NEUES KONZEPT FÜR KUNSTHALLE MANNHEIM 2002

Kunsthalle Mannheim 2002

Standortbestimmung und Neukonzeption

 

Situation 2002 

ROLF LAUTER, KUNSTHALLE MANNHEIM %22BEFORE THE NEW KUNSTHALLE%22, OKTOBER 2002

 

Interview Meier‘s Magazin November 2002

MEIER: Die Mannheimer Kunsthalle sieht aus wie eine Rumpelkammer. Wo fangen Sie an, aufzuräumen?

LAUTER: Das haben Sie gesagt! Es wird in jedem Fall – unabhängig von der heutigen Situation – eine andere Form der Präsentation geben. Die Kunsthalle besteht aus zwei symmetrisch angelegten Gebäuden, die sich aber in ihrer gegenwärtigen Struktur nicht zu einer Einheit zusammenschließen. Dadurch musste man viele Kompromisse machen. Mein Hauptziel ist, beide Gebäude so verschmelzen zu lassen und im Innern räumlich neu zu strukturieren, dass sie als eine komplexe Ganzheit aus vielen unterschiedlich nutzbaren Teilbereichen erfahrbar werden. Darüber hinaus soll zukünftig mehr Raum für die Kunst bereit stehen, der benötigt wird, um weniger Kunst auszustellen, das heißt, wir werden die Sammlung so präsentieren, dass sich Einzelwerke und Werkgruppen individuell als ästhetische Einheiten entfalten können. In einem zweiten Schritt wird es darum gehen, für sie geeignete Partnerschaften zu finden.

MEIER: Was für Partnerschaften sind das?

LAUTER: Es gibt mehrere Ebenen der Partnerschaft. Erstens ist ein Kunstwerk

nie oder selten allein entstanden, sondern immer in einer Gruppe, in einem bestimmten künstlerischen, inhaltlichen und historischen Zusammenhang. Folglich werden wir versuchen, zu den vorhandenen Werken geeignete Partnerwerke sowie räumliche Entsprechungen innerhalb der Architektur zu finden. Zweitens möchten wir, dass der Betrachter deutlicher als bisher wieder zum Dialogpartner der Kunstwerke wird und diese mit seiner von uns geschärften Wahrnehmung in sein Gedächtnis aufnimmt.

MEIER: Der Bunker der Kunsthalle wurde einst gefeiert als exotischer Ausstellungsort, der sich aber weder inhaltlich noch sonst wie profilieren konnte. Hat der Bunker in ihrem Konzept eine Zukunft?

LAUTER: Absolut. Der Bunker ist aber von seiner architektonischen Form her gesehen weniger für eine Sammlungspräsentation, als vielmehr für kleine Sonderausstellungen geeignet. Ab nächsten März werden wir diesen Ort mit dialogartig aufgebauten Sonderausstellungen bespielen, in dem Werke des grafischen Kabinetts mit Werken der Gegenwartskunst unterschiedlichster Medien kombiniert werden.

MEIER: Hehre Pläne! Zwar sind sie Direktor, aber wie wollen sie die Mannschaft des rostigen Tankers Kunsthalle seetüchtig machen?

LAUTER: Herr Fath hat mich freundlich und respektvoll eingeführt und ich habe schon fast allen Mitarbeitern einige meiner Ziele erläutert. An der Kunsthalle gibt es sehr gute Wissenschaftler, aber auch ein gutes organisatorisches und technisches Team. Deshalb sehe ich keinen Grund, dort etwas ändern zu müssen. Allerdings werde ich die Arbeitsprofile der einzelnen Personen etwas anders ausrichten. Es wird nicht mehr einzelne Verantwortliche für die Bereiche Malerei, Plastik, Grafik etc. geben, sondern jeder wird über seine traditionellen Funktionen hinaus auch mit neuen Aufgabengebieten betreut, damit eine dichtere, vernetztere und kommunikativere Organisationsstruktur entsteht, in der immer mindestens zwei Personen mit einem Bereich betraut sind. Um dies zu erreichen, möchte ich die Verwaltung in neuen Räumen zusammenführen.

MEIER: Das Schicksal der Kunsthalle hängt jedoch auch an namhaften und einflussreichen Stiftern, Behörden und Sponsoren, wie wollen Sie die mit aufs Schiff kriegen?

LAUTER: Ich habe in Mannheim in den letzten Wochen schon viele Menschen kennengelernt, deren Herz für die Kultur schlägt. Ich glaube, dass es hier glücklicherweise viele Mäzene gibt, die weniger an einem kurzfristigen, sondern vielmehr an einem langfristigen Engagement für die Kultur interessiert sind. Sie sind davon überzeugt, dass die Kunsthalle eine zentrale kulturelle und vielleicht sogar kulturpolitische Aufgabe in der Stadt hat und wollen sie deshalb erfreulicherweise unterstützen. Darüber hinaus läßt sich aber auch von unternehmerischer Seite ein großes Engagement für die Kunsthalle erkennen, wie dies die großartige Förderung der Tinguely-Ausstellung durch die Firma Roche zeigt. Wir werden in den nächsten Jahren Mäzenen und Sponsoren verschiedene neue Modelle für Kooperationen, Veranstaltungen und Förderungen vorstellen, um die Kunsthalle – neben ihrer Funktion als ein geistig-kultureller Ort – verstärkt als eine öffentlich-repräsentative Einrichtung zu positionieren.

MEIER: Wie sieht die Zusammenarbeit mit anderen Kultureinrichtungen aus?

