NEUE KUNSTHALLE II: NATÜRLICH-KÖRPERLICH-SINNLICH, KHMA 2003-04

DIE NEUE KUNSTHALLE II

natürlich, körperlich, sinnlich

Kunsthalle Mannheim  

23. November 2003 – 07. März 2004

 

Einladung 

ROLF LAUTER, NEUE KUNSTHALLE II, EINLADUNG, KUNSTHALLE MANNHEIM 2003-2004

ROLF LAUTER, NEUE KUNSTHALLE II, EINLADUNG, KUNSTHALLE MANNHEIM 2003 - 2004

ROLF LAUTER, NEUE KUNSTHALLE II, EINLADUNG, KUNSTHALLE MANNHEIM 2003 - 2004

ROLF LAUTER, NEUE KUNSTHALLE II, EINLADUNG, KUNSTHALLE MANNHEIM 2003-2004

 

Kunstwerke und Installationen von

Ansel Adams, Afrikanische Masken, Carl Andre, Heiner Blum, Oliver Boberg, Bill Brandt, Kyungwoon Chun, David Claerbout, Thomas Joshua Cooper, Otto Dix, Elger Esser, Peter Fink, Eric Fischl, Dan Flavin, Günther Förg, Henry Frères,  Lucian Freud, Alberto Giacometti, Ralph Gibson, Nigel Hall, Richard Hamilton, Martin Honert, Axel Hütte, Alex Katz, Ernst Ludwig Kirchner, Joseph Kosuth, Clare Langan, Sandra Mann, Robert Mapplethorpe, Will McBride, Yue Minjun, Gabriele Muschel, Shirin Neshat, Catherine Opie, A. R. Penck, Gerhard Richter, Thomas Ruff, Jörg Sasse, Cindy Sherman, Qui Shi-Hua, Thomas Struth, Hiroshi Sugimoto, Jürgen Teller, Susa Templin, Wolfgang Tillmans, Nasan Tur, Bill Viola, Stephen Waddell,  Jeff Wall

 im Dialog mit Werken aus der Sammlung

Oswald Achenbach, Karl Albiker, Theodor Alt, Alexander Archipenko, Arman, Kenneth Armitage, Hans Arp, Ivan Babij, Francis Bacon, Clive Barker, Ernst Barlach, Willi Baumeister, Max Beckmann, Rudolf Belling, Adolf Bermann Cipri, Carl Blechen, Umberto Boccioni, Arnold Böcklin, Constantin Brancusi, Heinrich Bürkel, Reginald Butler, Mario Ceroli, César, Paul Cézanne, Lynn Chadwick, Eduardo Chillida, Giorgio de Chirico, Johan Christian Clausen Dahl, Lovis Corinth, Camille Corot, Gustave Courbet, Thomas Couture, Tony Cragg, Fritz Cremer, Honoré Daumier, Edgar Degas, Fritz Dehof, Eugène Delacroix, Robert Delaunay, André Derain, Charles Despiau, Otto Dix, Eberhard Eckerle, Benno Elkan, James Ensor, Max Ernst, Jean Fautrier, Lyonel Feininger, Anselm Feuerbach, Günter Förg, Ruth Francken, Otto Freundlich, Caspar David Friedrich, Joseph von Führich, Xaver Fuhr, Hermann Geibel, Franz Gelb, Théodore Géricault, Alberto Giacometti, André Gill, Vincent van Gogh, George Grosz, Karl Haider, Raymond Hains, Karl Hartung, Erich Heckel, Bernhard Heiliger, Barbara Hepworth, Georg Herold, Ferdinand Hodler, Carl Hofer, Alfred Hrdlicka, Jörg Immendorff, Willy Jaeckel, Friedrich Kallmorgen, Wassily Kandinsky, Alexander Kanoldt, Edmund Friedrich Kanoldt, Friedrich Keller Laurent, Georg Friedrich Kersting, Ludwig Kindler, Ernst Ludwig Kirchner, Paul Klee, Max Klinger, Eugen Knaus, Oskar Kokoschka, Georg Kolbe, Käthe Kollwitz, Jannis Kounellis, Alfred Kubin, Carl Kuntz, Albert Lang, Henri Laurens, Wilhelm Lehmbruck, Wilhelm Leibl, Franz Lenk, Max Liebermann, Jacques Lipchitz, Richard Long, Anna Mahler, Aristide Maillol, Edouard Manet, Franz Marc, Hans von Marées, Marino Marini, Ewald Mataré, Henri Matisse, Adolph von Menzel, Manolo Millares, Claude Monet, Henry Moore, Otto Mueller, Edvard Munch, Emil Nolde, Carl Ostertag, Max Pechstein, Camille Pissarro, Jaume Plensa, David Rabinowitch, Franz Radziwill, Ferdinand von Rayski, Auguste Renair, Germaine Richier, Auguste Rodin, Emy Roeder, Medardo Rosso, Carl Rottmann, Ulrich Rückriem, Fritz Schaper, Edwin Scharff, Richard Scheibe, Hermann Scherer, Johann Wilhelm Schirmer, Oskar Schlemmer, Rudolf Schlichter, Otto Schliessler, Joachim Schmettau, Carl Schmidt- Rottluff, Wilhelm Schnarrenberger, Julius Schnorr von Carolsfeld, Georg Scholz, Carl Moritz Schreiner, Georg Schrimpf, Carl Schuch, Gustav Seitz, Josef Anton Settegast, Theo Siegle, Renee Sintenis, Alfred Sisley, Max Slevogt, Johann Sperl, Wolf Spitzer, Carl Spitzweg, Toni Stadler, Edward Jakob von Steinle, Franz von Stuck, Hans Thoma, Wilhelm Trübner, Fritz von Uhde, Félix Vallotton, Christoph Voll, Edouard Vuillard, Ferdinand Georg Waldmüller, Anton von Werner, Hans Wimmer, Fritz Winter, Fritz Wotruba

