WUNDERKAMMER PRIVATSAMMLUNG I, KHMA 2004

Wunderkammer Privatsammlung I

Cabinet of Curiosities I

Metzler Kabinett

Kunsthalle Mannheim

25. Juni 2004

 

DR. ROLF LAUTER, WUNDERKAMMER PRIVATSAMMLUNG I - CABINET OF CURIOSITIES I, KUNSTHALLE MANNHEIM 2004

DR. ROLF LAUTER, WUNDERKAMMER PRIVATSAMMLUNG I - CABINET OF CURIOSITIES I, KUNSTHALLE MANNHEIM 2004

DR. ROLF LAUTER, WUNDERKAMMER PRIVATSAMMLUNG I - CABINET OF CURIOSITIES I, KUNSTHALLE MANNHEIM 2004

Kunstwerke

DR. ROLF LAUTER, STEPHAN BALKENHOL, CANDIDA HÖFER, MICHEL MAJERUS, JOZEF ROBAKOWSKI, WUNDERKAMMER PRIVATSAMMLUNG I - CABINET OF CURIOSITIES I, KUNSTHALLE MANNHEIM 2004

DR. ROLF LAUTER, STEPHAN BALKENHOL, CANDIDA HÖFER, MICHEL MAJERUS, JOZEF ROBAKOWSKI, WUNDERKAMMER PRIVATSAMMLUNG I - CABINET OF CURIOSITIES I, KUNSTHALLE MANNHEIM 2004

DR. ROLF LAUTER, STEPHAN BALKENHOL, CANDIDA HÖFER, MICHEL MAJERUS, JOZEF ROBAKOWSKI, WUNDERKAMMER PRIVATSAMMLUNG I - CABINET OF CURIOSITIES I, KUNSTHALLE MANNHEIM 2004

DR. ROLF LAUTER, STEPHAN BALKENHOL, CANDIDA HÖFER, MICHEL MAJERUS, JOZEF ROBAKOWSKI, WUNDERKAMMER PRIVATSAMMLUNG I - CABINET OF CURIOSITIES I, KUNSTHALLE MANNHEIM 2004

DR. ROLF LAUTER, STEPHAN BALKENHOL, CANDIDA HÖFER, MICHEL MAJERUS, JOZEF ROBAKOWSKI, WUNDERKAMMER PRIVATSAMMLUNG I - CABINET OF CURIOSITIES I, KUNSTHALLE MANNHEIM 2004

 

Wunderkammer Privatsammlung I

Cabinet of Curiosities I

Kunst-Raum /

Präsentations-Raum / Bedeutungs-Raum

Presseinformation

Kunsthalle Mannheim

25. Juni 2004

 

Mit der Sonderausstellung „Wunderkammer Privatsammlung I“ beginnt in der Kunsthalle Mannheim ein neuer Ausstellungszyklus, der zum Ziel hat, in rhythmischer Folge unterschiedliche internationale Privatsammlungen vorzustellen. Im Vordergrund unseres Interesses steht dabei nicht primär, einen Überblick über die Bestände von diversen bekannten oder unbekannten, berühmten oder verborgenen Sammlungen zu geben, sondern vielmehr der Wunsch, charakterisierende Annäherungen an verschiedene Sammlerpersönlichkeiten zu wagen. Mit dem Projekt wollen wir „imaginäre Porträts“ von einigen der interessantesten Sammlerfiguren unserer Zeit entwerfen, möchten wir ihre Wünsche, Interessen, Leidenschaften und Obsessionen als Ausdruck einer individuellen Weltaneignung vorstellen. Dabei bilden sowohl der subjektive Wille, als auch das obsessive Verlangen, sich in der Welt mit wertstiftenden oder grenzgängerischen Positionen individuell zu manifestieren, wesentliche Grundlagen privater Sammelleidenschaft.

