INTERVIEW TOP MAGAZIN – JUNI 2006

Interview Thomas Henne with Dr. Rolf Lauter on Kunsthalle Mannheim

TOP Magazin Rhein-Neckar, June 2006

 

 

Vom hehren Musentempel zum Haus der Freude und der Ästhetik

Die Kunsthalle Mannheim auf dem Weg in eine neue Zeit

 

Kunst verstehen heißt nicht nur Kunst sehen und kennen. Eine Ausstellung von Kunstwerken ist stets eine Sache zwischen Geschmack und Sachlichkeit, eine Abwägung von Emotionen und rationalen Fakten, ein bizzarer Tanz auf dem dünnen Seil, das gespannt ist zwischen Beharrlichkeit und Innovation.

In der Mannheimer Kunsthalle geht man seit April diesen Jahres einen neuen Weg.

Ein Weg der polarisiert und Diskussionen anregt, der totale Zustimmung, oder Ablehnung provoziert. Dabei ist die Provokation das letzte, was diese neue Ausstellungskonzeption erzeugen will. Wachgerüttelt aus ihrer eigenen geistigen Unbeweglichkeit fühlen sich aber viele Menschen provoziert von so viel Neuem, das man doch FRÜHER ganz anders gemacht hat und auch HEUTE noch anders sehen wollte…

FRÜHER WAR ALLES BESSER ?

Nach einer fast einhundertjährigen und mitunter sehr wechselvollen Geschichte der Kunsthalle wagte man nun einen Neubeginn, der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einen lebendigen kulturellen Organismus überführt.

Um die Kunsthalle zu einem „Museum der Gegenwart“ zu machen, wurden in einer ersten Phase vor allem die drei Gebäudeteile Altbau, Neubau und Bunker zu einer komplexen, aber in sich schlüssig gegliederten Einheit verschmolzen. Der Altbau wurde, seiner ursprünglichen Bestimmung entsprechend, in beiden Geschossen wieder mit Sammlungsräumen versehen. Lange, ja zu lange, war er zum „stillen Anhängsel“ verkommen und entfaltete nur einen profanen Nachkriegsbürostil. Nun erstrahlt er wieder im alten Glanz.

Durch behutsam vorgenommene architektonische Einbauten im Neubau sowie durch die veränderte Lichtführung erreichte man eine Gesamtaufwertung aller Ausstellungsräume.

In fast allen Räumen des Hauses werden Werke der Gegenwart mit Werken der Sammlung zu behutsam inszenierten inhaltlichen Werkgruppen verbunden. So wird der Altbau zum einen in seiner ästhetischen Wirkung wieder attraktiver, zum anderen wirkt sich der Gewinn an Räumen für die Sammlung positiv auf die Präsentationsform der Werke aus.

Im Vordergrund dieses Neuanfangs steht jedoch vorrangig das Ziel, die strenge Trennung zwischen den Kategorien der Kunst aufzulösen und die Präsentationsform der Sammlung den Vorstellungen der Gegenwart anzupassen.

Ausgewählte Werke des Mannheimer Museums werden zukünftig mit zahlreichen zum Bestand gehörenden, oder wechselnden Leihgaben aus internationalen privaten und öffentlichen Sammlungen zu inhaltlich abgestimmten Werkgruppen verbunden.

Für den Betrachter ergeben sich anhand ungewohnter Korrespondenzen und Dialoge über Zeiten, Epochen und Kulturen hinweg neue wahrnehmungsästhetische und geistige Freiräume.

Gehen wir dieser neuen Epoche der Kunsthalle einmal nach und versuchen im Gespräch mit dem Direktor, Dr. Rolf Lauter, das Innovative am neuen Gesicht einer Sammlung zu ergründen.

Dr. Rolf Lauter stand uns gerne für ein Interview zur Verfügung…

Starre Systeme, verstaubte Krusten und festgefahrene Sehweisen sind ihm ein Gräuel. Seit drei Jahren kämpft der erfahrene Museumsmann in Mannheim für eine Auflösung der Diktatur der tradierten Sehweise von Kunst. Er sucht die Harmonie von Ästhetik und Aura, die Synthese von Aussage und Inspiration in der Gesamtheit einer neuen Präsentation in der Kunsthalle Mannheim.

ZUR PERSON

Rolf Lauter wurde 1952 in Mannheim geboren. Er studierte Kunstgeschichte, Klassische Archäologie, Christliche Archäologie, Romanistik und Philosophie an den Universitäten Heidelberg und Göttingen und absolvierte 1975/76 ein Studentenvolontariat am Wallraf-Richartz-Museum/Museum Ludwig in Köln. 1984 promovierte er über das Thema „Variable Plastik im 20. Jahrhundert“.