 

Aufbau & Presse Konferenz

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Ausstellungsräume

 

 

Presseinfo

Die Neue Kunsthalle II: natürlich – körperlich – sinnlich

23. November 2003 – 07. März 2004

Zielte die erste Präsentation des Ausstellungszyklus „Die Neue Kunsthalle“ konzeptionell auf einen programmatischen Neuanfang, so folgen auf diesen Neubeginn noch drei weitere Teile im Rhythmus von jeweils einem halben Jahr. Unter dem Motto „Lebendigmachen des Kunstbesitzes“ werden ausgewählte Werke der Mannheimer Sammlung mit zahlreichen Leihgaben aus internationalen privaten und öffentlichen Sammlungen zu inhaltlich abgestimmten Werkgruppen verbunden.

Die neuen Räume der Kunsthalle erschließen sich wie die eigenständigen Kapitel eines Buches, denen stets ein übergreifendes Thema und eine dialogische Komponente eigen ist. Diese neue Präsentationsform lenkt die Wahrnehmung des Betrachters nicht nur auf Inhalte und Themen, die für die ‚Erfahrung der Gegenwart’ von Bedeutung sind, sondern ermöglicht auch einen tieferen Einblick in das bildnerische Denken der beteiligten Künstler, die verschiedenen Zeiten, Ländern und Kulturen zuzuordnen sind.

Im Vordergrund steht das Ziel, die strenge Trennung zwischen den Kategorien Malerei, Plastik, Grafik, Fotografie, Film und Video aufzulösen sowie eine dialogische Beziehung zwischen dem Gegenwärtigen und dem Vergangenen herzustellen. Die Kunsthalle Mannheim thematisiert damit zu Beginn des 21. Jahrhunderts den Funktionswandel der Institution Museum und hinterfragt das traditionelle Konzept der ‚Konstruktion von Geschichte’ und der ‚Musealisierung von Kunst’. Sie manifestiert sich von heute an als ein kultureller Ort, der zwischen den Polaritäten ‚Musentempel’ und ‚Dialogisches Museum’ angesiedelt ist.

Konzentrierte sich die erste Neupräsentation der Sammlung vor allem auf die Einbeziehung des Mediums der Fotografie, um anhand von ausgewählten Positionen Fragen der Wirklichkeit des Bildes vor Augen zu führen, so richtet die zweite, erweiterte Neupräsentation unseren Blick verstärkt auf die ästhetischen Erfahrungswerte „natürlich – körperlich – sinnlich“. Im Zentrum dieser Ausstellung stehen primär plastische Gestaltungen – flankiert von Bildern, graphischen Arbeiten und Fotografien –, die auf unterschiedliche Weise Fragen des Körperlichen, d.h. der Nacktheit, Erotik und Intimität in der Aktdarstellung umschreiben.