Die im 16. und 17. Jahrhundert entstandenen Kunst- und Wunderkammern sowie das sich daraus entwickelnde Kuriositätenkabinett dienen hierbei als Ausgangspunkt für die Formulierung der Idee vom Sammeln, das als individuell geprägtes Universum, Spiegel einer repräsentativen Welterfahrung oder Reflex eines privaten Kosmos ausgerichtet sein kann. Entsprechend werden in diesem Zusammenhang temporär auch Objekte zu sehen sein, die den Bereichen der „Naturalia, Mirabilia, Artefacta, Scientifica, Antiquites und Exotica“ zuzuordnen sind sowie in ihrer Gesamtheit die Idee des Museums widerspiegeln.

Die erste Privatsammlung, die wir vorstellen, kommt aus Deutschland. Die gezeigten Werke, welche wir gemeinsam mit dem Sammlerehepaar ausgewählt haben, beziehen sich im Kern auf Fragen der Sprache und der Bedeutung von Kunst. Werke der unterschiedlichsten Gattungen und Medien – so etwa Fotografie, Film, Objektkunst oder Rauminstallation – bilden den formal-ästhetischen Rahmen der Präsentation. Darüber hinaus konzentrieren sich die Werkinhalte verdichtet auf Fragen von Raum und Zeit, Geschichte und Gegenwart, Wahrnehmung und Erinnerung, Imagination und Intuition oder Funktion und Kontext in der künstlerischen Gestaltung.

Betritt man den mit Hilfe des Bankhauses Metzler, Frankfurt am Main renovierten Ausstellungsraum im Altbau, der von klaren Raumproportionen, einem sehr schönen Terrazzoboden und diffusem Seitenlicht geprägt ist, fällt einem im hintersten Raumteil sofort eine hochaufragende Installation auf: Das „Goldene Zimmer“. Es handelt sich dabei um eine aus drei gewinkelten Wandpaneelen eingefasste und mit drei plastischen Werken ausgestattetes Raumgebilde, dessen Höhe über drei Meter erreicht. Michel Majerus und Stephan Balkenhol haben das Werk nach einem Konzept von Ruediger Schoettle im Jahr 1989 geschaffen.

Majerus gestaltete die Außenkonstruktion aus drei – im Winkel von 110o aufgestellten – Wandelementen, die jeweils eine türartige Öffnung freilassen, durch die man das Werk begehen kann. Die Wandelemente überstrich er zunächst mit einem Fond aus zartem Rosa. Danach übermalte er sie an den beiden vertikalen Kanten des vorderen Eingangs mit folgenden Sätzen: „Demand the best. Don’t accept excuses.“ Auf den hinteren Aussenwänden erscheinen zudem gemalte Weltkugeln verschiedener Größe. Der Text verweist auf Schriften aus Computerspielen.

Betritt man das Innere des offenen Raumes, der mit silberfarbenen Stoffen ausgekleidet ist, steht man zunächst einer bildhaft ausgeschnittenen, reliefartig aus Holz gearbeiteten, überlebensgroßen Mädchenfigur in blauem Kleid gegenüber. Neben ihr taucht ein ebenso überlebensgroß aus Holz gestalteter Hase sowie ein rundes Tischchen aus Plexiglas auf, an dessen Tischrand umlaufend in Druckschrift steht: „How she longed to get out of the dark hall and wander about among those beds of bright flowers and those cool fountains.“ Wir sehen uns ohne Frage einer grob skizzierten überdimensionierten Figur von Alice im Wunderland gegenüber, die sich in dem „Goldenen Zimmer“ der Phantasie, des Märchens und der „anderen Wirklichkeit“ befindet, welche unserer alltäglichen Wirklichkeit diametral gegenübersteht.

