IN GEDANKEN AN WERNER MARX – 22. April 2016

Vamos a pasar, Compañero en el Arte y la Cultura ….

In Gedanken an Werner Marx am 22. April 2016

 

ROLF LAUTER, ARTLABMANNHEIM & WERNER MARX, MANNHEIM 2012_5

ROLF LAUTER, ARTLABMANNHEIM & WERNER MARX, MANNHEIM 2012_2

ROLF LAUTER, ARTLABMANNHEIM & WERNER MARX, MANNHEIM 2012_6

ROLF LAUTER, ARTLABMANNHEIM & WERNER MARX, MANNHEIM 2012_3

ROLF LAUTER, ARTLABMANNHEIM & WERNER MARX, MANNHEIM 2012_1

ROLF LAUTER, WERNER MARX @ BÜRO KUNSTHALLE MANNHEIM 27.3.2006

Wege des Schicksals

Meine erste bewusste Begegnung mit Werner Marx geht in das Jahr 2002 zurück. Voran gegangen waren zahlreiche Begegnungen mit Dieter Hasselbach, einem Freund und Diskussionspartner seit den frühen 1970er Jahren, und Peter Kurz in Frankfurt. Beide waren im Spätjahr 2001 zu Gesprächen in das Museum für Moderne Kunst nach Frankfurt gekommen, um mit mir über die Nachfolge von Manfred Fath als Direktor der Kunsthalle Mannheim zu sprechen. In dieser Zeit habe ich Dieter Hasselbach als einen intelligenten Strategen und eloquenten Diplomaten für die Kultur kennen gelernt, wohlwissend, dass er seit langem eine zentrale Rolle im Förderkreis der Kunsthalle Mannheim übernommen hatte und seine vielen Kontakte zu Förderern der Region aber auch weit darüber hinaus zum Wohle der Kunst und des Museums einsetzte.

 

DR. ROLF LAUTER, NEUE KUNSTHALLE I - SANDRA MANN, KUNSTHALLE MANNHEIM 2003

So besuchte ich meine Geburtsstadt seit Frühjahr 2002 mehrfach zum einen wegen meiner am Friedrichsplatz wohnenden Mutter, zum anderen, um mich mit der architektonischen Situation der zwei Gebäude der Kunsthalle, mit der Sammlung und ihrer Präsentation sowie mit ihrem historischen Kontext und ihrer Umgebung vertraut zu machen. Zum einen halfen mir bei der Analyse der Sachverhalte die langjährige, praktisch-technische und theoretische „Betreuung“ durch meinen Vater, langjähriger leitender Architekt am Mannheimer Hochbauamt, dessen umfassendes Wissen über die Architektur und die Ästhetik der Wahrnehmung meine Sinne für Qualität und die Lösung von Problemen schärfte, zum anderen hatte ich das grosse Glück, bei meinen Frankfurter „Mentoren“ Peter Iden, Hilmar Hoffmann und Heinrich Klotz, der wohl einflussreichsten „Trias“ der Frankfurter Kultur der 1970er bis 1990er Jahre, enorme Erfahrungen sammeln zu können.

Zudem wurden mir durch die Mitarbeit am „Masterplan“ für das Frankfurter Museumsufer sowie durch die langjährige kuratorische Betreuung und inhaltliche Begleitung der Gründung, des Aufbaus, der Eröffnung und schliesslich der organisatorischen und kuratorischen Führung des Museums für Moderne Kunst Frankfurt in über mehr als 15 Jahren Zusammenarbeit mit Jean Christophe Ammann ungeahnte Einsichten in die Zusammenhänge der Kultur, der Museumsarchitektur und der Kunst gewährt. Durch die langjährige intensive Kooperation mit dem Architekten Hans Hollein, der das MMK mit einem grandiosen Entwurf in das Zentrum Frankfurts hineinzauberte, eröffneten sich mir zudem sehr spezifische Einsichten in hochkomplexe architektonische und urbanistische Zusammenhänge. Schliesslich boten sich aufgrund meiner Beauftragung durch die Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth, eine hochrangige interdisziplinäre Projektgruppe zur kulturellen Stadtentwicklung als Koordinator zu leiten, über die Beschäftigung mit Architektur und Kunst hinaus hervorragende Möglichkeiten, die Stadt als einen lebendigen kulturellen Organismus zu begreifen, den man mit spezifischen Aktivitäten und Projekten „kultivieren“ und damit lebenswerter machen kann.