Zu sehen sind u. a Werke von Carl Andre, Alexander Archipenko, Hans Arp, Clive Barker, Constantin Brancusi, Reginald Butler, Eduardo Chillida, Toni Cragg, Max Ernst, Jean Fautrier, Alberto Giacometti, Julio Gonzalez, Martin Honert, Georg Kolbe, Joseph Kosuth, Henri Laurens, Wilhelm Lehmbruck, Richard Long, Aristide Maillol, Marino Marini, Henri Matisse, Mario Merz, Georg Minne, Henry Moore, Auguste Rodin, Ulrich Rückriem, Richard Scheibe und Gustav Seitz, die in Korrespondenzen mit Bildern oder Fotografien von David Claerbout, Lovis Corinth, Peter Fink, Ralph Gibson, Gilbert & George, Herbert Hamak, Erich Heckel, Carl Hofer, Alexej Jawlensky, Robert Mapplethorpe, Will McBride, Tracey Moffatt, Otto Mueller, Catherine Opie, Susa Templin oder Jeff Wall gezeigt werden.

Rolf Lauter

 

 

Rundgang durch die Kunsthalle Mannheim Ein Museum der Gegenwartskunst

Die Neue Kunsthalle II:

natürlich – körperlich – sinnlich

 24. November 2003 – 07. März 2004

Zielte die erste Präsentation des Ausstellungszyklus „Die Neue Kunsthalle“ konzeptionell auf einen programmatischen Neuanfang der Mannheimer Sammlung, so werden noch drei weitere Teile im Rhythmus von jeweils einem halben Jahr folgen. Unter dem Motto „Lebendigmachen des Kunstbesitzes“ werden thematisch ausgewählte Werke der Kunsthalle mit zahlreichen Leihgaben aus internationalen privaten und öffentlichen Sammlungen zu inhaltlich aufeinander abgestimmten Werkgruppen verbunden.

Die architektonisch teilweise neugestalteten Räume der Kunsthalle erschließen sich wie die eigenständigen Kapitel eines Buches, denen stets ein übergreifendes Thema und eine dialogische Komponente eigen ist. Diese – für ein traditionelles Museum ungewöhnliche Präsentationsform – lenkt das Interesse und die Wahrnehmung des Betrachters nicht nur auf Inhalte und Themen, die für die Erfahrung der Gegenwart von Bedeutung sind, sondern ermöglicht auch einen tieferen Einblick in das bildnerische Denken der beteiligten Künstler, die verschiedenen Zeiten, Ländern und Kulturen zuzuordnen sind. Im Vordergrund steht somit das Ziel, die strenge Trennung zwischen den Kategorien Malerei, Plastik, Grafik, Fotografie, Film und Video aufzulösen sowie eine dialogische Beziehung zwischen dem Gegenwärtigen und dem Vergangenen herzustellen.

Konzentrierte sich die erste Neupräsentation der Sammlung vor allem auf die Einbeziehung des Mediums der Fotografie, um anhand von ausgewählten Positionen sowie im Wechselspiel mit anderen Gattungen Fragen der Wirklichkeit des Bildes vor Augen zu führen, so richtet die zweite, erweiterte Neupräsentation nun unseren Blick verstärkt auf die Inhalte „natürlich – körperlich – sinnlich“. Im Zentrum der Ausstellung stehen plastische Gestaltungen aus den Museumsbeständen, die – flankiert von Bildern, Zeichnungen, Grafiken und Fotografien – auf unterschiedliche Weise Fragen des Körperlichen und seiner Wirkung auf den Betrachter umschreiben. Die gezeigten Werke beziehen sich primär auf die Darstellung der körperlichen Enthüllung und figürlichen Repräsentation von Intimität, Keuschheit, Sensualität, Individualität oder Idealität in der Akt- und Porträtdarstellung. Andere Arbeiten unterschiedlicher Medien lenken unseren Blick auf die sinnlich-ästhetische Wirkung bildhaft fixierter Schönheiten, natürlicher Welten, von musikalischem Klang begleiteter Videoprojektionen, emotional-expressiver Bilder, abstrakter oder zeichenhafter Gestaltungen sowie lichtdurchfluteter Räume. Werke des 18. bis 21. Jahrhunderts laden dazu ein, gesehen, hinterfragt, erspürt, bewundert oder kritisch betrachtet zu werden. Die „Neue Kunsthalle II“ bietet einen Parcours durch erlebnishaften Räumen an, die – so wünschen wir es uns – im Bewusstsein der Besucher bleibende Bilder und tiefe Eindrücke hinterlassen.