Während die hölzernen Figuren Balkenhols und der transparente, entmaterialisierte Tisch sich in ihrer flüchtigen Machart dem Ephemeren, Märchenhaften des Innenraumes anpassen, bilden die von Majerus gestalteten konkreten Raumwände eine klare Zäsur zur Außenwelt der Alltagsrealität, der Welt von Gameboy und Grafik Design, von Werbung und Videospielen, die aber heute den eigentlichen Alltag von Kindern und Jugendlichen ausmachen. Nicht mehr die von Phantasie und assoziativen Gedanken geprägten Welten der Imagination beherrschen unsere Welt, sondern die von Videowelten herausgeforderten und von Informationstechnologie bestimmten mechanistischen Strukturen des Lebens.

Balkenhol und Majerus haben mit ihrer eindringlichen Arbeit ein polares Weltbild entworfen, das zwar teilweise noch den Glauben an die Phantasie und Kreativität, gleichzeitig aber auch schon die Zerstörung dieser positiven Werte aufzeigt.

Vom Eingang kommend bemerkt man nun auch eine zweite Arbeit, ein Bodenobjekt von Michel Majerus aus dem Jahr 1999, bestehend aus zwei langgestreckten, weiß beschichteten Holzquadern, die auf beiden vertikalen Seiten Sätze in Druckbuchstaben tragen. Der eine lautet: „It does not really matter what things look like if you can`t see them that well anyway” (“Wenn man Dinge nicht gut sehen kann, kommt es auch nicht auf ihr Aussehen an.”). Der andere lautet: „Not much is thrown away because there really is no place to throw it.“ (“Es wird nicht viel weggeworfen, weil man nicht weiß wohin.“).
Beide Sätze thematisieren Fragen der Wahrnehmung und die damit zusammenhängenden Erkenntnisse über die Welt der Dinge. Beide Aussagen treffen zwar im Kern zu, sind aber nicht unbedingt für unsere heutige Welt schlüssig. Insofern hinterfragt Majerus die Bedeutung von Sprache und das Funktionieren von Sprachsystemen zu unterschiedlichen Zeiten. Raum, Zeit, Sprache, Wahrnehmung und Lesen bilden damit die Ausgangspunkte für die Rezeption von Kunst und ihren Sinnzusammenhängen. Das Befragen von Gegenständen wird hier zur Metapher vom „Lesen der Kunst“.

Links neben der Bodenarbeit erzählt Józef Robakowski in seinem Video, das Schwarz-Weiß-Aufnahmen einer 16mm Kamera zeigt, Szenen aus seinem Leben, seinen Beobachtungen von Nachbarn, die er mit der Kamera aus seinem Wohnungsfenster gemacht hat. Später nahm er mit der Videokamera die Schwarz-Weiß-Film- und teilweise auch Videosequenzen, die in den Jahren 1978 bis 1999 entstanden sind, unter Hinzufügung seiner Kommentare auf. Die alltäglichen Szenen, Bilder aus der Stadt Lodz, zeigen teils wehmütig, teils kritisch betrachtend bekannte Menschen, Szenen, Verhaltensweisen, Alltagsrhythmen oder andere scheinbar banale Erfahrungen, die aber alle im Leben der Menschen aus seiner Umgebung eine besondere Bedeutung einnehmen. Die Struktur des Films folgt Bildern vom rhythmisch immer wiederkehrenden Schnee, Menschen oder Menschenansammlungen mit unterschiedlichen Kleidungen oder allmählich von westlicheren Trends bestimmten Autotypen. Zyklen und überszenische Anspielungen machen dabei den hohen inhaltlichen und weniger dokumentarischen Wert des Kunstwerks aus. Robakowski zeigt uns seine subjektiven Erlebnisse von Welt als einen filmischen Spiegel von Geschichte und Erinnerungen, erzählt uns gleichzeitig aber auch seine Erfahrungen und Gefühle an individueller Welterfahrung, die beispielgebend für eine ganze Generation sind.