 

 

Gemäss dem Auftrag und Wunsch von Dieter Hasselbach und Peter Kurz, die Kunsthalle Mannheim von einem „Musentempel“ zu einem „diskursiven, lebendigen Museum“ umzugestalten, wurden meine Besichtigungen der beiden Gebäude und der Sammlung zu einer hochmotivierten, von kritisch-nachdenklichen Wahrnehmungen getragenen Konzeptionsphase. Bei der Betrachtung einiger Kunstwerke – etwa Brancusis „Fisch“ oder Bacons „Papst“ – kamen Erinnerungen an einen weiteren freundschaftlichen Mentor in den Sinn, den früheren Kunsthallen Direktor Heinz Fuchs, der zwischen den 1950er und 1980er Jahren oft gegen viele Widerstände hochrangige Kunstwerke für die Mannheimer Sammlung erworben hatte. Seine intelligente, äusserst subjektive, an Qualität orientierte und mit viel Wissen und schöpferischem Denken verbundene Einstellung zu Künstlern und Kunst begleiteten meinen Weg seit wir uns in den 60er Jahren in den Galerien meiner Mutter, später während meines Studiums in Mannheim oder Südfrankreich bei meinen Eltern zu immer wieder spannenden Dialogen begegneten.

 

ROLF LAUTER, FULL HOUSE, KUNSTHALLE MANNHEIM 2006

 

The „Story Teller“

Bei meinen Besuchen in der Kunsthalle 2002, die von konzentrierter Wahrnehmung geprägt waren, ergaben sich bisweilen immer wieder subtile „Störungen“, hervorgerufen durch kleinere oder grössere Besuchergruppen, die – begleitet von einem ruhig, intensiv und kompetent argumentierenden „Story Teller“ – geradezu mit den Kunstwerken zu einem hermeneutischen Organismus verschmolzen. Es war – wie mir später berichtet wurde – Werner Marx, der jungen Schülern, Förderern oder grossen Gruppen von Senioren in einer unnachahmlichen Weise die individuelle Geschichte, komplexe Inhalte, spezifische Bedeutungen und die Besonderheiten einzelner Kunstwerke veranschaulichte, nicht ohne sie gleichzeitig in diversen Exkursen auf kurze Reisen in die Geschichte der Kunsthalle, Anekdoten zu Künstlern, Zusammenhänge und Korrespondenzen zwischen Kunstwerken, Künstlern, Zeiten und Kulturen mitzunehmen. Manchen Führungen schloss ich mich an, manchmal kam es zu kurzen Dialogen über Kunst, schliesslich schien es mir geboten, Werner Marx näher kennen zu lernen.

 

ROLF LAUTER, HECTOR KREATIVITÄTSZENTRUM, KUNSTHALLE MANNHEIM 2006

Bei unserem ersten längeren Gespräch im damaligen Museumscafé erzählte Werner Marx von der Sammlung und ihren vielen Geschichten, von den Direktoren, von seinen vielen Verpflichtungen, die er gerne neben den zahlreichen Führungen in der Kunsthalle als Dozent an der Freien Akademie, als Dozent an der Pädagogischen Hochschule oder als Lehrer auf Stundenbasis an Schulen durchführte. Dabei entnahm ich seinen Worten stets eine grosse Bewunderung für „seine“ Schüler, Studenten, Künstler. Er bereitete sich stets intensiv auf seine Seminare, Vorträge oder Führungen vor, nahm jeden Menschen ernst, lud seine Schüler oder Studenten oft zu Ausflügen oder Gesprächen ein, ging mit ihnen auf selbst finanzierte Kulturreisen, Museumsbesuche oder Besuche der Biennale Venedig. Sein wichtigstes pädagogisches Ziel war es, „seinen“ Schülern möglichst viele Impulse, Kenntnisse, Erfahrungen mitzugeben, damit jeder von ihnen von den Einsichten in kulturelle und gesellschaftliche Zusammenhänge profitiert und nach den vermittelten Werten handelt.

 

ROLF LAUTER, NEUE KUNSTHALLE IV - DIREKTE MALEREI - ANTON HENNING, KUNSTHALLE MANNHEIM 2004/5

Bei einem unserer nächsten Treffen führte mich Werner Marx in sein damaliges „Refugium“ im Neubau der Kunsthalle. Während die Verwaltung des Museums damals im Keller des Altbaus in lange nicht renovierten Räumen arbeitete, was ich mit meiner Ankunft sofort änderte, hatte sich Marx einen Arbeitsbereich auf einer Empore in der Ebene 2 des Neubaus eingerichtet. Diese meiner Ansicht nach hoch intelligente Lösung hatte zwei Vorteile: Zum einen konnte er ungestört und intensiv Wissenschaft im „Archiv Museum“ betreiben, zum anderen war er mitten in der Sammlung, in der Nähe der Kunst, um stets das schriftlich verfasste kurzerhand am Original prüfen zu können. Diese faszinierend individuelle Lösung, die er während meinem Direktorat bis Ende 2007 beibehalten konnte, wurde von der Kunsthallenleitung danach beendet und bald war auch seine eigentlich „unentbehrliche“ Rolle als „Herzstück“ und „lebendes Gedächtnis“ der Kunsthalle aus kaum einsichtigen Gründen zu Ende.