 

NEUBAU

Noch vor dem Museumseingang Friedrichsplatz wird der Besucher von einer ersten künstlerischen Arbeit des amerikanischen Konzeptkünstlers Joseph Kosuth empfangen. Die über dem Haupteingang leuchtende Textarbeit Kosuths billdet dabei den gedanklichen Ausgangspunkt für die Frage nach der Bedeutung von Kunst und Museum. Die Neoninstallation mit dem Titel „Sechs Teile, lokalisiert“ besteht aus den sechs Worten „Geschichte, Ort, Teile, Einheit, Kontext, Bedeutung“. Diese sind einzeln in warmweißer Schreibschrift aus Neonbuchstaben jeweils in Zweiergruppen an der Sandsteinkante des über dem Haupteingang liegenden Balkons angebracht. Beim wahrnehmenden Lesen erklärt sich Kosuths Arbeit von selbst: Sie lenkt unsere Aufmerksamkeit zunächst auf das Gebäude bzw. die Architektur, die einen funktionalen Zweck hat und nach formalästhetischen Gesetzmäßigkeiten gegliedert ist. Das Gebäude, also der Ort, hat eine Geschichte. Sowohl die Geschichte, als auch die Architektur stellen eine Einheit aus vielen Teilen dar, die aufgrund von Strukturen zu einem Ganzen verschmelzen. Durch den Kontext, in dem sich das Gebäude befindet, erhält es schließlich für sich und für das urbane Gefüge seine Bedeutung.

Im Eingangsfoyer treffen die Welten des öffentlichen Raums und des ‚halböffentlichen’ Kunst-Raums aufeinander. Die Museumsbesucher können an diesem Ort bereits Fotoarbeiten des jungen Frankfurter Künstlers Nasan Tur betrachten. Tur beobachtete während der Umbaumaßnahmen der „Neuen Kunsthalle“ für einige Tage die Museumsaufsichten an ihrem Arbeitsplatz und schuf bei seinen Rundgängen mehrere „Porträts”, die einerseits die Atmosphäre des leeren, sich im Umbruch befindlichen Kunstraumes, andererseits die spezifische Situation der jeweiligen Personen, ihr oft notwendiges Alleinsein charakterisieren. Dabei pendeln seine Arbeiten zwischen der faktischen und dokumentarischen Wirklichkeit spiegelbildlich hin und her, thematisiert Tur die Gedächtnishaftigkeit eines Ortes im Kontext der Verzeitlichung von Fotografie.

Hinter dem Museumsshop öffnet sich für den Museumsbesucher dann „Die Neue Kunsthalle”, deren – insgesamt 21 – Ausstellungsräume sich mit jeweils eigenen thematischen Schwerpunkten über den gesamten Neubau verteilen. Diese „imaginäre Sammlung auf Zeit“ wird nach einer bestimmten Zeit wieder aufgelöst, in manchen Räumen verändert, durch andere künstlerische Positionen erweitert oder bestimmte Themen ergänzt. Damit wird sich das Museum permanent aktualisieren, werden wechselnde Bestände aus den Depots sowie immer wieder neue Leihgaben zu sehen sein. Mit dem sich in mehreren Schritten wandelnden Museum können Besucher die Mannheimer Sammlung in einer bisher nie gebotenen Breite kennenlernen und den Aufbau einer neuen Sammlung verfolgen. Am Ende der Wegstrecke wird dann ein „anderes“ Museum stehen, dem ein neues inhaltliches Konzept sowie eine neue, „dialogische“ Präsentationsform zugrunde liegen.

Die Ausstellungsräume, zu denen in der Regel erläuternde Texte ausgelegt sind, basieren auf folgenden inhaltlichen Leitgedanken:

NaturRaum

LandschaftsRaum

ZeichenRaum

EigenRaum

BildRaum

PorträtRaum

ClubRaum

LebensRaum

TodesRaum

WeißRaum

LeerRaum

KriegsRaum

KörperRaum

NacktRaum

LichtRaum

FarbRaum

NaturRaum 

In dem auf drei Ebenen aufgefächerten großen ersten Raum, treffen Plastiken und Skulpturen unterschiedlicher Materialien von Eduardo Chillida, Jannis Kounellis, Richard Long und Ulrich Rückriem aus der Sammlung auf großformatige Fotografien von Elger Esser, Axel Hütte, Gabriele Muschel und Thomas Struth sowie eine aus Fotografien und Neonzahlen komponierte Wandarbeit von Mario Merz. Alle Werke umschreiben auf unterschiedliche Weise die besondere Bedeutung der Natur für den Menschen, etwa als Materie, als Nahrungsmittel oder als paradiesische Vorstellung. Dabei beziehen sich die plastischen Arbeiten unter Selbstverweis auf ihre Materialien vor allem auf die elementaren Dinge, die Natürlichkeit, die Naturgesetze und die aus diesen Elementen vom Menschen abgeleiteten Erkenntnisse.