Gleich neben dem Treppenabgang zur neu restaurierten „Alten Bibliothek“ der Kunsthalle, die nach den Entwürfen des Architekten Hermann Esch gebaut und im Jahr 1912 in der Amtszeit des ersten Direktors der Kunsthalle Fritz Wichert eröffnet wurde, hängen zwei großformatige Fotografien von Candida Höfer. Die linke der beiden zeigt eine frontale Innenansicht der Bibliothek von „Schloss St. Emmeram, Regensburg“ (2003), die rechte dagegen die Schrägansicht eines Innenraumes aus dem „Palazzo Pisani Moretta, Venezia“ (2003). Die beiden in C-Print-Technik ausgeführten Fotografien entführen uns mit ihrer teils dokumentarischen Präzision, teils großdimensionierten Offenheit in die Welten der Archive, Bibliotheken, Sammlungen, Wunderkammern anderer Zeiten, die unser kollektives Gedächtnis bestimmen. Dabei fordert die Situation der menschenleeren Räume eine erhöhte Konzentration des Betrachters für die dargestellten Inhalte heraus. Wir sehen serielle Reihungen von Büchern, Ordnungssysteme oder Präsentationsstrukturen, die sich auf unterschiedliche Formen der Klassifizierung von Gegenständen, Büchern oder Kunstwerken beziehen. Differenzierungen zwischen Ordnungsstrukturen für Bücher oder Kunstwerke manifestieren sich dabei ebenso, wie die kulturellen oder zeitlichen Unterschiede der ausgestalteten Räume. Fotografie zeigt uns im wahrsten Sinne des Wortes ein Bild von Realität, wie wir sie uns gemacht haben, eine Realität der Kulturgüter, die uns bis heute gleich einem Wunder vorkommen.

Die „Wunderkammer Privatsammlung“ führt uns zurück zu den Ursprüngen der Kultur, zum Sammeln und den daraus folgenden komplexen Wertesystemen, die unsere Welt um ein Vielfaches erträglicher machen.

Rolf Lauter

 

 

Wunderkammer Privatsammlung I

Cabinet of Curiosities I

Metzler Kabinett

Eröffnungsrede

Kunsthalle Mannheim

25. Juni 2004

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

diese Eröffnung am heutigen Abend gibt uns allen die Gelegenheit, einen weiteren Schritt der Kunsthalle in eine spannende und von kultureller Entwicklung geprägte Zukunft mitzuerleben. Wir eröffnen heute die restaurierte alte holzgetäfelte Bibliothek, die nach den Entwürfen des Architekten Hermann Esch (1879-1956) im Jahr 1911 aus Eichenholzschränken gebaut wurde, sowie einen an diese angrenzenden Ausstellungsraum. Dass wir dieses Ereignis feiern können verdanken wir vor allem dem großen Engagement und der finanziellen Förderung durch das Bankhaus Metzler seel. Sohn & Co. KGaA, Frankfurt am Main. Bei den Herren Friedrich von Metzler, Emmerich Müller, Edmund Konrad und Stefan Heger, die sich von Seiten des Bankhauses für diese aussergewöhnliche Förderung engagiert haben, möchten wir uns am heutigen Abend sehr herzlich bedanken.

Herr Müller, der das Bankhaus heute vertritt, wird Ihnen im Anschluss einige Worte zu den Vorstellungen der Frankfurter Finanzinstitution sagen. Dank Ihrer Unterstützung konnten wir die beiden lange für die Öffentlichkeit nur bedingt zugänglichen Räume im Altbau renovieren, ihnen ihr altes Aussehen zurückgeben. Dabei wurden der alte Terrazzoboden wieder freigelegt, das Holz in Abstimmung mit der Denkmalpflege aufgearbeitet, die ursprünglichen Lampen rekonstruiert, die originalen Grafiktische aufgearbeitet und wieder aufgestellt. Was Sie heute sehen ist in der Tat eine wiederentdeckte „Alte Bibliothek und Wunderkammer“. In ihren Schränken und Regalen sind vor allem ältere Zeitschriftenbände und Jahrbücher, die teilweise originale Grafiken enthalten, aber auch großformatige Mappenwerke untergebracht.