1984 beginnt Lauter als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und bis 2002 arbeitet er als Stellvertretender Direktor am Museum für Moderne Kunst in Frankfurt am Main. Außerdem engagierte er sich in seiner Frankfurter Zeit auch als „Koordinator für Sonderprojekte kultureller Stadtentwicklung“ im Auftrag der Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth. Im November 2002 kam er als Direktor der Kunsthalle wieder in seine Heimatstadt Mannheim.

Unzählige Veröffentlichungen, Lehraufträge und Vorlesungen sowie Symposien und Konzeptionen für Museen in aller Welt säumen seinen erfahrungsreichen Weg als Kunst-Experte und Kunst-Liebhaber.

Genau das, so stellt Lauter gerne heraus, unterscheidet ihn von anderen Museumsmenschen: Die Liebe zur Ästhetik, die unaufhörliche Suche nach der Aura eines jeden Kunstwerks und die zielsichere und unbekümmerte Gratwanderung auf einem gefährlichen Parkett zwischen Politik und Kunst.

ZUR SACHE

Drei Jahre lang war Lauter auf dem Weg zur NEUEN KUNSTHALLE. Ein steiniger, manchmal auch beschwerlicher Weg, den er nur mit der Unterstützung „einiger guter Menschen“ gehen konnte, die ihn nicht nur begleitet, sondern auch gestützt und an eine gemeinsame Sache geglaubt haben.

TOP: Herr Dr. Lauter, nach drei Jahren können Sie einmal resümieren. Was hat sich in dieser Zeit als positiv, oder negativ herausgestellt und wie sehen Sie Ihre Arbeit an der NEUEN KUNSTHALLE positioniert?

R.L.: „Als generell optimistisch eingestellter Mensch empfinde ich die allgemeine Haltung des Individuums in der Gesellschaft als negativ. Das Festhalten an Konventionen, oder Dingen, die wir nicht kennen, macht unsere Gesellschaft statisch und unflexibel. Ich habe immer an einen neuen Weg der Präsentation und Wahrnehmung von Kunst in der Kunsthalle und in anderen Museen geglaubt. Aber Menschen wurden jahrzehntelang dazu erzogen, vorgefertigte Lehren und Meinungen zu akzeptieren. Sie sollen nun die Möglichkeit haben, ihre ästhetische Wahrnehmung zu schärfen und Kunst neu zu erfahren. Dabei versuchen wir eine Öffnung der Systeme zu realisieren, die wir in der Gesellschaft aufgebaut haben. Damit einher geht die Schärfung des eigenen Urteilsvermögens des Menschen. Die NEUE KUNSTHALLE ist prozessual entstanden. Drei Jahre Vorarbeit und Wegbereitung waren dafür notwendig.“

Dr. Lauter referiert gerne und leidenschaftlich über das neue Museumskonzept, das mehr polarisiert, als jede Ausstellung im Hause zuvor. Wer sich auf seine Gedanken einlässt, kann sich ihrer Anziehungs- und Überzeugungskraft nicht entziehen.

TOP: Was kann man als Kern Ihres neuen Konzepts bezeichnen?

R.L.: „Unser Konzept ermöglicht den Besuchern zu sehen, was sie sehen wollen und nicht was sie sehen sollen! Dadurch geben wir ihnen ihre eigene Identität zurück. Wir ermöglichen durch die Schaffung einer neuen dialogischen Korrespondenz die Abkehr von der kunsthistorischen Konzentration auf die Elemente Stil, Form und Ausdruck, hin zur Wahrnehmung vom Wesen und der Aura eines Kunstwerks. Durch diese neue Ehrlichkeit machen wir dem Betrachter weniger die Form, als die Inhalte bewusst.“

TRADITION, TRADITION

TOP: Was bedeuten Traditionen für Sie?

R.L.: „Traditionen sind wichtig! Und somit ist auch jeder Direktor eines Hauses wie der Kunsthalle ein Spezifikum. Jeder hat seinen eigenen Stil und prägt das Haus. Auch meine Vorgänger haben das getan.