LAUTER: Im Vordergrund steht für die Anfangszeit vor allem die Erweiterung der Sammlung mit Dauerleihgaben von Künstlern, anderen Museen und Privatsammlungen. Damit können wir allen Generationen – trotz der finanziellen Engpässe – dennoch viele Werke zeigen und vermitteln. Dabei zähle ich vor allem auf einige Verbündete in der ganzen Welt, die ihre Hilfe zugesagt haben. Weiterhin werden wir in die von Raum zu Raum wachsende Neupräsentation des Museums viele kleine Sonderausstellungen einbauen, die wiederum auf Teile der Sammlung verweisen. Hierbei sind wir ebenfalls auf die enge Zusammenarbeit mit Künstlern, Sammlern und Museen aus der ganzen Welt angewiesen. Zukünftig wird es einmal im Jahr eine größere Ausstellung geben, bei der wir nicht nur auf Werke aus eigenen Beständen zurückgreifen werden, sondern auch auf die Kooperation mit anderen Institutionen angewiesen sind. Darüber hinaus werden wir uns im Rhein-Neckar-Dreieck mit anderen kulturellen Einrichtungen sehr genau abstimmen, um Inhalte zu verdichten und Synergien zu schaffen, die dem Standortprofil zugute kommen. Dies ist eine Voraussetzung, um eine kulturelle Identität zu bilden, bei der auch das Stadtmarketing eine wichtigere Rolle einnehemen wird.

MEIER: Toll, wenn alle mitmachen. Aber woher kommt das Geld für so große Veränderungen?

LAUTER: Wenn die Politik zur Zeit keine Spielräume anbieten kann, dann muss man längerfristig planen. Ich denke hier beispielsweise an das Stadtjubiläum 2007. Bis dahin sollte die Kunsthalle in neuem Licht erstrahlen. Um dies erreichen zu können wollen der Förderverein und wir Paten finden, die das Ganze in kleinen Schritten weiterbringen. Sollten am Ende noch finanzielle Mittel fehlen, werden wir die Bevölkerung um ihre Unterstützung bitten.

MEIER: Wie überzeugen Sie die Menschen davon, dass Kunst und Kultur für sie wichtig sind?

LAUTER: Hierzu kurz zwei Punkte: Man muss Inhalte setzen, die in der Gegenwart verhaftet sind und man muss deutlich machen, dass Freizeitgestaltung zur Kultur gehört. Kultur beginnt in unseren Köpfen als eine Einstellung zum Leben und eine Vorstellung, dieses zu gestalten. Wenn die Menschen eine Sensibilität für ihr alltägliches Umfeld entwickelt haben, sind sie für die Auseinandersetzung mit den individuellen Vorstellungswelten von Künstlern vorbereitet. Unsere Aufgabe besteht im Kern darin, sie zur Kunst zu führen, Wahrnehmungsprozesse in Gang zu setzen und ihnen bei der Betrachtung als Partner beiseite zu stehen. Wir sehen unser Ziel darin, die Kunsthalle einerseits als Ausgangspunkt, andererseits als Ort für neue Impulse erfahrbar werden zu lassen.

 

Kunsthalle Mannheim – KHMA 2003 – 2007:  Positionspapier 

Künstlerliste Sammlung und Leihgaben

 

ROLF LAUTER, KUNSTHALLE MANNHEIM-EIN MUSEUM DER GEGENWART, NEUES KONZEPT, NOVEMBER 2002_7

ROLF LAUTER, KUNSTHALLE MANNHEIM-EIN MUSEUM DER GEGENWART, NEUES KONZEPT, NOVEMBER 2002_8

ROLF LAUTER, KUNSTHALLE MANNHEIM-EIN MUSEUM DER GEGENWART, NEUES KONZEPT, NOVEMBER 2002_9

 

 

Konzeptionelle Gedanken für die Jahre 2003 – 2007

I           Zielsetzungen       

  1. Das Museum als Präsentations-, Forschungs-, Wirkungs- und Vermittlungsstätte für künstlerische Gestaltungen aus Gegenwart und Vergangenheit.

  1. Das Museum als Zentrum und Katalysator zur ‘Kultivierung der Gesellschaft‘.

  1. Das Museum als Ort der Kreativität.

  1. Das Museum als ‘Think Tank‘ für das Denken von Gegenwart.

  1. Das Museum als Zentrum eines kooperativen kulturellen Netzwerks mit dem Ziel, Synergien freizusetzen und operative Mittel zu bündeln.

  1. Das Museum als Institution zur Thematisierung von Fragen nach der kulturellen Gestaltung von Öffentlichkeit (Architektur, öffentlicher Raum, Traditionen, kulturelle Veranstaltungen, Öffentlichkeitsarbeit, Marketing)

  1. Das Museum als Diskussionsort für Fragen nach der kulturellen Identität und nach dem Standortprofil von Stadt und Region.

  1. Das Museum als Ort gesellschaftlicher Kommunikation für alle Generationen.

II          Ausgangslage       

Geschichte und Gegenwart eines Museums und einer Sammlung im Rückblick auf Fritz Wichert (1909-1923), G. F. Hartlaub (1923-1936), Walter Passarge (1936-1958), Heinz Fuchs (1959-1983) und Manfred Fath (1984-2002).

Die Kunsthalle Mannheim wurde 1907 zum 300. Mannheimer Stadtjubiläum im Rahmen einer internationalen Kunst- und Gartenbauausstellung eröffnet. Die Eheleute Julius (1841–1895) und Henriette Aberle (1847–1901) stifteten 236.250 Goldmark für die Errichtung der Kunsthalle. Den Grundstock der Sammlung begründeten die hinterlassenen Werke des großherzoglichen Galeriedirektors Carl Kuntz, dessen Stiftung 1873 aus dem Schloßmuseum übernommen wurde. Hinzu kamen 91 Gemälde aus dem Nachlass von James Emden (u.a. Feuerbach und Spitzweg).