Am Jahresende 1910 rief der erste Direktor der Kunsthalle, Fritz Wichert, ein Kunstwissenschaftliches Institut mit Grafischer Sammlung sowie eine Reproduktions- und Lichtbildersammlung ins Leben. Beide Abteilungen wurden damals in den heute eröffneten Räumen beherbergt. Während der untere Raum als Kunsthallen-Bibliothek eingerichtet wurde, diente der obere, etwas höher gelegene Raum als Präsentationsraum für „Meisterwerke der Graphik“. Am 4. Mai 1913 wurde der neue Ostflügel der Kunsthalle offiziell eingeweiht.

Mit der Gründung des „Freien Bundes zur Einbürgerung der Kunst in Mannheim“ im Jahr 1911 wollte Wichert gleichzeitig seine Vorstellungen moderner kultureller Bildungsarbeit in die Tat umsetzen. In den wenigen Jahren bis zum Ersten Weltkrieg entwickelte er ein umfangreiches Vortragswesen im Rahmen der ”Akademie für Jedermann”, veranstaltete Führungen und didaktische Ausstellungen. Der „Freie Bund“ war mit seinen zeitweise über siebentausend Mitgliedern als ”Mannheimer Bewegung” bald zu einem Modell städtischer Kulturpolitik geworden, das aber auch weit über Mannheims Grenzen hinaus wahrgenommen wurde.

Von heute an wird die „Alte Bibliothek“ mit Ausstellungsraum wieder als ein würdiger, attraktiver Ort für Symposien, Lesungen, Seminare, Diskussionsveranstaltungen, Ausstellungen oder Empfänge dienen können. Sie wird für die Kunsthalle zum Symbol des wieder aufblühenden kulturellen Salons, wo sich Menschen der Kunst, Kultur, Politik und Wissenschaften zukünftig zum intensiven Gedankenaustausch über die Werte in unserer Gesellschaft sowie über die unterschiedlichen Möglichkeiten der Förderung von Kunst, Kultur und Kreativität unterhalten werden.

Mit der Sonderausstellung „Wunderkammer Privatsammlung I“ beginnt in der Kunsthalle Mannheim ein neuer Ausstellungszyklus, der zum Ziel hat, in rhythmischer Folge unterschiedliche internationale Privatsammlungen vorzustellen. Im Vordergrund unseres Interesses steht dabei nicht primär, einen Überblick über die Bestände von diversen bekannten oder unbekannten, berühmten oder verborgenen Sammlungen zu geben, sondern vielmehr der Wunsch, charakterisierende Annäherungen an verschiedene Sammlerpersönlichkeiten zu wagen. Mit dem Projekt wollen wir „imaginäre Porträts“ von einigen der interessantesten Sammlerfiguren unserer Zeit entwerfen, möchten wir ihre Wünsche, Interessen, Leidenschaften und Obsessionen als Ausdruck einer individuellen Weltaneignung vorstellen. Dabei bilden sowohl der subjektive Wille, als auch das obsessive Verlangen, sich in der Welt mit wertstiftenden oder grenzgängerischen Positionen individuell zu manifestieren, wesentliche Grundlagen privater Sammelleidenschaft.

Die im 16. und 17. Jahrhundert entstandenen Kunst- und Wunderkammern sowie das sich daraus entwickelnde Kuriositätenkabinett dienen hierbei als Ausgangspunkt für die Formulierung der Idee vom Sammeln, das als individuell geprägtes Universum, Spiegel einer repräsentativen Welterfahrung oder Reflex eines privaten Kosmos ausgerichtet sein kann. Entsprechend werden in diesem Zusammenhang temporär auch Objekte zu sehen sein, die den Bereichen der „Naturalia, Mirabilia, Artefacta, Scientifica, Antiquites und Exotica“ zuzuordnen sind sowie in ihrer Gesamtheit die Idee des Museums widerspiegeln.