Überall auf der Welt denkt man in den Museen über neue Ausstellungskonzeptionen nach, so wie etwa in einem der interessantesten Museen, der Tate Modern London. Natürlich bin ich auch stolz über zahlreiche Reaktionen von Kollegen internationaler Häuser, die sich für unseren neuen Weg sehr interessieren. Es gibt auch andere Museen, die anfangen in die gleiche Richtung zu gehen, aber die Mannheimer Kunsthalle geht diesen Weg zur Zeit am konsequentesten:

Durch die Kombination von Werken aus der Sammlung mit Leihgaben zeitgenössischer Kunst und junger Künstler gelingt ein Spannungsbogen über Jahrzehnte, ja sogar über Jahrhunderte hinweg. Die Zusammenführung von Werken nach inhaltlichen Kriterien, anstatt nach kunstgeschichtlichen Gesichtspunkten, macht die Kunsthalle zum Wegbereiter für die Individualisierung des Betrachters, der wieder lernt auf sein Inneres zu hören, anstatt sich im Studium von Daten und Fakten zu ergehen. Wir sind auf dem Weg vom Bildungsinstitut, hin zum Erkenntnis stiftenden Museum! Diese Wandlung ist in der Tat nicht ungefährlich, denn wir müssen den Betrachter darauf vorbereiten, keine Angst vor seinem eigenen Urteil zu haben und sich selbstsicher auf das ABENTEUER KUNST einzulassen.“

KUNSTGENUSS VERSUS KULTURTOURISMUS

TOP: Was bewirken Ihrer Meinung nach die Neuerungen im Ausstellungskonzept der Kunsthalle beim Besucher, also beim Betrachter der Kunst ?

R.L.: „Der Kulturtourismus mit den Stadt- und Museumsführern, die mit dem Schirm in der Hand eine Menge Menschen durch den Dschungel der Systemkonformitäten führt, macht vieles kaputt. Der Betrachter erhält nicht die Chance sich ein eigenes Bild zu machen, er wird informiert, anstatt animiert!

Die Besucher der Kunsthalle sollen Kunst mit Genuss erleben- kritisch zwar, aber mit Genuss! Nur so kann man auch seine Liebe zur Kunst entdecken, sie wird zur Alltagsfreude. Der Mensch öffnet sich für die geistigen und kulturellen Qualitäten der Kunst und so bieten wir hier auch ein Forum zum Gedankenaustausch und zur Meinungsbildung.

Daher verzichten wir auch auf eine Beschilderung, die den Betrachter nur vom Werk ablenkt. Der Betrachter soll sich vielmehr mit der Aura beschäftigen, als mit den nüchternen Daten. Er soll eintauchen in die Tiefe des Kunstwerks, anstatt sich mit Form und Farbe zu beschäftigen. Diese Art der Präsentation ist durchaus nicht neu, aber wir gehen diesen Weg, den unsere Besucher natürlich auch erst verstehen lernen müssen, konsequent weiter und viele positive Reaktionen geben uns Recht.“

VISION EINES VISIONÄRS

TOP: Herr Dr. Lauter, was sind denn Ihre Visionen für Ihre persönliche Zukunft und die der Kunsthalle?

R.L.: „Ich glaube an die Kraft der Überzeugung! So wie auch ich überzeugt werde, wenn ich Fehler mache, lässt mich meine grundsätzlich optimistische Grundhaltung mit Zuversicht in die Zukunft blicken, dass sich unser neues Konzept durchsetzen wird. Die Innovation, die in der NEUEN KUNSTHALLE steckt trifft den Zeitgeist einer weltoffenen, unbeeinflussten Gesellschaft. Wenn wir es weiter schaffen, die Basis, die wir jetzt gelegt haben, intensiv zu bespielen und die Neupositionierung der Kunsthalle international anerkannt wird, kann Mannheim auf dem Parkett großer Häuser in Weltmetropolen durchaus mitmischen. Wenn man die Kunsthalle in einem Atemzug mit London, New York oder Madrid nennt, so muss das nicht nur aufgrund der Sammlung geschehen, sondern vielleicht auch aufgrund der Aufsehen erregenden Sammlungskonzeption. Die andersartige Strukturierung des Bestandes der Kunsthalle bietet darüber hinaus eine breite Grundlage zu Diskussionen und somit entsteht hier ein lebendiges Museum. Denn nur wo auch diskutiert wird, findet eine Auseinandersetzung mit der Kunst statt. Wir reißen die Werke heraus aus der Statik der Konvention und holen sie in unsere geistige Mitte.

Vieles was in den letzten drei Jahren in Mannheim passiert ist, war gedacht, aber nicht alles geplant. Der Prozess der geistigen Annäherung an Kunst hat gerade erst begonnen. Ich wünsche mir für Mannheim, dass unsere Vision international Beachtung findet, und dass die Menschen der Region dies weiter tragen…“

Thomas Henne