Der Arbeitsbereich von Marx, einem „Beobachtungsposten“ ähnlich, geht auf eine langjährige, enge und freundschaftliche Verbindung zu Heinz Fuchs zurück, die bis in die letzten Lebensjahre des ehemaligen Direktors und darüber hinaus reichte. Wie sich später bei vielen Gesprächen immer wieder offenbarte, hatten wir beide viele Gemeinsamkeiten mit Heinz Fuchs, was sich nicht alleine in unserem gleich gerichteten Interesse an der Erforschung von Strukturen des Künstlerischen und der Kunst manifestierte, sondern auch in dem Wunsch, die Phänomene des schöpferischen, subjektiven, grenzerweiternden, ungewohnten, ungewöhnlichen, kreativen, komplexen Momentes in der Kunst zu ergründen. Unsere Gespräche erlangten bisweilen die Dimension forschend-visionärer Dialoge, bei denen sehr bald klar wurde, dass die traditionelle Kunstgeschichte und die von den Kunstwissenschaftlern als verbindliche Codes erachteten Kategorien in den Museen und Kulturinstitutionen einer Betrachtung aus anderen Perspektiven als der westlichen Kultur nicht unbedingt entsprechen. So war es stets ein grosses Vergnügen, Werner Marx zum einen als den kompetentesten und sachkundigsten „freien“ Kurator der Kunsthalle in Dialoge über die Kunsthalle, ihre Geschichte, Sammlung und Perspektiven zu verwickeln, zum anderen konnte er mit seinem unglaublich vielschichtigen Wissen, seinen spezifischen Kenntnissen und seinen unerschöpflichen Erinnerungen, Geschichten und Fakten stets auf allen Ebenen einer Diskussion wortgewand Vorstellungen entwickeln oder andere durch seine kompetent ins Feld geführte Kritik zu anderen Positionen bewegen.

 

ROLF LAUTER, CECILY BROWN, KUNSTHALLE MANNHEIM 2005

Von Werner Marx ging stets eine Magie des Wortes aus, ein Zauber der Erkenntnis, ein Lächeln der Weisheit.

 

ROLF LAUTER, WERNER MARX, ERÖFFNUNG METZLER KABINETT, KUNSTHALLE MANNHEIM 27.4.2005

Es gab in dieser Zeit kaum Eröffnungen, Abendveranstaltungen, Musikveranstaltungen, Sonderveranstaltungen, Unternehmer Tagungen, Empfänge u.ä. bei denen Werner Marx fehlte. Seine hochqualifizierte Kompetenz war – zumindest aus meiner Sicht – unersetzlich. Die Damen und Herren der Aufbauteams, die internen und externen Restauratoren, die Künstler, die Förderer und das Publikum schätzten und respektierten den „Story Teller“. Seine rhetorischen Fähigkeiten machten aber bei den internen Veranstaltungen nicht halt. Marx wurde von vielen Museen, Galerien und Kulturinstitutionen eingeladen, Eröffnungsreden oder Vorträge zu halten sowie an Diskussionsrunden teilzunehmen. Er liebte es besonders, wenn er anderen Kunstwissenschaftlern und Historikern mit seiner analytischen Brillianz deulich machen konnte, dass eine gängige Wissenschaftsmeinung nicht richtig oder schlüssig war. Er konnte kritisch begleiten, ohne sich in den Vordergrund zu spielen. Er konnte klarstellen, ohne dominieren zu wollen. Seine intellektuellen Erfolge erzählte er sachlich, aber stets verbunden mit einem Schmunzeln.

DR. ROLF LAUTER, OPENING FRIENDS, FULL HOUSE, KUNSTHALLE MANNHEIM 2006

Dialogisches Prinzip

Bei unseren vielen Gesprächen und Gesprächsrunden wurde immer deutlicher, dass wir im Dialog über Künstler, Werke, Zusammenhänge, Strukturen stets einen höheren Grad an Erkenntnis für alle Seiten ableiten konnten. So entwickelten wir neben den Führungen für das Publikum, die von kenntnisreichen Studenten und vom pädagigischen Personal durchgeführt wurden, Gespräche mit Sammlern, Gästen oder Publikum, bei denen wir zum einen die Formulierung der Wahrnehmung zunächst an den Betrachter übergaben, um seine Wahrnehmungsfähigkeit und seine Sprachfähigkeit zu erkennen und zu fördern. Marx und ich lenkten mit behutsamen Erklärungen und Formulierungen die Betrachtungen und konnten mit diesen Dreiecksgesprächen bei den Betrachtern und bei uns selbst jeweils die Erkenntnisebene höher oder niederer ansetzen. Aus diesen dialogischen Führungen entwickelten sich zahlreiche Modelle, die schliesslich in der einen Richtung zu dem von mir schon im Jahr 2003 konzipierten „Hector Kreativitätszentrum“ führten, in der anderen Richtung entwickelten wir Vorlesungen für Senioren, die teilweise in der Kunsthalle, teilweise an der Universität Mannheim stattfanden. So konnten wir entweder an den Originalen oder in der Theorie unterschiedliche Ebenen der Reflexion über Kunst und bildnerisches Denken behandeln.