Die erste Privatsammlung, die wir vorstellen, kommt aus Deutschland. Die gezeigten Werke, welche wir gemeinsam mit dem Sammlerehepaar ausgewählt haben, beziehen sich im Kern auf Fragen der Sprache und der Bedeutung von Kunst. Werke der unterschiedlichsten Gattungen und Medien – so etwa Fotografie, Film, Objektkunst oder Rauminstallation – bilden den formal-ästhetischen Rahmen der Präsentation. Darüber hinaus konzentrieren sich die Werkinhalte verdichtet auf Fragen von Raum und Zeit, Geschichte und Gegenwart, Wahrnehmung und Erinnerung, Imagination und Intuition oder Funktion und Kontext in der künstlerischen Gestaltung.

Betritt man den Ausstellungsraum, der von klaren Raumproportionen, einem sehr schönen Terrazzoboden und diffusem Seitenlicht geprägt ist, fällt einem im hintersten Raumteil sofort eine hochaufragende Installation auf: Das „Goldene Zimmer“. Es handelt sich dabei um eine aus drei gewinkelten Wandpaneelen eingefasste und mit drei plastischen Werken ausgestattetes Raumgebilde, dessen Höhe über drei Meter erreicht. Michel Majerus und Stephan Balkenhol haben das Werk nach einem Konzept von Rüdiger Schöttle im Jahr 1989 geschaffen.

Majerus gestaltete die Außenkonstruktion aus drei – im Winkel von 110o aufgestellten – Wandelementen, die jeweils eine türartige Öffnung freilassen, durch die man das Werk begehen kann. Die Wandelemente überstrich er zunächst mit einem Fond aus zartem Rosa. Danach übermalte er sie an den beiden vertikalen Kanten des vorderen Eingangs mit folgenden Sätzen: „Demand the best. Don’t accept excuses.“ Auf den hinteren Außenwänden erscheinen zudem gemalte Weltkugeln verschiedener Größe. Der Text verweist auf Schriften aus Computerspielen.

Betritt man das Innere des offenen Raumes, der mit silberfarbenen Stoffen ausgekleidet ist, steht man zunächst einer bildhaft ausgeschnittenen, reliefartig aus Holz gearbeiteten, überlebensgroßen Mädchenfigur in blauem Kleid gegenüber. Neben ihr taucht ein ebenso überlebensgroß aus Holz gestalteter Hase sowie ein rundes Tischchen aus Plexiglas auf, an dessen Tischrand umlaufend in Druckschrift steht: „How she longed to get out of the dark hall and wander about among those beds of bright flowers and those cool fountains.“ Wir sehen uns ohne Frage einer grob skizzierten überdimensionierten Figur von Alice im Wunderland gegenüber, die sich in dem „Goldenen Zimmer“ der Phantasie, des Märchens und der „anderen Wirklichkeit“ befindet, welche unserer alltäglichen Wirklichkeit diametral gegenübersteht.

Während die hölzernen Figuren Balkenhols und der transparente, entmaterialisierte Tisch sich in ihrer flüchtigen Machart dem Ephemeren, Märchenhaften des Innenraumes anpassen, bilden die von Majerus gestalteten konkreten Raumwände eine klare Zäsur zur Außenwelt der Alltagsrealität, der Welt von Gameboy und Grafik Design, von Werbung und Videospielen, die aber heute den eigentlichen Alltag von Kindern und Jugendlichen ausmachen. Nicht mehr die von Phantasie und assoziativen Gedanken geprägten Welten der Imagination beherrschen unsere Welt, sondern die von Videowelten herausgeforderten und von Informationstechnologie bestimmten mechanistischen Strukturen des Lebens.