Das erste Gebäude der Kunsthalle wurde im Jahr 1907 zum 300-jährigen Jubiläum der Stadtgründung nach Plänen des Karlsruher Architekten Hermann Billing erbaut. Die Architektur wurde zunächst als eine Galerie für die Internationale Kunstausstellung 1907 errichtet, um den Bürgern parallel zu der ebenfalls stattfindenden Gartenbauausstellung einen Überblick über die Entwicklungen von Kunst und Kunstgewerbe in der damaligen Zeit zu geben. Ludwig Dill, Kunstprofessor an der Karlsruher Akademie, konzipierte die damalige Jubiläumsausstellung. Das gesamte Gebäude wurde hierfür – unter dem Eindruck der Bewegung des Jugendstil – mit repräsentativen Räumen unterschiedlicher kultureller und stilistischer Prägung ausgestattet, um der Leitidee einer „Harmonie von Kunstwerk und Raum“ zu entsprechen. Neben anderen Architekten gestaltete auch Peter Behrends einen modernen Ausstellungssaal mit Plastiken von Höttger, Haller und Maillol. Außerdem verzeichnet der damalige Katalog in den Räumen 5 und 8 eine Auswahl von Werken der französischen und belgischen Moderne, darunter Bilder von Monet, Pissarro, Sisley, van Gogh und Gauguin.

Nach dem Ende der Ende der Jubiläumsausstellung und dem Ausbau der kunstgewerblichen Prachtausstattung der Räume wirkte die Kunsthalle leer und öde. Der damalige Oberbürgermeister Martin entwickelte daraufhin den Plan, das Gebäude zukünftig als Standort für die städtische Gemäldesammlung zu nutzen, die bis dahin noch als „Großherzogliche Gemäldegalerie“ im Mannheimer Schloß untergebracht war. Im Jahr 1908 bestätigte der Stadtrat Mannheims das Konzept Martins und man begann damit, die Innenräume der Kunsthalle in „einfacher, schlichter Weise und mit bescheidenem Aufwand“ zu renovieren. Im Frühjahr 1909 wurde ein Schüler Heinrich Wölfflins, Fritz Wichert, der damals als Assistent bei Swarzenski am Frankfurter Städel arbeitete, zum Leiter der Kunsthalle ernannt. Er ließ die städtische Sammlung aus dem Schloß in die Kunsthalle überführen und konnte sie, nachdem er ein spezielles Präsentations- und Vermittlungskonzept entwickelt hatte, am 5. Dezember 1909 der Öffentlichkeit vorstellen.

Der geringe Umfang der Sammlung, die Inkonsistenz ihrer Struktur sowie die Dimensionen der zur Verfügung stehenden Ausstellungsräume machten aus der Präsentation eine komplizierte Angelegenheit. Er konnte zunächst nur die Räume des Erdgeschosses mit eigenen Beständen bestücken und präsentierte im Obergeschoß unter dem Titel „Meisterausstellung: Ausstellung von Werken des 19. Jahrhunderts“ Leihgaben von Vertretern des Kunsthandels. Er zeigte etwa 100 Werke des französischen Impressionismus und der deutschen Malerei aus dem Umkreis von Wilhelm Leibl. Wichert war außerdem gezwungen, den Beschluß des Stadtrates von 1874 über den allmählichen Erwerb einer Sammlung moderner Gemälde sukzessive zu erweitern, um mit mehr finanziellen Mitteln wenigstens einige Werke moderner Künstler ankaufen zu können. Er bekam etwa im Jahr 1910 einen Ankaufsetat von DM 150.000.- und konnte damals mit privaten Spenden für den Betrag von DM 90.000.- Manets Bild von der „Erschießung des Kaisers Maximilian von Mexiko“ ankaufen.

Wicherts Entscheidung, eine Sammlung internationaler Kunst aufzubauen, wurde außerhalb der Grenzen Mannheims mit großer Achtung wahrgenommen, während sich innerhalb der Stadt neben bewundernder Unterstützung von Seiten vieler Förderer und Stifter aus politischer Sicht Unverständnis und polemische Angriffe formierten. Dennoch baute Wichert bereits in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg einen großen Teil der neuen Sammlung auf, darunter der Erwerb von Werken Monets (DM 8.000.-), Cezannes (DM 35.000.-), Pissarros (DM 4.000.-), Corots (DM 22.000.-) oder van Goghs (DM 17.000.-).

1923 wurde Gustav Friedrich Hartlaub zweiter Direktor. Er zeigte 1925 eine Ausstellung zeitgenössischer Kunst mit dem Titel  „Neue Sachlichkeit“, die einer damals im Entstehen begriffenen Stilrichtung ihren Namen gab. Bedeutende Werke von Dix, Grosz oder Beckmann wurden unter seiner Ägide erworben. 1933 wurde Hartlaub von den Nationalsozialisten abgesetzt, die eine Ausstellung unter dem diskriminierenden Titel „Kulturbolschewistischer Bilder“ veranstalteten.

Nach Hartlaub wurde im Jahr 1935 Walter Passarge als Direktor eingesetzt. Er sah sich 1937 der von den Nationalsozialisten vehement vertretenen „Reinigung der Museen von entarteter Kunst“ ausgesetzt und trotz einiger gelungener Aktionen zum Schutz von Werken der Sammlung gingen von 1933 bis 1939 in mehreren Wellen von Beschlagnahmungen 102 Gemälde, 8 Skulpturen, 491 grafische Arbeiten und 59 Mappenwerke verloren, von denen viele auf Dauer verschollen blieben. Einige bedeutende Werke gelangten 1939 zur Versteigerung und gehören heute zu den Beständen ausländischer Museen (u.a. Kunstmuseum Basel, Musée des Beaux-Arts Lüttich, Guggenheim Museum New York und MoMA New York). Während des Krieges wurden die Bestände zum größten Teil ausgelagert. Erst ab 1949 konnten Teile der Sammlung nach der Instandsetzung des schwer beschädigten Hauptbaus wieder gezeigt werden.