 

 

Einige Höhepunkte der dialogischen Führungen fanden im Rahmen der Ausstellungen „Die Neue Kunsthalle I – IV“ (2003-2005), „Direkte Malerei“ (2004/5), Yan Pei-Ming“ (2004), „Cecily Brown“ (2005), „Jaume Plensa“ (2005), „Monat der Fotografie“ (2005/6), „Full House – Gesichter einer Sammlung“ (2006), „100 Jahre Kunsthalle Mannheim“ (2007) statt. Besondere Ereignisse brachten dann weitere aussergewöhnliche Formen der dialogischen Begegnungen, wie etwa die grandiose Veranstaltung mit Udo Lindenberg (2006), die interdisziplinären Veranstaltungen zu den jedes Jahr stattfindenden „Langen Nächten“ mit Tänzern des Ensemble Kevin O’Day oder den Malaktionen vor Publikum mit Weber/Weimer. Ein Höhepunkt war schliesslich noch der performanceartige, grenzgängerische, wochenlange Aufbau der environmentartigen Ausstellung von Thomas Zipp 2007, bei der Werner Marx der „Spiritus Rektor“ der Kunsthalle war.

 

 

ROLF LAUTER, THOMAS ZIPP - PLANET CARAVAN, KUNSTHALLE MANNHEIM 2007

Ein Leckerbissen war schliesslich die aussergewöhnliche Begegnung von Werner Marx mit dem berühmten Rolling Stone Mick Jagger. Marx vermochte es, dem Musiker 2006 eine Stunde lang die wichtigsten Werke der Mannheimer Sammlung nahe zu bringen, was auf Jagger einen nachhaltigen Eindruck machte.

 

Kreativitätsförderung und Kulturgesellschaft

In den fünf Jahren gemeinsamer kultureller Arbeit an der, um die und über die Kunsthalle Mannheim entstanden viele spannende Projekte mit jungen und älteren Künstlern aus aller Welt, oft mit Unterstützung von Paten, Förderern, Mäzenen, Museen, Sammlern – aber auch mit der stets wärmenden Unterstützung des Förderkreises um Dieter Hasselbach, den grossartigen Damen des Museumsshops und dem kritisch wohlwollenden Publikum, das manchmal überfordert, manchmal begeistert, in jedem Fall aber stets begleitet wurde von den kompetenten Führungen und Erklärungen eines Werner Marx und anderer Personen der Museumspädagogik.

Im Jahr 2006 wurde das lange vorher konzipierte und mit grosszügigen Fördermitteln der H. W. & J. Hector Stiftung realisierte „Hector Kreativitätszentrum“ eröffnet. Es ermöglichte Kindern und Jugendlichen über einen nicht schulischen Weg Zugang zu Bereichen, in denen ihre Kreativität spielerisch erfahrbar gemacht wurde und ihre schöpferischen Kräfte dann im weiteren mit verschiedenen Massnahmen gefördert wurden. Besonders gefreut haben sich Werner Marx und ich, als wir 2012 erfahren haben, dass ein damals 14 jähriger deutsch-türkischer Schüler, der mit einigem aggressivem Potential in unsere Workshops kam, nach diesen und weiteren positiven Entwicklungen schliesslich an die Kunstakademie Karlsruhe kam und dort ein sehr erfolgreicher junger Künstler geworden ist.

 

 

ROLF LAUTER, HECTOR KREATIVITÄTSZENTRUM KUNSTHALLE MANNHEIM, ERÖFFNUNG 2006

Selbstverständlich sind solche Modelle und Fördermassnahmen ohne die Hilfe von Mäzenen nicht denkbar. Die H. W. & J. Hector Stiftung aus Weinheim, die Metzler Stiftung aus Frankfurt, die Heinrich Vetter Stiftung und die Wilhelm Müller-Stiftung aus Mannheim haben – neben anderen – für die Kunsthalle damals wie heute grossartiges geleistet.

 

 

ROLF LAUTER, HECTOR KREATIVITÄTSZENTRUM KUNSTHALLE MANNHEIM, ERÖFFNUNG 2006

Zurück in die Zukunft

Nach meinem Weggang von der Kunsthalle Ende 2007 und dem 2009/10 realisierten Grossprojekt „artscoutone – Zeitgenössische Kunst in Mannheim“, das ich zum Abschluss meiner Tätigkeit als Kulturbeauftragter der Stadt Mannheim für die Künstler der Region und die Bürger auf der Basis einer seit langem verfolgten Konzeption unter dem Titel „Art in the City – Kunst im Stadtraum“ verfolgt habe, trafen sich Werner Marx und ich oft mit jungen oder älteren Künstlern aus der Freien Akademie in Mannheim oder anderen Städten. Ein sehr beliebter Standort war das Atelier des Künstler-Duos Marcel Weber/Olga Weimer. Dieser auratisch künstlerische Ort, an dem über Qualität, Inhalte der Kunst, Möglichkeiten oder Unmöglichkeiten, Bilder zu malen, gesprochen und gestritten wurde, war für Jahre ein Nukleus der Intellektuellen Künstlerszene. Oftmals fanden auch Begegnungen mit Horst Hamann statt.