Balkenhol und Majerus haben mit ihrer eindringlichen Arbeit ein polares Weltbild entworfen, das zwar teilweise noch den Glauben an die Phantasie und Kreativität, gleichzeitig aber auch schon die Zerstörung dieser positiven Werte aufzeigt.

Vom Eingang kommend bemerkt man nun auch eine zweite Arbeit, ein Bodenobjekt von Michel Majerus aus dem Jahr 1999, bestehend aus zwei langgestreckten, weiß beschichteten Holzquadern, die auf beiden vertikalen Seiten Sätze in Druckbuchstaben tragen. Der eine lautet: „It does not really matter what things look like if you can`t see them that well anyway” (“Wenn man Dinge nicht gut sehen kann, kommt es auch nicht auf ihr Aussehen an.”). Der andere lautet: „Not much is thrown away because there really is no place to throw it.“ (“Es wird nicht viel weggeworfen, weil man nicht weiß wohin.“).
Beide Sätze thematisieren Fragen der Wahrnehmung und die damit zusammenhängenden Erkenntnisse über die Welt der Dinge. Beide Aussagen treffen zwar im Kern zu, sind aber nicht unbedingt für unsere heutige Welt schlüssig. Insofern hinterfragt Majerus die Bedeutung von Sprache und das Funktionieren von Sprachsystemen zu unterschiedlichen Zeiten. Raum, Zeit, Sprache, Wahrnehmung und Lesen bilden damit die Ausgangspunkte für die Rezeption von Kunst und ihren Sinnzusammenhängen. Das Befragen von Gegenständen wird hier zur Metapher vom „Lesen der Kunst“.

Links neben der Bodenarbeit erzählt Józef Robakowski in seinem Video, das Schwarz-Weiß-Aufnahmen einer 16mm Kamera zeigt, Szenen aus seinem Leben, seinen Beobachtungen von Nachbarn, die er mit der Kamera aus seinem Wohnungsfenster gemacht hat. Später nahm er mit der Videokamera die Schwarz-Weiß-Film- und teilweise auch Videosequenzen, die in den Jahren 1978 bis 1999 entstanden sind, unter Hinzufügung seiner Kommentare auf. Die alltäglichen Szenen, Bilder aus der Stadt Lodz, zeigen teils wehmütig, teils kritisch betrachtend bekannte Menschen, Szenen, Verhaltensweisen, Alltagsrhythmen oder andere scheinbar banale Erfahrungen, die aber alle im Leben der Menschen aus seiner Umgebung eine besondere Bedeutung einnehmen. Die Struktur des Films folgt Bildern vom rhythmisch immer wiederkehrenden Schnee, Menschen oder Menschenansammlungen mit unterschiedlichen Kleidungen oder allmählich von westlicheren Trends bestimmten Autotypen. Zyklen und überszenische Anspielungen machen dabei den hohen inhaltlichen und weniger dokumentarischen Wert des Kunstwerks aus. Robakowski zeigt uns seine subjektiven Erlebnisse von Welt als einen filmischen Spiegel von Geschichte und Erinnerungen, erzählt uns gleichzeitig aber auch seine Erfahrungen und Gefühle an individueller Welterfahrung, die beispielgebend für eine ganze Generation sind.