Walter Passarge verlagerte den Schwerpunkt des Hauses in seiner Dienstzeit bis 1945 auf das politisch weniger verfängliche Kunstgewerbe. Nach 1945 gelang es ihm sowie seinem ab 1959 amtierenden Nachfolger Heinz Fuchs die in die Sammlung gerissenen Lücken einigermaßen zu schließen. Passarge konzentrierte sich dabei insbesondere um deutsche und moderne Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts. Heinz Fuchs wagte – ähnlich wie seinerzeit Wichert – eine stärkere Hinwendung zur zeitgenössischen Kunst und realisierte zum Teil impulsgebende weltweit wirkende Ausstellungen und Erwerbungen. Dies gelang ihm bisweilen nur gegen den Willen des Gemeinderates. Ihm ist auch die konsequente Erweiterung der Sammlung von Plastiken zu verdanken.

1983 konnte der große Erweiterungsbau mit einem neuen Eingang zum Friedrichsplatz eröffnet werden. Von 1984 an übernahm Manfred Fath die Leitung, der 1999 – dank einer großzügigen Unterstützung der H.W. & J. Hector Stiftung – durch den Ausbau des unterirdischen ehemaligen Bunkers die Ausstellungsfläche erweitern konnte.

 

III         Veränderungen

Zielsetzungen für die nahe und ferne Zukunft:

Architektur Altbau, Neubau, Bunker, Sammlung, Ausstellungen, Veranstaltungsräume, Depots, Verwaltung, Museumsshop, Gastronomie.

 

Architektur

Die Kunsthalle besteht in ihrer heutigen Form aus zwei aneinandergefügten Gebäuden, dem 1907 eröffneten Altbau und dem etwa 25 % größeren Neubau aus dem Jahr 1983. Beide Gebäude bieten auf jeweils zwei Etagen Räume für Sammlung und Sonderausstellungen. Hinzu kommen diverse Räume in Unter- und Kellergeschossen für Depots, Verwaltungen, Werkstätten, Bibliothek und Archive. Mit der Errichtung des Neubaus wurden viele der ehemaligen Präsentationsräume im Altbau ihren ursprünglichen Funktionen enthoben, da man sich von der neueren Architektur bessere Ausstellungsmöglichkeiten erhoffte. Großzügige Präsentationsräume im Erdgeschoß des Altbaus wurden zu Standorten für Bibliothek und Pädagogik transformiert, während vielfach zu niedrige Räume im Neubau raumbezogene Kunstwerke unter schwierigen Verhältnissen beherbergen.

Die Verteilung der Sammlung mit ihren Werken des 19. und frühen 20. Jahrhunderts auf die Räume des Obergeschosses im Altbau und mit ihren Arbeiten der Moderne bis zur Gegenwart auf den Neubau scheint zunächst nach gängigen kunsthistorischen Schemen sinnfällig, zwingt der Sammlung aber ein stilgeschichtliches Korsett auf, welches spätestens mit der Gegenwartskunst seit 1970 keine alleinige Berechtigung mehr hat.

Präsentationskonzept

In den letzten 30 Jahren hat sich innerhalb der Kunst und jüngeren Kunstgeschichte herauskristallisiert, daß Werke der Kunst nicht mehr allein nach äußeren formalästhetischen Richtlinien und starren, historisch scheinbar verbindlichen, chronologisch-linearen Entwicklungsreihen geordnet werden können, sondern man sich vielmehr am eigentlichen Wesen der Werke orientieren und diese nach ästhetischen und historischen sowie kontextuellen Aspekten präsentieren sollte. Gerade eine Sammlung, die innerhalb ihres grafischen Kabinetts Arbeiten besitzt, die bis in das 16. Jahrhundert zurückgehen, innerhalb der Malerei und Plastik dagegen primär Arbeiten aus dem 19. und 20. Jahrhundert beheimatet sind, kann aus Gründen der zahlreichen historischen Lücken und heterogenen Sammlungsstruktur bei der Präsentation niemals auf einem chronologischen Strukturgerüst aufbauen. Hierfür ist die Gewichtung in vielen Sammlungsbereichen zu speziell.

Dementsprechend muß für die Gegenwart und Zukunft ein Präsentationskonzept entwickelt werden, das zum einen den historischen Schwerpunkten der Bestände gerecht wird, zum anderen mit großer Intensität Werke und Werkgruppen der Gegenwartskunst so in die Räume integriert, daß beide Teile genügend Platz zur Entfaltung haben. Dies kann meines Erachtens nur dadurch gelingen, daß neue Werke der Gegenwart mit historischen Werken verschiedener Zeiten aus der Sammlung und aus anderen Beständen in der Weise Kombiniert und zu dialogartigen Konstellationen zusammengestellt werden, daß sich ihre inhaltlichen und ästhetischen Besonderheiten wechselseitig beleuchten und beim Wahrnehmungsprozess in einer verdichteten Form zum Ausdruck kommen.

Es soll also versucht werden, Werke verschiedener Zeiten, Kulturen und Entstehungsorte in der Weise zu kombinieren, daß sie sich aufgrund verschiedener Gemeinsamkeiten im Inhaltlichen oder strukturell Wesenhaften zu kongenialen Partnerschaften ergänzen. Hierbei ist davon auszugehen, daß jedes Werk mit jedem anderen Werk der präsentierten Sammlung in einen harmonischen Gleichklang überführt wird, wobei Fragen der Qualität und der Authentizität von grundlegender Bedeutung sind. Jedes Werk ist somit jedem anderen ebenbürtig, ohne daß dadurch die Werke ihrer Individualität enthoben wären.