ROLF LAUTER, WERNER MARX, CAROLINA BRACK @ ATELIER WEBER&WEIMER, MANNHEIM 2011

 

Hinzu kamen die in den Jahren seit 2010 entstandenen Organisationen artlabheidelberg und artlabmannheim, die an verschiedenen Orten in den beiden Städten mit einer Reihe junger „emerging artists“ spannende Ausstellungen und Projekte realisierten. So gab es zu jeder Eröffnung Künstlergespräche mit Werner Marx und mir, fanden viele Begegnungen zwischen Kunstinteressierten, Sammlern und Künstlern statt, organisierten die Künstler in Gruppen die Projekte und schufen damit in Zusammenarbeit mit Werner Marx und mir einen wunderbaren kreativen Humusboden, der die Künstler-Individuen in mancherlei Hinsicht inhaltlich oder ästhetisch weiter brachte und einige bald in verschiedene Richtungen weiterziehen liess. In diesen letzten Jahren führten uns die vielen teilweise erst begonnenen, teilweise weiter entwickelten Gespräche zum Teil in die Tiefen der künstlerischen Psyche, in die Weiten internationaler Museen und Sammlungen, in die inhaltlichen Netzwerke einzelner Künstler, Kunstwerke oder künstlerischer Vorstellungswelten. Viele dieser Gespräche fanden auch in dem legendären Restaurant „Hexe“ statt.

 

 

Werner und ich hatten geplant, in den kommenden Monaten und Jahren unseren freundschaftlichen, fruchtbaren Dialog über so viele Fragen zu Kunst und Künstlern, Kultur und Gesellschaft in Interviews fortzuführen. Nun mischt sich zu der Trauer über den Verlust eines grandiosen, klugen, hoch intelligenten, wissenden, weitblickenden, tiefsinnigen, warmherzigen, weisen und gütigen Freundes noch die Traurigkeit darüber, dass eines der am komplexesten strukturierten Gehirne unserer Zeit, ein Gedächtnisspeicher kaum zu erahnender Grösse, ein nicht zu ermessender schöpferischer Geist und ein allumfassender Humanist mit ihm verschwindet. Ich kann deshalb nur hoffen, dass Rupert Sheldrake mit seiner Vorstellung Recht hat, dass alles, was Menschen denken, fühlen, gestalten sowie bewusst oder unbewusst in ihrem Geist und ihrer Seele tragen in der grossen unsichtbaren Welt der morphischen Felder für alle Zeiten gespeichert wird.

 

 

ROLF LAUTER, WERNER MARX, ATELIER WEBER&WEIMER, MANNHEIM 2011

Ich umarme Dich, mein Freund und trage Dich für immer im Herzen ……

 

ROLF LAUTER, artscoutone - WERNER MARX & ROLF LAUTER, MANNHEIM 2009

ROLF LAUTER, WERNER MARX, N 1 LOUNGE MANNHEIM 8.6.2015

 

 

 

Antrag zur Errichtung einer Kreativitätsschule in der Kunsthalle Mannheim

Wie ich Ihnen bereits mündlich erläutert habe, plant die Kunsthalle Mannheim im Zusammenhang mit dem Ausbau der Abteilung „Pädagogik und Vermittlung“ den Aufbau einer Abteilung zur Förderung der Kreativität bei Kindern und Jugendlichen („Department for Education and Creativity“). Der Grundgedanke dieser baldmöglichst zu etablierenden Abteilung wird sein, Kindern im Vorschul- und Schulalter verschiedene Spiel-, Kurs- und Projektangebote zu bieten, die ihnen und uns helfen sollen, ihre individuellen schöpferischen Kräfte zu erkennen und diese dann entsprechend zu fördern. Die Kreativitätsschule soll ein weiterer Baustein des Hector-Forschungszentrums werden.
In neu einzurichtenden Räumen sollen Kinder und Jugendliche in kleineren oder größeren Gruppen Möglichkeiten haben, unter kompetenter Betreuung interner und externer Fachkräfte, neueste Techniken der bildnerischen Gestaltung (Malerei, Plastik, Fotografie, Film, Video etc.) kennenzulernen. Darüber hinaus werden die Ergebnisse in Gesprächsrunden und Seminaren diskutiert und interpretiert. Die beteiligten Kinder und Jugendlichen lernen hierbei neben einem bildnerischen auch einen sprachlichen Ausdruck im Umgang mit ästhetischen Prozessen. Die gestalteten Produkte werden dann in Ausstellungen präsentiert oder in kleinen Räumen als Videoprojektionen vorgeführt, so dass sich einerseits bei den jugendlichen Autoren, andererseits aber auch bei Eltern, Lehrern und einem breiteren Publikum neue Erfahrungen und Erkenntnisse im Umgang mit „ihren“ Kindern ergeben.