Bildhafte Entsprechungen dessen, was wir als Natur erkennen, anerkennen oder suchen finden sich in den malerischen und von Licht durchfluteten Landschaftsaufnahmen Elger Essers, deren Farbigkeit gleichsam zum Resonanzkörper für den aus cremefarbenen Bruchsteinen der Champagne gelegten Kreis Richard Longs werden. Dies setzt sich fort in den „Paradies-Bildern“ von Thomas Struth – Aufnahmen von Wäldern unterschiedlicher Länder und Klimazonen – bzw. denen von Axel Hütte – Großaufnahmen vom Amazonas-Urwald –, in der fotografischen Arbeit des vor kurzem verstorbenen Mario Merz, die uns mit fragmentarischen Bildausschnitten von Naturformen und Früchten in einem Innenraum sowie einer in blauer Neonschrift angebrachten Zahlenfolgen der Fibonacci-Reihe das komplexe Verhältnis zwischen Natur und Kultur beleuchtet, oder in den markant ausgeschnittenen Nahaufnahmen von seltenen Pflanzen des Mangrovensumpfwaldes, die Gabriele Muschel für uns zu einer dichten Reihe an farbintensiven Motiven zusammengestellt hat.

In direktem Anschluss an diese Werkkonstellation taucht man in einen Dunkelraum mit einer Videodoppelprojektion von Shirin Neshat ein. „Tooba” umschreibt die archaische, einst unzertrennbare Einheit von Mensch und Natur, dargestellt in Form einer symbolischen Verschmelzung des vielleicht letzten Baumes mit einer alten Frau, seiner mythischen Seele. In einer eindringlichen poetischen Bildsprache beschreibt Neshats Videoinstallation die allmähliche Entfremdung des Menschen von der Natur und die damit verbundenen Veränderungen seines Charakters und seiner gesellschaftlichen Verhältnisse.

LandschaftsRaum 

Von der lyrischen Umschreibung des Spannungsverhältnisses von Mensch und Natur kommend tritt man, noch begleitet von den Klängen der schwermütigen Musik des Videoraumes, in einen niedrigen Raumkomplex ein, der von Landschaftsdarstellungen aus der Sammlung der Kunsthalle bestimmt wird. Gemälde von Anselm Feuerbach, Xaver Fuhr, Edmund Kanoldt, Karl Kuntz, Emil Lugo, Christian Rohlfs, Carl Schuch, Christian Georg Schütz, Max Slevogt, Hans Thoma, Wilhelm Trübner und Theodor Verstraete zeigen uns teils romantische, teils idyllische, teils ideale oder teils vor Kraft pulsierende natürliche Landschaften, die sich mit unterschiedlichen Stimmungsakzenten an den Betrachter wenden. Es sind Bilder aus einer anderen Zeit und Welt, die einen starken Gegensatz zu den projizierten Bildern Shirin Neshats darstellen. Der in Bronze gegossene „Menschenwald“ von Ossip Zadkine einerseits, und das hinterleuchtete Großdia „The Old Prison“ von Jeff Wall andererseits lassen schließlich die mythologisch-fiktive Gegenwelt der Malerei des 19. und frühen 20. Jahrhunderts – der einen mit einem räumlichen Traumgebilde, der andere mit einer von Industrialisierung geprägten Landschaftsvedute – hinter sich.

ZeichenRaum

Im nächsten Raum wurden fast alle Plastiken Wilhelm Lehmbrucks aus den Mannheimer Beständen und aus zwei Privatsammlungen zu einer Werkgruppe zusammengefasst. Sie zeigen anhand von torsohaften Kopf- und Körperdarstellungen sowohl den existenziellen inhaltlichen Ansatz, als auch die Suche Lehmbrucks nach dem Verständnis für den inneren Aufbau des menschlichen Körpers durch formale Deformation und Fragmentierung. Diesen Arbeiten gegenübergestellt sind Bilder Alexej von Jawlenskys, die weibliche Köpfe in verschiedenen Abstraktionsstufen zeigen. Wie Lehmbruck in der Plastik, so war auch Jawlensky in der Malerei auf der Suche nach dem Urbild, der Ikone des menschlichen Gesichts, das sich in seinen späteren Werken als eine Form aus wenigen farbigen Zeichen manifestiert.