Aufgrund dieser Öffnung des Museumskonzeptes nach einer ganzheitlichen Museumsstruktur ist es notwendig, geeignete Partnerwerke für die bereits in der Sammlung vorhandenen Arbeiten zu finden, um aus beiden komplexe Dialoggruppen herzustellen. Ergänzt werden kann die Sammlung durch Leihgaben von Künstlern, Sammlern, Stiftern, Förderern, Museen oder vereinzelt auch durch Erwerbungen.

Altbau – Neubau als Ganzheit

Erste Phase: Entwicklung der Architektur ausgehend von den vier Eckpfeilern beider Gebäude:

Eckpfeiler 1

Die Wiederentdeckung der Schatzkammer:  Alte Bibliothek und Graphisches Kabinett

Die traditionelle ’Schatzkammer’ des Museums wird wieder für Sonderpräsentationen mit bibliophilen Werken, grafischen Blättern und besonderen Schätzen der Sammlung, die in diesem Kontext gut ausgestellt werden können, aktualisiert. Durch das Ausräumen der Bibliothek gewinnt man in diesem Bauteil neue – alte Räume.

Die traditionelle ‚Wunderkammer’ des Museums, also der Ort des Nachdenkens über das Sammeln aber auch der Kontemplation und des Dialoges über kulturelle Fragen, wurde mit der Restaurierung der Alten Bibliothek durch das Bankhaus Metzler zurückgewonnen. Hier finden in regelmäßigen Abständen, Gespräche, Symposien, Sitzungen oder speziell zu diesem Rahmen passende Sonderveranstaltungen statt.

Eckpfeiler 2

Der geistig – kulturelle Ort des Museums:  Der Behrens-Saal im EG und die Bibliothek im UG

Begonnen werden soll mit den ersten Umstrukturierungen und Renovierungen des Altbaus bereits im nächsten Frühjahr. Hierbei wird vor allem an die Gewinnung der beiden Erdgeschosse für die Sammlung gedacht, durch deren Rückführung in ihre ursprüngliche Konstellation weitere Schritte einer Rotation folgen müssen. Die um die alte Bibliothek erweiterte neue Bibliothek soll in die derzeitigen Verwaltungsräume im Kellergeschoß des Altbaus umziehen, wo ein räumlich und funktional ausgezeichneter Raum zur Verfügung steht, der sich sowohl über den alten Haupteingang, als auch über den Verwaltungseingang begehen läßt. Entsprechend unabhängige Öffnungszeiten sind möglich. Mit der Verlegung der Bibliothek und ihrer Verdichtung in einer Kompaktanlage, die zu einem erheblichen Raumgewinn führen wird, wird auch eine stärkere Öffnung dieses Bereiches für die Öffentlichkeit verbunden sein. Dies wird u. a. durch flankierende Sonderausstellungen zum Buch, bibliophilen oder künstlerischen Werken sowie literaturbezogenen Veranstaltungen geschehen.

Behrens-Saal für Vorträge zur Sammlung im EG

Hier sollen Symposien, Diskussionsrunden und andere sammlungsbezogene Veranstaltungen stattfinden.

Dieser Raum soll in Verbindung mit kleinen Studioausstellungen Fragen thematisieren, die der historischen Sammlung und der Kunstgeschichte zuzuordnen sind.

Eckpfeiler 3

Räume für Sonderausstellungen und externe Veranstaltungen sowie Gründung eines Ortes zur Förderung der Kreativität und Erweiterung der Wahrnehmung

Im großen Ausstellungsraum über dem Bunker sollen Veranstaltungen stattfinden, die Unternehmen, der Politik und anderen Körperschaften einen repräsentativen Rahmen zur Darstellung von Inhalten und Zeitgeist bieten. Dazu ist es notwendig, das gastronomische Konzept den neuen Anforderungen anzupassen. Hier soll ein Restaurant mit gutem Angebot mittags und abends entstehen, das auch sämtliche Cateringanfragen bewältigen kann. Pacht- und Umsatzbeteiligung des Museums sind hierbei wichtige wirtschaftliche Grundvoraussetzungen. 

Mit der Gründung eines Kreativitätszentrums wollen wir den für die Entwicklung des ästhetischen Denkens im Menschen so wichtigen dritten Eckpfeiler zum Leben erwecken. Erste Workshops mit Kindern und Jugendlichen wurden bereits erfolgreich durchgeführt. Die Abteilung Kunstvermittlung kann sich mit einer besseren Infrastruktur nun ebenfalls noch mehr um die kulturelle Erziehung der jüngeren Generationen kümmern. Zudem werden in diesem Bereich auch Räume für künstlerische Sonderprojekte und externe Veranstaltungen in Verbindung mit gastronomischer Bewirtung hinzugewonnen werden.

Als ein besonders attraktiver Ausstellungsort ist in diesem Zusammenhang und unterhalb des dritten Eckpfeilers der Bunker zu sehen. Hier sollen zukünftig Sonderausstellungen des grafischen Kabinetts in Verbindung mit solchen junger zeitgenössischer Künstler stattfinden. Ein- und Ausgang könnten von außen geregelt werden, so daß eine Öffnung dieses Bereichs auch bei Schließung des Museums möglich wird.

Eckpfeiler 4

Das Heinrich Vetter Forum mit angrenzenden Räumen und der vor einigen Jahren mit einem hohen finanziellen Engagement gestaltete Ausstellungsraum Bunker sind die zentralen Orte für monografische und thematische Sonderausstellungen sowie für neue kooperative Ausstellungs- und Veranstaltungsmodelle mit Werken oder Projekten junger Künstler. Die Kunsthalle sieht sich in diesem Zusammenhang als ein Ort im Netzwerk mit anderen Kulturinstitutionen, Künstlern, Galerien, Unternehmen und Privatsammlern. Oberste Zielsetzung ist hier sowohl in bezug auf von der Kunsthalle alleine durchgeführten Ausstellungen, als auch auf Kooperationsprojekte vor allem die Schaffung von Synergien zur Stärkung der Kultur und des kulturellen Denkens. Damit wird es auch möglich, das Standortprofil der Stadt nachhaltig zu verbessern.