Bildnerisches Denken und Handeln werden damit für alle Beteiligten als wichtige kulturelle Werte bewußt gemacht. Zentraler Gedanke der „Kreativitätsschule für Kinder und Jugendliche“ wird sein, die in jedem Menschen liegenden kreativen Potenziale lesen und nutzen zu lernen. Kinder und Jugendliche sollen auf ihrem Weg in die Gesellschaft nicht alleine ihr Denken, sondern auch ihr Fühlen und ihre individuelle Ausdrucksfähigkeit als wichtige Elemente der Weltwahrnehmung und Weltbehauptung erkennen und erfahren lernen. Die Etablierung einer solchen Abteilung in einem Museum ist gerade in der heutigen Zeit, in der die Schulen primär auf die Förderung der Bildung von Kindern abzielen, von grundlegender Bedeutung, um für die Zukunft „kulturverantwortliche“ Menschen herauszubilden.

Nachdem sich auf der Basis der Ausführungsplanungen des Architekturbüros Schmucker für das Hector-Forschungszentrum gezeigt hat, dass die „Kreativitätsschule“ nicht – wie ursprünglich geplant – im Bereich des Kommunikationszentrums im Behrenssaal und in anderen Räumen des Altbaus untergebracht werden kann, musste eine neue, adäquate Lösung für die geplanten Aufgaben gefunden werden. Die „Kreativitätsschule für Kinder“ wird nun im Neubau der Kunsthalle eingerichtet werden, womit eine dezidierte Nähe zum Publikum gegeben ist. Als ein architektonischer Bereich hierfür bietet sich das Areal um den ClubRaum (Bereich hinter dem Vetter-Forum) an, in dem man die notwendigen räumlichen und technischen Voraussetzungen für das Projekt schaffen kann. Hier sollen Büro- und Seminarräume für die festen und freien Mitarbeiter der Abteilung, Räume für gestalterische Prozesse, Räume für Foto, Film- und Videoprojektionen sowie Räume für kleinere Veranstaltungen verschiedenster Art entstehen. In dem genannten Bereich können – nach akustischer Abtrennung vom Vetter-Forum durch Glaswände – auf der Basis einer variabel angelegten Architektur mehrere Gruppen von Kindern und Jugendlichen gleichzeitig betreut werden. Die verschieden genutzten Räume sollten so mit technischen Geräten ausgestattet werden, dass Kreativitätsförderung unter den verschiedensten Aspekten mit unterschiedlichen Medien möglich ist.

Der große Vorteil einer „Kreativitätsschule für Kinder“ in der Kunsthalle Mannheim liegt darin, dass wir zum einen die Besucher von Morgen ausbilden, zum anderen ihr gesellschaftliches Umfeld an die Kultur heranführen können. Zudem ergeben sich mit der Etablierung einer solchen Abteilung neue Möglichkeiten, Kinder und Jugendliche aus den verschiedensten Ländern und Kulturen an unser Haus und damit an die Kunst heranzuführen. Können wir in absehbarer Zeit die „Kreativitätsschule für Kinder“ in die Kunsthalle Mannheim integrieren, werden wir sowohl mit dem Hector-Forschungs- und Kommunikationszentrum, als auch mit der „Kreativitätsschule“ eine umfassende kulturelle Einrichtung schaffen, die vielen Menschen neue Zukunftsperspektiven und damit neue individuelle Arbeitsbereiche eröffnen kann.

Rolf Lauter

 

KREATIVITÄTSSCHULE FÜR KINDER AN DER KUNSTHALLE MANNHEIM

Wenn seit einiger Zeit über den Status des Bildes, über Bildlichkeit und Bildkultur, über Imagination und das Imaginäre und die Notwendigkeit einer allgemeinen und fachübergreifenden Bildwissenschaft viel nachgedacht und publiziert wurde, gab es fast immer einen latenten Subtext, der angesichts der „visual culture“ davon ausging, daß der „Sprung ins Universum der Bilder“ (Vilém Flusser) zu neuen Formen der Wahrnehmung und der Kreativität führen wird. Und einhellig wurde, nachdem „Kreativität“ in den Domänen Wissenschaft, Wirtschaft und Politik eine geradezu inflationäre Karriere hinter sich hat, immer wieder betont, daß diese schillernde Eigenschaft des Menschen ihren Ort im „Archiv der Bilder“, in den Museen und Kunsthallen finden soll.

Die Prämisse, daß eine Kreativitätsschule für Kinder und Jugendliche ihren sinnvollen Platz in der Kunsthalle Mannheim findet, möchte ich an dem Umstand deutlich machen, daß ein Sich-Einlassen auf die wachsende Relevanz von Bildlichkeit nur dann gelingen kann, wenn an der kreativen ästhetischen Erfahrung von Kunstwerken angesetzt wird und wenn ferner die gesellschaftsverändernd-emanzipatorische Funktion kreativer Erfahrungsprozesse mit bedacht wird. Erst eine solche Einstellung vermittelt die Ressourcen, um heute geeignete Orientierungs- und Bewertungskriterien überhaupt noch bereitstellen zu können. In diese Richtung geht auch Walter Jens’ bescheidene Einschätzung, daß, auch wenn sich durch die Kunst nichts geändert hätte, ohne sie doch etwas fehlen würde. Denn wer kreative ästhetische Erfahrungen macht, so Hans-Georg Gadamer, den läßt sie eben nicht unverwandelt.