Gleich neben dem Treppenabgang zur neu restaurierten „Alten Bibliothek“ hängen zwei großformatige Fotografien von Candida Höfer. Die linke der beiden zeigt eine frontale Innenansicht der Bibliothek von „Schloss St. Emmeram, Regensburg“ (2003), die rechte dagegen die Schrägansicht eines Innenraumes aus dem „Palazzo Pisani Moretta, Venezia“ (2003). Die beiden in C-Print-Technik ausgeführten Fotografien entführen uns mit ihrer teils dokumentarischen Präzision, teils großdimensionierten Offenheit in die Welten der Archive, Bibliotheken, Sammlungen, Wunderkammern anderer Zeiten, die unser kollektives Gedächtnis bestimmen. Dabei fordert die Situation der menschenleeren Räume eine erhöhte Konzentration des Betrachters für die dargestellten Inhalte heraus. Wir sehen serielle Reihungen von Büchern, Ordnungssysteme oder Präsentationsstrukturen, die sich auf unterschiedliche Formen der Klassifizierung von Gegenständen, Büchern oder Kunstwerken beziehen. Differenzierungen zwischen Ordnungsstrukturen für Bücher oder Kunstwerke manifestieren sich dabei ebenso, wie die kulturellen oder zeitlichen Unterschiede der ausgestalteten Räume. Fotografie zeigt uns im wahrsten Sinne des Wortes ein Bild von Realität, wie wir sie uns gemacht haben, eine Realität der Kulturgüter, die uns bis heute gleich einem Wunder vorkommen.

Die „Wunderkammer Privatsammlung“ führt uns zurück zu den Ursprüngen der Kultur, zum Sammeln und den daraus folgenden komplexen Wertesystemen, die unsere Welt um ein Vielfaches erträglicher machen.

In der neuen „Alten Bibliothek“ wird die Idee vom „Lebendigmachen des Kunstbesitzes der Kunsthalle“ in prägnanter Form verwirklicht. Im „Metzler’schen Salon Mannheim“ werden wir ab heute Werke der Kunst und andere Artefakte, kurioses und skurriles, Fundstücke oder Produkte verschiedener Zeiten und Kulturen mit Werken der Gegenwartskunst in einen fruchtbaren Dialog bringen. Dieses Konzept ist – wie Sie meine Damen und Herren sicher alle wissen – Grundlage der sogenannten neuen Kunsthalle, die damit die Aufgabe übernommen hat, zeit- und raumübergreifende Dialoge zu fördern.

Ohne Dieter Hasselbach, den Vorsitzenden des Förderkreises für die Kunsthalle, wäre die „Brücke“ Mannheim – Frankfurt nicht zustande gekommen. Ihm danke ich sehr herzlich für das unterstützende Engagement.

Allen an der Restaurierung und Renovierung beteiligten Personen, und hier zuallererst den Architekten Andreas Schmucker und Michael Schneider, möchte ich für ihre intensive und kompetente Arbeit sehr danken. Dies gilt ebenfalls für Herrn Christian Mandel, dem wir für seine oftmalige spontane Hilfe sehr herzlich danken. In unseren Dank eingeschlossen sind auch Herr Dr. Wenz vom Landesdenkmalamt Karlsruhe, Herr Käppel von SKL Lichttechnik, die Berliner Messinglampen GmbH sowie die an den ausführenden Arbeiten beteiligten Firmen Döring, Holländer, Trabandt, KDT und Stoffanella.

Allen Mitarbeitern der Kunsthalle, die an den Umbau- und Umräumarbeiten beteiligt waren, und hier vor allem unserer Bibliothekarin Frau Dausch, danke ich sehr herzlich für ihre Mühe. Nadine Pohl-Schneider hatte – wie so oft – eine gute Hand für die gesamte Organisation. Unserem Restaurator Hans Becker sowie dem Frankfurter Hängeteam, bestehend aus den Künstlern Özcan Kaplan, Jens Lehmann und Günter Zehetner bin ich für Ihre kompetente Unterstützung beim Aufbau der „Wunderkammer-Ausstellung“ dankbar.

Zum Schluss möchte ich noch unserer Hoffnung Ausdruck verleihen, dass die Räume im Sinne Fritz Wicherts wieder ein Ort der kulturellen Begegnung für alle werden, ein Ort des Gesprächs, der Diskussion, des Forschens, Studierens, Lernens und Staunens, der leidenschaftlichen Beschäftigung mit Kunst und Kultur und deren Vermittlung.

Rolf Lauter