Bunker

Als ein besonders attraktiver Ausstellungsort ist in diesem Zusammenhang und unterhalb des dritten Eckpfeilers der Bunker zu sehen. Hier sollen zukünftig Sonderausstellungen des grafischen Kabinetts in Verbindung mit solchen junger zeitgenössischer Künstler stattfinden. Ein- und Ausgang könnten von außen geregelt werden, so daß eine Öffnung dieses Bereichs auch bei Schließung des Museums möglich wird.

Ein derart komplexes Konzept verlangt natürlich nach einer ganzheitlichen, aber vielseitig nutzbaren Museumsarchitektur. Beide Gebäude, der Altbau und der Neubau, müssen unter den genannten Aspekten zu einem größeren harmonischen Ganzen verbunden werden, in dem sich jeder Raum in den Dienst bestimmter Funktionen stellt.

Der Altbau soll – seiner ursprünglichen Bestimmung entsprechend – wieder in beiden Geschossen mit Sammlungsräumen versehen werden, um der in einer langjährigen Entwicklung veränderten Rolle eines ’stillen Anhängsel’ entgegenzuwirken. In allen Räumen des Erd- und Obergeschosses werden Werke der Gegenwart mit Werken der Sammlung zu behutsam inszenierten inhaltlichen Werkgruppen verbunden. So kann der Altbau in seiner ästhetischen Wirkung wieder attraktiver werden und der Gewinn an Räumen für die Sammlung wird sich positiv auf die Präsentationsform und damit auf die Aura der Werke auswirken.

Zentrum des Gebäudes:  Abteilung Pädagogik, Vermittlung und Information 

Die Abteilung Pädagogik und Vermittlung, wird aus ihrem abgelegenen Standort mitten in die neue Sammlung verlegt, damit einerseits im Altbau notwendige Räume für die Präsentation von Sammlungsbeständen frei werden, um andererseits aber auch die Vermittlungsarbeit näher an den Betrachter und an das Publikum zu bringen. Geeignete Räume im OG des Neubaus sind bereits vorhanden und werden in Zusammenarbeit mit dem Hochbauamt entsprechend vorbereitet.

Verwaltung

Die Verwaltung wird aus dem Keller im Altbau in das dem Friedrichsplatz zugeordnete Zwischengeschoß eingebunden, so daß die Kuratoren und die Verwaltung einen nahen Kontakt zum Publikum herstellen können. Damit wird auch langfristig die Raumnot aufgehoben.

Museumsshop

Der Museumsshop soll den neuen Interessen von Menschen – auch der jüngeren Generationen – angepasst werden. Hierzu ist ein Konzept vorgesehen, das den traditionellen Bestand zusammen läßt und in das Areal des Übergangs zwischen beide Gebäude verlegt, während ein neues Angebot in dem Geschoß darüber angesiedelt werden soll. Kataloge und Informationsmaterialien sind hier ebenso zu erhalten, wie verschiedenste Produkte des Designs und der Kunst. Eine minimalistische Cafeteria bietet hier den geeigneten Rahmen zum verweilen und kaufen. Der Shop soll zu beiden Museumsflügeln abschließbar und direkt von außen zugänglich sein, so daß auch Öffnungszeiten variabel gestaltet werden können. Erweiterte Einnahmequelle.

Cafe für jüngere Generationen

Anstelle des Museumsshops soll ein zweites Cafe mit Bistro-Charakter und einem entsprechend einfachen gastronomischen Angebot entstehen. Es richtet sich vor allem an ein junges Publikum. Hier soll auch Kunst der noch nicht museumsreifen jungen Künstler und Fotografen gezeigt werden, um dem noch nicht am Museumsbesuch interessierten Publikum die Besuche schmackhaft zu machen. Dieser Ort wird darüber hinaus zu einer erweiterten Einnahmequelle.

Kooperationen

Die Kunsthalle im Netzwerk mit anderen Kulturinstitutionen, Künstlern, Galerien, Unternehmen und Privatsammlern. Oberste Zielsetzung ist hier die Schaffung von Synergien zur Stärkung und besseren Sichtbarmachung der Kultur in der Stadt. Damit wird es möglich sein, das Standortprofil nachhaltig zu verbessern.

Aufgrund eines vielgestaltigen Netzwerks von Unterstützern, Leihgebern, Partnern oder Mitstreitern wird es möglich sein, viele von den Werken, die sonst nur für kurze Sonderausstellungen ausgeliehen werden, oft für längere Präsentationen zur erhalten. So lassen sich Kunstwerke aus Depots, Museumsdepots, Privathäusern etc. für langfristige Präsentationen gewinnen, manche davon verbleiben vielleicht als Schenkungen im Besitz des Hauses.

Aufbau eines Raumpools aus Angeboten temporär leerstehender Liegenschaften zur kulturellen Nutzung durch Künstler (Ateliers und Ausstellungen), kreative Gruppen (Architektur, Design, Theater, Ballett, Musik, Literatur) in Zusammenarbeit mit Liegenschaftsamt, Investoren, Projektentwicklern, Privatpersonen. Gewinn an neuen Räumen für die Kunst und Erweiterung kultureller Kommunikationsstrukturen.

Finanzen

Gewinnmaximierung bei den Einnahmen aus Eintritten, Museumsshop, Gastronomie, Veranstaltungen mit Unternehmen sowie durch ein neues regionales wie internationales Marketing.

Aufbau einer Abteilung für Leihgaben an städtische Ämter und Unternehmen zur Gewinnung von Leihgebühren.

Stärkung des kulturellen Bewußtseins bei Politik und Bürgern durch repräsentative Ereignisse sowie eine stärkere Fokussierung auf zeitgenössische Kunst.