Um der Zeichenhaftigkeit und der Symbolik bestimmter visueller Codes der Gesichtsdarstelllung auf die Spur zu kommen, werden in diesem Raum auch einige afrikanische Masken unterschiedlicher Provenienz gezeigt. Die meist aus rituellen Gründen auf ganz wenige physiognomische Details verdichteten Masken führen uns hinter die abbildhafte Form menschlicher Darstellung zu einer ursprünglichen, repräsentativ-funktionalen Formung des Gesichts, das in seiner reduzierten Zeichenhaftigkeit Erkenntnisse über Prozesse unserer Wahrnehmung freisetzt.

EigenRaum

In einer weiteren großen Werkgruppe wurden verschiedene Bilder, Plastiken, Reliefs und Fotografien unter der Frage nach der Bedeutung des Porträts, der Suche nach der Identität, der künstlerischen Subjektivität und der bildlichen Wirklichkeit des Menschen zusammengeführt.

Über einer „Ahnengalerie“ mit Bronzeköpfen aus der Museumssammlung, der Arbeiten aus dem späten 19. Jahrhundert von Maillol und Rodin bis zu Plastiken der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts von Gustav Seitz angehören und die trotz ihrer historischen Unterschiede aufgrund ihrer bronzenen Gleichförmigkeit scheinbar alle einer überindividuellen Gleichzeitigkeit angehören, entfalten sich in einem seriell rhythmischem Gleichklang die neun gleichgroßen runden Leuchtkästen von Jeff Wall mit dem Titel „Little Children”. Wall zeigt uns anhand seiner hinterleuchteten Großfotografien die bereits zu „Figuren“ erzogenen Kinder unterschiedlicher Kulturen, denen nichts wirklich Kindliches mehr anhaftet, sondern deren Körperhaltungen und Mimik bereits zu Stereotypen transformiert sind. Zeigen viele der Bronzeköpfe ein gewisses Pathos im Ausdruck, so liegt dieses Moment auch den Fotografien zugrunde.

Diesen Arbeiten gegenübergestellt sind jeweils ein großformatiges „Porträt” und ein „Anderes Porträt” von Thomas Ruff, bei denen sowohl der Versuch, eine individuelle Realität festzuhalten, als auch die Unmöglichkeit vor Augen geführt wird, der Vorstellung einer individuellen Charakterisierung nahezukommen.

Schließlich sind diesen Werken die im Abstand von 30 Jahren gemalten „identischen“ Porträts von Alex Katz gegenübergestellt. Die beiden Gesichter sind auch 30 Jahre später die gleichen plakativen Porträts, auch wenn die Präzision der typisierenden Stilisierung der Gesichter einer noch virtuoseren Glättung gewichen ist. Die flache, typisierende und sich an Plakatmotiven orientierende Malerei von Katz findet wiederum in einigen folienhaft gegossenen Bronzeköpfen der zehner, zwanziger und dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts erstaunliche Entsprechungen im Hinblick auf die formel- und pathoshafte Abstrahierung oder Pointierung physiognomischer Elemente.¨

Den Bildern von Katz gegenübergestellt ist ein aus sieben bedruckten Rollbildern zusammengesetztes großformatiges Werk des Chinesischen Künstlers Fang Lijun. Sein mit „SARS“ bezeichnetes Werk thematisiert die „leuchtende“ Gefahr des Virus auch für die Menschenmassen in China. Oberhalb der Treppe hängen Fotografien mit Einzel- oder Gruppenpoprträts von Menschen, die sich hinter einem optischen Schleier zu verbergen scheinen. Kyungwoo Chun malt Zeit. Seine bis zu 60 Minuten Dauer belichteten Fotografien zeigen in ihrer Unbestimmtheit mehr von einem Menschen, als die präzisen Großporträts von Thomas Ruff.

BildRaum

Im Vetter – Forum, das in der Zukunft der Durchführung monografischer Wechselausstellungen dienen wird, zeigen wir eine Werkgruppe mit großformatigen Fotobildnissen junger schöner Frauen, die alle durch feine Frisuren, glatte geschminkte Gesichter und ein immer wiederkehrendes Lachen charakterisiert sind. Es sind zwar wie wir Menschen von heute, die uns jeden Tag zufällig begegnen könnten, aber ihre Darstellung wirkt auf uns wie der Spiegel einer anderen Wirklichkeit, die der alltäglichen diametral gegenübergestellt ist. Es sind Aufnahmen verschiedener Miss World Bewerberinnen des Jahres 1999, die der Modefotograf Juergen Teller während der Ausscheidungsvorbereitungen alle fotografiert hat. Bei einer genaueren Betrachtung der angeblich schönsten Frauen aus unterschiedlichen Ländern der Welt fällt auf, dass unsere Urteilskraft über Schönheit keine Objektivität zulässt. Die Miss Worlds von heute sind Bilder ihrer selbst, gefangen in zeichenhaft zurechtgemachten, bekleideten Körpern und einem einstudierten Habitus.