Kreative Prozesse haben eine komplexe Zeitstruktur (Präparation, Inkubation, Inspiration, Evaluation, Verifikation), die der „verschulten“ Zeit diametral gegenüber steht. Diese eigentümliche Zeitlichkeit läßt „neu sehen“ und und bereitet mit dieser entdeckenden Funktion den Genuß erfüllter Gegenwart; sie führt in andere Welten der Phantasie und hebt damit den Zwang der Zeit in der Zeit auf; sie greift vor auf zukünftige Erfahrung und öffnet damit den Spielraum möglichen Handelns; sie läßt Vergangenes oder Verdrängtes wiedererkennen und bewahrt so die verlorene Zeit. Auf der kommunikativen Seite ermöglicht kreative ästhetische Erfahrung sowohl die eigentümliche Rollendistanz des Zuschauers als auch die spielerische Identifikation mit dem, was sein soll oder gerne sein möchte: sie läßt genießen, was im Leben unerreichbar oder auch schwer erträglich wäre; sie gibt den exemplarischen Bezugsrahmen für Situationen und Rollen vor, die in naiver Nachahmung, aber auch in freier Nachfolge übernommen werden können; sie bietet schließlich die Möglichkeit, gegenüber allen Rollen und Situationen die Verwirklichung seiner selbst als einen Prozeß ästhetischer Bildung zu begreifen. Denn für jemand, der mit der eigenen Achtsamkeit vertraut geworden ist, verschwindet die Differenz zwischen aktivem Hervorbringen und passivem Wahrnehmen. Jede Wahrnehmung wird dann zum kreativen Akt, worin man sich selbst in anderem und in anderen findet.

So werden in einem ersten Schritt in der „Kreativitätsschule für Kinder“ unter kompetenter Betreuung interner und externer Fachkräfte (Künstler) neueste Techniken der bildnerischen Gestaltung (Malerei, Plastik, Photo, Film, Video) analysiert, um sich ein Spektrum kreativer Methoden der Bildfindung zu erarbeiten. Die Ergebnisse werden natürlich in Gesprächsrunden und Seminaren diskutiert und interpretiert. Die beteiligten Kinder und Jugendlichen lernen hierbei neben einem bildnerischen auch einen sprachlichen Ausdruck im Umgang mit ästhetischen Prozessen.

Die gestalteten Produkte werden dann in Ausstellungen präsentiert oder in kleinen Räumen als Videoprojektionen vorgeführt, so daß sich einerseits bei den jugendlichen Autoren, andererseits aber auch bei Eltern, Lehrern und einem breiten Publikum neue Erfahrungen und Erkenntnisse im Umgang mit „ihren“ Kindern ergeben. Bildnerisches Denken und Handeln werden damit für alle Beteiligten als wichtige kulturelle Werte bewußt gemacht.

Die vorgeschlagenen Themata orientieren sich nicht an einem wie auch immer gearteten Ablauf der Kunstgeschichte, müssen sich auch nicht unbedingt auf ein Exponat der Sammlung beziehen, da die Wahrnehmung und die ästhetische Erfahrung der jeweiligen Zielgruppen im Mittelpunkt stehen soll. Vorstellbar sind Wahrnehmungsbereiche wie

Ich ist ein anderer – Identität / Inszenierung der Lebenswirklichkeit / Die Stadt als Bühne / Der Laufsteg – Mode und Modefotografie / Der Körper in Bewegung – Faszination Sport / Spielwut / Alles Design / Große Gefühle / Der sexualisierte Körper / Beauty now – Schönheit und Häßlichkeit / Pop-Kultur, Pop-Musik, Pop-Literatur / Ideen – Ressourcen der Natur / Das gemalte Bild und die Medien / Die neue Wahrnehmung: Foto, Film, Video, digitale Bilder.

Natürlich können bei diesem Spektrum auch Exponate der Kunsthalle Mannheim bei der Vermittlung eine entscheidende Rolle spielen, doch liegt einer „Kreativitätsschule“ bei einer Werkbetrachtung immer der Gedanke zugrunde, daß die in jedem Menschen liegenden kreativen Potentiale gelesen und genutzt werden sollen. Kinder und Jugendliche werden auf ihrem Weg in die Gesellschaft nicht alleine ihr Denken, sondern auch ihr Fühlen und ihre individuelle Ausdrucksfähigkeit als wichtige Elemente der Weltwahrnehmung und Weltbehauptung erkennen und erfahren lernen. Die Etablierung einer solchen Abteilung in einem Museum ist in der heutigen Zeit von grundlegender Bedeutung, um für die Zukunft kulturverantwortliche Menschen heranzubilden.
Wenn unsere Wahrnehmung tatsächlich immer wieder neue Bilder von der Welt entwirft, gleichsam eine kleine subjektive Welterzeugungsmaschine ist, kann eine Kreativitätsschule nicht kunsthistorisch operieren. Die Einordnung der Werke nach Stil, Zeit, Epoche, der Stellenwert des Werks wie Motivuntersuchungen etc. werden weiterhin eine Domäne der Kunstvermittlung bleiben. Die Führungen und Programme, die jeweils ausgewählte Artefakte der Sammlung zum Mittelpunkt haben, zielen auf eine kunsthistorische Erfassung des Bestandes, gekoppelt mit der Möglichkeit einer praktischen Gestaltungsübung. Für alle diese Bereiche hat die Kunstvermittlung ein dezidiertes Kinder-, Schul- und Erwachsenenprogramm entwickelt.