Komplexitätssteigerung bei Fördermodellen:

  1. Förderkreis erweitern und gezielte Aktionen starten

  2. Aufbau von Public Private Partnership Modellen (FFM Metzler 1+1=3)

  3. Anregungen für ein neues bürgerliches Mäzenatentum durch Patenschaften für Erwerbungen (individuell oder in Gruppen), für Künstlereditionen, für Ausstellungen, für Sammlungsräume, für Veranstaltungen, Symposien, architektonische Veränderungen, technische Verbesserungen, wissenschaftliche und konservatorische Projekte etc.

  4. Sponsoring mit repräsentativen Gegenwerten bei der Finanzierung von Sonderausstellungen, Ausstattung der Architektur, Künstlerförderung, freie Ateliervergabe.

  5. Aufbau einer die Ankaufsmittel flankierenden Stiftung.

Rolf Lauter

November 2002

„Die Neue Kunsthalle I – IV“ 

Die Neue Kunsthalle I – III

Nach fast 100 Jahren ihres Bestehens realisiert die Kunsthalle Mannheim programmatisch einen konzeptionellen Neuanfang. Im Vordergrund dieses Neuanfangs steht das Ziel, die strenge Trennung zwischen den Kategorien Malerei, Plastik, Grafik, Fotografie, Film und Video aufzulösen. Unter dem Motto „Lebendigmachen des Kunstbesitzes“ werden ausgewählte Werke des Mannheimer Museums mit zahlreichen Leihgaben aus internationalen privaten und öffentlichen Sammlungen zu inhaltlich abgestimmten Werkgruppen verbunden. Für den Betrachter ergeben sich anhand von ungewohnten Korrespondenzen und Dialogen über Zeiten, Epochen oder Kulturen hinweg neue wahrnehmungsästhetische und geistige Freiräume, wie sie in einem traditionellen Museum mit einer auf entwicklungsgeschichtlichen Leitlinien aufgebauten Sammlung so nicht möglich sind.

Die neuen Ausstellungsräume der Kunsthalle erschliessen sich wie die eigenständigen Kapitel eines Buches, denen stets ein übergreifendes Thema und eine dialogische Komponente eigen ist. Diese neue Präsentationsform lenkt die Wahrnehmung des Betrachters nicht nur auf Inhalte und Themen, die für die ‚Erfahrung der Gegenwart’ von Bedeutung sind, sondern ermöglicht auch einen tieferen Einblick in das bildnerische Denken der beteiligten Künstler, die verschiedenen Zeiten, Ländern und Kulturen zuzuordnen sind.

Mit der in rhythmischen Wechseln stattfindenden Ausstellungsreihe „Die Neue Kunsthalle“ entwickelt sich das Mannheimer Museum stufenweise zu einem „Musée imaginaire“, dessen Sammlung allmählich eine „andere Ordnung“ vor Augen führt, wie sie so bisher in keinem anderen Museum der Welt existiert.

Konzentrierte sich die erste Neupräsentation der Sammlung „Die Neue Kunsthalle I“ vor allem auf die Einbeziehung des Mediums der Fotografie, um anhand von ausgewählten Positionen Fragen der Wirklichkeit des Bildes vor Augen zu führen, so richtete die zweite, erweiterte Neupräsentation „Die Neue Kunsthalle II“ unseren Blick verstärkt auf die ästhetischen Erfahrungswerte „natürlich – körperlich – sinnlich“. Im Zentrum dieser Ausstellung standen primär plastische Gestaltungen – flankiert von Bildern, graphischen Arbeiten und Fotografien –, die auf unterschiedliche Weise Fragen des Körperlichen, d.h. der Nacktheit, Erotik und Intimität in der Aktdarstellung umschreiben.

In der „Neuen Kunsthalle III: materiell – immateriell“ wurde der Hauptschwerpunkt zusätzlich auf die Videokunst gesetzt. In zahlreichen Räumen des Neubaus erwarteten den Besucher nun Videoprojektionen und Videoinstallationen von internationalen Künstlern im Zusammenspiel mit vielen bekannten aber auch unbekannten Werken der Museumsbestände.

„Die Neue Kunsthalle IV – Direkte Malerei“

Unmittelbare Bildwelten zwischen Abstraktion und Figuration

 

„Ich entferne mich mehr und mehr von den gebräuchlichen Malutensilien wie Staffelei, Palette, Pinsel usw. Ich gebrauche lieber Stöcke, Spachtel, Messer, und fließende Farbe oder schweres Impasto aus Sand, zerbrochenem Glas und anderen ungewöhnlichen Materialien. Ich arbeite nicht nach Zeichnungen oder Farbskizzen. Meine Malerei ist direkt ……“        Jackson Pollock  [1]

Mit der Ausstellung „Die Neue Kunsthalle IV – Direkte Malerei“ wollen wir anhand von 40 Positionen internationaler Gegenwartskunst das Rollen- und Selbstverständnis von Künstlern der jüngeren und mittleren Generation unter besonderer Berücksichtigung von künstlerischer Individualität und subjektiven bildnerischen Sprachen thematisieren. Mit ihr versuchen wir ausserdem, die Strukturen einer sich in den letzten Jahren verstärkt entwickelnden Malerei aufzuspüren, die auf der von Wassily Kandinsky bereits im Jahr 1911 formulierten formal-ästhetischen Polarität der „reinen Abstraktion“ und der „reinen Realistik“ basiert und sich als ein vom „Prinzip der inneren Notwendigkeit“ gesteuerter bildnerischer Ausdruck offenbart.[2]

 

