FISCHLI & WEISS – DIE DOPPELTE WIRKLICHKEIT DER DINGE – KUNSTFORUM 128, 1994

Peter Fischli & David Weiss:  Die doppelte Wirklichkeit der Dinge

Text von Rolf Lauter,  Kunstforum 128, 1994

 
ROLF LAUTER, TEXTE FISCHLI-WEISS - KATHARINA FRITSCH, KUNSTFORUM 128, 1994

ROLF LAUTER, FISCHLI&WEISS - DIE DOPPELTE WIRKLICHKEIT DER DINGE, KUNSTFORUM 128, 1994_3

ROLF LAUTER, FISCHLI & WEISS, RAUM UNTER DER TREPPE_5, MMK FRANKFURT 1993


 

Peter Fischli & David Weiss:  Die doppelte Wirklichkeit der Dinge

Raum unter der Treppe (1993)

Text von Rolf Lauter,  Kunstforum 128, 1994

 

Peter Fischli & David Weiss haben im Frühjahr 1993 für einen sehr schmalen, langgestreckten, in der Tiefe niedriger werden­den, unscheinbaren Raum im Frankfurter Museum für Moderne Kunst eine Installation konzipiert, die an eine Abstellkammer oder an einen Arbeitsraum erinnert.

Der Raum unter der Treppe – ein Titel, der eine exakte Ortsbezeichnung im architektonischen Zusammenhang vermittelt – ist durch eine schmale Holztür ver­schlossen. Nur ein kleines Fenster im oberen Teil der Tür ermög­licht es dem Betrachter, einen Blick in diesen Raum zu werfen. Und genau bei diesem ‚Augen-Blick‘ beginnt der ästhetische und inhaltliche Ansatz der Arbeit.

Der Betrachter kommt von einem Ausstellungsraum und geht gerade zum nächsten. Wie zufällig ent­deckt er den schwach beleuchteten kleinen Raum hinter der Tür. Er geht näher heran und versucht sich ein Bild von der Situation dahinter zu machen. Links an der Wand ein Waschbecken mit einem Lappen, Putzmaterialien und einer abgestellten MAGGI – 5 Minuten Terrine; auf dem Boden daneben Farbeimer, Pinsel, Farbroller und andere Werkzeuge, wie etwa eine Bohrmaschine; rechts ein Schreibtisch, darauf ein Telefon und verschiedene nützliche Dinge oder persönliche Utensilien, wie z.B. eine Schutzmaske, Teppichmesser, Meter, Schreibblock, Bleistift und Radiergummi, Filzstifte, Klebestoff, Tesafilm, Schlüssel, eine verpackte Neonröhre, aber auch Eßwaren und Konsumartikel wie Schokolade, Zigaretten, Aschenbecher, Feuerzeug; auf einem klei­nen Regal steht ein Kalender; unter dem Tisch erkennt man rot­braune Schuhe; auf einem Holzstuhl davor steht eine gelbe Wasserschüssel. Weiter hinten im Raum liegen und stehen ver­schiedene Materialien und Arbeitsgeräte, so z.B. Schaumstoff­streifen, Holzelemente eines Regals, ein ‚Rolli‘ für schwere Lasten, Paletten, Kartons, Kunststoffbehälter mit Flüssigkeiten und vieles mehr.

Der flüchtige Blick über die Gegenstände scheint einen ersten Eindruck zu bestätigen: Es muß sich um den Arbeits- oder Abstellraum eines Handwerkers oder Arbeiters aus dem Museum han­deln. Aber anstatt nun bestätigt weiterzugehen, muß der Museumsbesucher doch wieder einen Moment nachdenkend innehalten: Ein Arbeitsraum inmitten von Kunsträumen? Und dazu noch einseh­bar von außen? Das Unbehagen, das durch die Unvereinbarkeit zwi­schen der Ansammlung von einfachen, alltäglichen Gebrauchsgegen­ständen und einem eindeutig der Kunst zuzuordnen­den räumlichen Kontext hervorgerufen wird, geht in Skepsis und fragende Neugier über.

Man sucht nach einer anderen Erklärung, nach einem Hinweis, der Aufschluß über die Situation gibt. Diesen findet man schließlich in Form einer Werkbezeichnung an der Wand und – sofern man weitersucht – in Form einer textlichen Werkbeschrei­bung. Es handelt sich um ein Kunstwerk, einen ‚Kunstraum‘, in dem verschiedene Gegenstände in eine wohlüber­legte Ordnung zueinander in Beziehung gesetzt wurden, damit der Eindruck entsteht, der ‚Kunstraum‘ sei in Wirklichkeit ein ‚Alltagsraum‘, der dem Bereich des ‚Lebens‘ zuzuordnen ist.

Fischli/Weiss haben mit dem Raum unter der Treppe einen Alltagsraum und eine Vielzahl von alltäglichen Situationen täu­schend echt nachgestellt, indem sie etwas mehr als 100 Gegenstände aus Polyurethan – also einem sehr weichen, leichten Kunststoff – geschnitzt und anschließend mit Acryl- und Dispersionsfarbe bemalt haben. Die Gegenstände beziehen sich auf Tätigkeiten, die in diesem Museum ausgeführt werden sowie auf die Personen, mit denen sie in Verbindung zu bringen sind. Die scheinbare Leichtigkeit und Glaubwürdigkeit des Werkes wird al­lein durch eine äußerst präzis vorbereitete und bis ins Detail sorgfältig ausgeführte Komposition ermöglicht.

Kunst ersetzt Wirklichkeit, um gleichzeitig aber als eine eigenständige Wirklichkeit auf das Leben zurückzuverweisen. Die Dialektik zwi­schen Original und Kopie veranlaßt zum Nachdenken und Hinterfragen der Realität und zum Reflektieren über die subjek­tive Vorstellung von Realität. Das Kunstwerk wird hier zum äs­thetischen Störfaktor, zu einer Falle. Bereits der erste flüch­tige ‚Augen-Blick‘ wird dem Betrachter zum Verhängnis. Er wird gefangen von seinen eigenen Gedanken und muß unweigerlich über die Kunst, die Institution Museum und über seine Vorstellungen von einer privaten und kollektiven Wirklichkeit nachdenken.

Fischli/Weiss schärfen unser Bewußtsein für die Realitäten der Welt. Sie eignen sich Gegenwart an, indem sie sie kopieren und setzen damit die Bereiche ‚Kunst‘ und ‚Leben‘ in eine gleichbe­rechtigte Beziehung zueinander. Das Kunstwerk ist nicht Abbild des Lebens sondern subjektiv erfahrene Wirklichkeit, die im Kontext des Museums zu einer eigengesetzlichen Wirklichkeit wird. Der Raum unter der Treppe ist in gewisser Weise ein Stilleben, das einen kollektiven Erinnerungs- und Gedächtniswert hat, gleichzeitig steht er dem Leben aber doch näher als dem fi­xierten Augenblick aus der Gegenwart, der bereits zur Geschichte geworden ist.

Rolf Lauter

Peter Fischli/David Weiss:  Raum unter der Treppe (Detail),  1993

Rauminstallation (105 Objekte aus Polyurethan, bemalt; Kunstlicht)

Höhe vorne 545 cm, hinten 35cm; Breite 149 cm; Tiefe 988 cm

Museum für Moderne Kunst, Frankfurt