PorträtRaum

Im dahinterliegenden PorträtRaum treffen andere historische „Schönheiten“ aus den Sammlungsbeständen, gemalt in verschiedenen Techniken, zeitenübergreifend aufeinander. Es zeigt sich in der Gegenüberstellung mit den Fotografien, dass jedes Bild, ob es sich um die Darstellung einer Frau, eines Mannes oder eines Kindes handelt, allein schon durch die individuelle künstlerische Handschrift verschieden ist, ungeachtet der malerischen Konventionen klassizistischer oder barocker Körpergestaltungen. In diesem Zusammenhang erscheint die Frage nach dem Verhältnis von bürgerlichem Subjekt und fotografischem Bild in einem anderen Licht.

 

ClubRaum

Hinter dem Vetter-Forum haben wir eine Art Clubraum oder Lounge eingebunden, die den Besuchern des Hauses als ein Ort der Entspannung und Kommunikation dienen soll. In diesem Bereich zeigen wir Fotoarbeiten von Sandra Mann, die immer wieder in der Discoszene umherwandert und entsprechend charakteristische Aufnahmen von Menschen mitbringt. Discobesucher und andere sich vergnügende Personen sind hier – unter besonderer Anspielung auf die Sexualität – Nachtschwärmer, die dem Lebensrhythmus des Tages entfliehen. Hier bricht eine Welt der jungen Generation in das Museum ein und verschafft sich in ihrer intensiven Gegenwärtigkeit einen festen Platz.

Begibt man sich über die Treppen auf den Zwischenabsatz der Halle, erfährt man an einer eindrucksvollen Bodenplastik des amerikanischen Minimal Künstlers Carl Andre die Unmöglichkeit der Identität von Erscheinungsform und Daseinsform eines Gegenstandes. Am Beispiel der seriell zu einem Weg zusammengesetzten quadratischen Kupferplatten wird jedem Besucher sofort die hier gestellte Frage nach dem Ortes sowie seiner Bedeutung als Innen- und Außenraum deutlich. Andre thematisiert die Mechanismen der Industrialisierung ebenso, wie er poetisch Plätze und damit architektonische Kontexte definiert.

LebensRaum

Im oberen Rundgang trifft man auf mehrere Konvolute von Fotografien des in London lebenden Wolfgang Tillmans und Heiner Blums. Die Arbeiten von Tillmans pendeln zwischen vergrößert ausgedruckten Zeitungsartikeln und Fotografien, die das Alltagsleben des Künstlers zeigen, hin und her. Er polarisiert die Welt und zeigt in seinen Bildern, dass eine Versöhnung des Individuums mit der Gesellschaft immer nur temporär sein kann.

In den ersten Räumen neben dem oberen Umgang sind unterschiedlich gestaltete schwarze Bilder von Heiner Blum, auf denen emotional klingende Worte aus der Regenbogenpresse erscheinen, und eine überdimensionale „Laterne“ von Martin Honert zu sehen. Honerts Laterne geht auf seine Kindheitserinnerungen zurück, als er seine eigene Laterne bastelte und diese für ihn einen Blick in den Kosmos und die eigene Fantasie darstellte.

WeißRaum

Die Nichtfarbe Weiß lässt sich in einem Raum mit fast nur weißen Kunstwerken oder solchen, die das Weiß thematisieren, eindrucksvoll erfahren. Es sind dies Werke von Dan Flavin, dessen Leuchtstoffröhren auf Carl Andres „Aluminium Square“ eine Lichtstraße projizieren, Bill Viola, dessen Videoprojektion die lichtintensive Situation in der Eiswüste von Saskatchewan sowie die Luftspiegelungen in der Sahara festhält, Herbert Hamak, dessen schwere, körperliche Bilder die Farbe als Materie erfahrbar werden lassen, Yamanobe, der auf vier gleich großen weißen Bildern durch subtile Farbsetzungen eine gesteigerte faktische und imaginäre Bildtiefe erreicht, Qiu Shi Hua, dessen helle Leinwände einen Hauch von natürlichen Landschaften und Bäumen in einer kaum zu ergründenden Zartheit entstehen lassen oder Catherine Opie, in deren Schneefotografien man die immer wiederkehrende Suche nach dem Horizont erkennt.