„Geheimnisvoll entsteht das wahre Kunstwerk. Nein, wenn die Künstlerseele lebt, so braucht man sie durch Kopfgedanken und Theorien nicht zu unterstützen. Sie findet selbst etwas zu sagen, was dem Künstler selbst im Augenblick ganz unklar bleiben kann. Die innere Stimme der Seele sagt ihm auch, welche Form er braucht und von wo sie zu holen ist (äußere oder innere << Natur >>).“          Wassily Kandinsky  [3]

Als zentrale Merkmale der „Direkten Malerei“ lassen sich zum einen die unmittelbare bildnerische Übertragung von teils intensiv, teils flüchtig und selektiv wahrgenommenen Alltagsbildern oder fragmentierten Motiven aus der individuellen Lebenswirklichkeit eines Künstlers erkennen, zum anderen die spontane, unmittelbare, malerische Fixierung von Gedächtnisbildern verschiedenster zeitlicher und inhaltlicher Provenienz. Mit der „Direkten Malerei“ bringen Künstler meist diejenigen „inneren Bilder“[4] zum sprechen, die sich im Laufe ihres Lebens im Gedächtnis angesammelt haben oder die sie unter Überprüfung der sichtbaren Realität als inhaltlich bedeutungsvolle Teile in ihre Bildwelten übernehmen wollen.

„Es gibt einen weiteren Aspekt in meiner Malerei. Hinter der Wahl von Farbe, Oberfläche, Masstab verbirgt sich das Gedächtnis an einen Ort oder an ein Ereignis – und indem ich mich auf den Sinn und die Stimmung dieser Erinnerung konzentriere, versuche ich der Malerei jenes Gefühl zu lassen, welches die Erinnerung für mich hat.“       Mary Heilmann, 1987 [5]

Die in den gezeigten Bildern zwischen Figuration und Abstraktion hin- und herpendelnden individuellen ‚Bildformeln’ bauen dabei einerseits auf zahlreichen Vorbildern aus der Kunstgeschichte auf, andererseits entstammen sie Kindheitserinnerungen, Mythen, subjektiven Phantasiewelten, Fantasy- oder Comicspielen, Ritterromanen oder allgemeinverbindlichen Form- und Themenbereichen. Aber auch die Natur dient hierbei als eine wesentliche Grundlage für Inhalte, Motive oder Formen, ob nun unmittelbar zitiert, romantisch überhöht, visionär transformiert oder sehnsuchtsvoll collagiert.

Die im Zusammenhang mit der „Direkten Malerei“ präsentierten Werke offenbaren etwas von der Ursprünglichkeit seelischer Prozesse und Stimmungen der Künstler, verdeutlichen eine Abkehr von der Auseinandersetzung mit der Alltagsrealität, wie sie etwa in der Fotografie einen breiten Raum einnimmt, und demonstrieren eine verdichtete Auseinandersetzung des Künstlers mit sich selbst. Die zahlreichen Bilder lassen uns einen Blick auf fragmentierte, abstrahierte Figuren werfen, auf transformierte, anonyme Menschentypen, Mythen- und Traumbilder sowie Mischwesen, die sich zwischen der realen Alltags- und der virtuellen Internet- oder individuellen Phantasiewelt bewegen. Daneben formen sich einige aus nächster Nähe zunächst scheinbar chaotisch anmutende, ungeordnete, abstrakte Bildsysteme in unserem Bewußtsein während des Betrachtungsprozesses allmählich zu geordneten, homogenen „kleinen Welten“, denen nur eine andere Ordnung zugrunde liegt, als diejenige, die wir kennen.

Auf der Grundlage der genannten heterogenen Gegenstands-, Form- und Motivschätze sowie unter Berücksichtigung einer offenen Bildstruktur, die formal über die meisten tradierten kompositorischen Gesetzmäßigkeiten hinausgeht, entwickelten die ausgewählten Künstler eine neue kombinatorische Kompositionsstruktur, die auf dem Prinzip des Sampling und der formalen Transformation begründet ist und die im Endergebnis zu einer jeweils spezifischen Ganzheit, zu einem bildnerischen Mikrokosmos führt. Verbunden damit ist konsequenterweise auch die Etablierung von eminent individuellen Formvorstellungen und Formensprachen, wodurch in der Malerei der Gegenwart insgesamt eine neue gestalterische Subjektivität zum Ausdruck kommt.

Mit der Ausstellung „Direkte Malerei“ wollen wir schliesslich auch zeigen, dass zahlreiche Künstler in der Gegenwart eine entschiedene Position gegen die Vorherrschaft der digitalen Medien und virtuellen Bilder sowie gegen die selektive Wahrnehmung und Fragmentierung unseres Weltbildes setzen. Die ausgewählten Maler konzentrieren sich bei der Gestaltung individueller Bildwelten vor allem auf die Wiederfindung der Identität der Malerei, die als ein Medium zur kulturellen Orientierung dienen kann sowie auf die Bedeutung des Bildes und damit auf die schöpferische Kraft der subjektiven Kreativität.

 

[1]   Jackson Pollock, My Painting, in: Possibilities N.1, New York 1947-48. Hier entnommen aus Jürgen Claus, Malerei als Aktion, Selbstzeugnisse der Kunst von Duchamp bis Tapiès, Berlin 1986, S. 62f.

[2]   Zitate Wassily Kandinsky, Über das Geistige in der Kunst, (1911), Bern 1952, S.126f.

[3]   Zitat Wassily Kandinsky, Über das Geistige in der Kunst, (1911), Bern 1952, S.135f, Anm. 5.

[4]   Zitat Veit Loers, Painting on the Roof, Ausstellungskatalog Museum Abteiberg, Mönchengladbach 2003, Einführung.

[5]   Mary Heilmann, Statement zu „Geometrie und Gedächtnis“, in: Katalog 40th Biennial of American Contemporary Painting, Corcoran Gallery of Art, Washington D. C. 1987, aus dem Amerikanischen von Sibylle Omlin, o. S.