt die angstbesetzte Ohnmacht des Individuums in der heutigen Zeit alleingelassen zu sein in menschenleeren Orten.

KriegsRaum (N19)

Im KriegsRaum findet über mehrere Werke hinweg ein Dialog über das Drama der menschlichen Existenz statt. Es begegnen sich der pathetisch gestaltete, in die Schlacht reitende männlich-martialische Krieger, eine Fotoarbeit der in London lebenden Gilbert & George, das hinterleuchtete Großdia mit dem Titel „Milk“, von Jeff Wall, das vielteilige Bild mit zerfetzten Gesichtern von Antonio Saura, dem der existenzielle Aufschrei gegen das Franco-Regime malerisch expressiv immanent ist, der stürzende Reiter in der großformatigen Bronzeplastik von Marino Marini, die Plastiken Germaine Richiers und Reginald Butlers, welche auf unterschiedliche Weise die aus Angst und traumatischen Vorstellungen geborene Transformation der menschlichen Figur vorführen sowie der große „Catcher“ und der „Krieg“ von Gustav Seitz, geschundene, fragmentierte Figuren, die in aller Härte und Drastik auf die Thematik des Krieges, Kampfes und Todes hinweisen.

KörperRaum/ NacktRaum (N20)

Während im KörperRaum eine Vielzahl von Aktdarstellungen der Plastiksammlung der Kunsthalle im Dialog mit Fotografien und Bildern zu sehen sind, anhand derer sich der Betrachter Fragen der Natürlichkeit, Körperlichkeit und Sinnlichkeit eines bildnerisch gestalteten Körpers bewußt machen kann, ergänzen die Videos von Chris Cunningham und Isaac Julien sowie das auf einem Monitor ablaufende Video „Pickelporno“ von Pipilotti Rist  unter verschiedenen Aspekten das Thema des nackten Körpers und des Aktes unter besonderer Fokussierung auf die Frage der Entblößung. Durch die gesamte Kunstgeschichte hindurch gab es immer wieder individuelle Ansätze, einen Menschen und seinen Körper auf seine besondere sinnliche Ausdruckskraft hin zu untersuchen und gestalterisch umzusetzen.

Altbau A5, A5,2 und A5,3

Die Übergangsräume zwischen Alt- und Neubau sind auf beiden Stockwerken zum einen in einen Ort der Kontemplation, zum anderen in einen Ort der Kommunikation verwandelt. Im oberen Raum können sich die Besucher, haben sie erst einmal den von Susa Templin aus künstlichen Elementen gestalteten hinterleuchteten Wald durchlaufen, in Ruhe Videoarbeiten von Darren Almond (Geisterbahn) und Paul Mc Carthy (Fresh Acconci) ansehen. Die Videoprojektionen entführen uns einerseits in die Welt der gewünschten Angst, andererseits in die Welt der Erotik und Pseudoerotik, wie sie sich in den Gedanken der Männerwelt entfalten kann.

Rolf Lauter