Die Kreativitätsschule setzt dagegen weit vor diesen Vermittlungsprozessen an, da man davon ausgeht, daß die meisten jugendlichen Besucher gar nicht wissen, welche Kunst sie wollen, was sie von der Kunst wollen, geschweige denn, ihre eigenen Vorstellungen (Träume, Wünsche, Sehnsüchte) artikulieren können. Eine Kreativitätsschule bildet also erst einmal den Museumsbesucher von morgen aus, damit es nicht zu dem Topos vom „Schweigen der Bilder“ kommt, sondern durch die  Fremdsetzung vertrauten Sehens die kreative und sinnstiftende Leistung der eigenen Wahrnehmung bewußt wird.

Werner Marx

 

BILDUNG BRAUCHT BILDER

Exposé für ein Foto-Workshop in der „Kreativitätsschule für Kinder und Jugendliche“

In den PZ-Informationen 2/2004 (Pädagogisches Zentrum Rheinland-Pfalz, Bad Kreuznach) heißt es über „Fotografie im Kunstunterricht“ lapidar:
„Fotografie in praktischer Anwendung im Kunstunterricht muß oft wegen besonderer Schwierigkeiten vernachlässigt werden. Nachdem die Aufnahmen im Fachgeschäft entwickelt und vergrößert wurden, waren Korrekturen kaum noch möglich. Falls vorhanden, wurden sie im schuleigenen Fotolabor bearbeitet. Hier fehlte es oft an der nötigen Ausstattung, ausreichenden Arbeitsplätzen und funktionsfähigen Materialien.

Zudem war die Arbeit in der Regel auf Schwarz-Weiß-Arbeiten beschränkt. Nur mit kleinen Lerngruppen oder Arbeitsgemeinschaften war es möglich, vernünftige Arbeitsergebnisse zu erzielen. Der Einsatz von Sofortbildkameras litt unter den hohen Kosten und der mangelnden Qualität der Bilder. Digitalkameras sind gegenüber gleichartig ausgestatteten Apparaten immer noch zu teuer.“ Auch in der kunstgeschichtlich orientierten klassischen Bildbetrachtung wird die abendländische Malerei gegenüber der Fotografie präferiert, so daß man ohne immer wieder PISA zu strapazieren, feststellen muß, daß die Schule von der Erfüllung des Lernziels „Medienkompetenz“ oder auch „Bildkompetenz“ meilenweit entfernt ist. Dabei können Kinder und Jugendliche heute kaum noch einen Schritt machen, ohne mit Fotografien konfrontiert zu werden. Das medial Vermittelte hat dem Unmittelbaren und Sinnlichen längst den Rang abgelaufen. Fotografien sind maßgeblich an der Formierung von Bildung und Wissen beteiligt, indem sie Sachverhalte nicht einfach reproduzieren, sondern diese verändern, organisieren oder sogar zuallererst hervorbringen.

Wenn die Sichtbarkeit der Dinge keine fraglos gegebene Qualität ist, sondern in Ateliers und Laboratorien gestaltet und experimentell ermittelt werden muß, ist ein Workshop an der Kunsthalle unter der Leitung eines namhaften Fotografen (gedacht ist an Horst Hamann, Udo Klein, Peter Loewy) der denkbar geeignetste Ort. In der Kreativitätsschule bietet sich im Bereich der Fotografie die Chance, Kinder und Jugendliche aktiv in den Prozeß der Bildgestaltung und Vermittlung von Aussagen und Bedeutungen einzuführen. Sie erleben ohne Notenstreß oder zeitliche Reglementierungen, ohne an einen Klassensaal gebunden zu sein, wie Abbildung zur Aussage über Wirklichkeit wird und zu einem anderen Erfassen und Bewerten von Realität veranlassen kann.

So trägt er geplante Workshop dem Phänomen Rechnung, daß angesichts eines viel beschworenen „ICONIC TURN“ die visuelle Bildung immer noch nicht ihren Ort gefunden hat. Ebenso wie wir unsere Kinder in das Sprach- und Textverständnis einführen, bedürfen sie beim „Absprung ins Universum der technischen Bilder“ Hilfe bei der Alphabetisierung in der Bildsprache.

Werner Marx