LeerRaum

Hinter dem WeißRaum betritt man einen Raum mit Werken von Jeff Wall und Clive Barker. Walls „Blind Window II“, „Diagonal Composition 3“ und „Clipped Branches“ sind Leuchtkästen, die die Verlassenheit und Leere eines Ortes sowie der Isolierung der an ihm verbliebenen Gegenstände vor Augen führen. Diese uns aufgrund der Hinterleuchtung der Großdias sehr eindringlich nahegebrachten Orte sprechen uns über die mit Erinnerungen und Geschichte angefüllten Gegenstände an, lassen uns an ihrer schicksalhaften der Einsamkeit teilhaben. Walls fotografische „Rekonstruktionen von Wirklichkeit“, die Gemälden vergleichbar komponiert sind, sind dabei vielleicht auf ihre melancholische Art wahrheitsfähiger, als dies oft eine dokumentarische Fotografie sein kann. Barkers Bronzesofa mit den beiden zurückgelassenen Schuhen der imaginären „Madame Magritte“ ist ein Zeichen für den „ausgesparten Menschen“, der in den Gegenständen seiner ehemaligen Umgebung weiterlebt, Gegenständen, die ebenso Teil des kollektiven Gedächtnisses sind, wie Kunstwerke oder gedankliche Konzepte.

KriegsRaum

Im KriegsRaum entfalten mehrere Werke untereinander eine Dramatik existenzieller Situationen. Es begegnen sich der „Schreiende Papst“ von Francis Bacon, das hinterleuchtete Großdia mit dem Titel „Milk“, von Jeff Wall, das vielteilige Bild mit zerfetzten Gesichtern von Antonio Saura, das malerisch expressiv von einem existenziellen Aufschrei gegen das Franco-Regime geprägt ist, der stürzende Reiter der großformatigen Bronzeplastik von Marino Marini, die Plastiken Germaine Richiers und Reginald Butlers. Diese verdeutlichen auf unterschiedliche Weise die aus Angst und traumatischen Erfahrungen geborene Transformation der menschlichen Figur ähnlich wie der große „Catcher“ von Gustav Seitz: eine geschundene, fragmentierte sitzende Figur, die Krieg, Kampf und Tod evoziert.

KörperRaum / NacktRaum

Während im KörperRaum eine Vielzahl von Aktdarstellungen der Skulpturensammlung der Kunsthalle im Dialog mit Fotografien und Bildern zu sehen sind, angesichts derer sich der Betrachter Fragen der Natürlichkeit, Körperlichkeit und Sinnlichkeit eines bildnerisch gestalteten Körpers reflektieren kann, ergänzen zahlreiche Zeichnungen und Grafiken der Sammlung zum Thema des nackten Körpers und des Aktes diesen thematischen Komplex, der sich durch die gesamte Kunstgeschichte hindurchzieht.

Die Übergangsräume zwischen Alt- und Neubau sind auf beiden Stockwerken zum einen in einen Ort der Kontemplation, zum anderen in einen Ort der Kommunikation verwandelt. Im oberen Raum können sich die Besucher, haben sie erst einmal den von Susa Templin aus künstlichen Elementen gestalteten hinterleuchteten Wald durchlaufen, in Ruhe Videoarbeiten von Oliver Boberg und Clare Langan ansehen.

Die Video-Trilogie von Clare Langan aus den Jahren 1999 bis 2002 beschreibt die Rückeroberung zivilisatorischer Orte durch die Natur in einer sinnlichen wie „heroischen“ filmischen Bildsprache, die aus der Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts schöpft.

Oswald Boberg ist es demgegenüber gelungen, das Bild eines Waldes durch die gedehnte Zeitlichkeit einer Videoaufnahme soweit zu verfremden, dass das Spannungsfeld zwischen Fiktion und Wirklichkeit zum Thema wird.

Im unteren Raum bietet sich dann die Möglichkeit, sich auszuruhen und sich im Leseraum über die ausgestellten Künstler und Werke nähere informieren.

ALTBAU

Der Altbau der Kunsthalle, ein Museum traditioneller Ausprägung, den wir als „Musentempel“ thematisieren, bietet dem Betrachter mit Hauptwerken der Malerei des 19. und frühen 20. Jahrhunderts bis zum heutigen Tag Räume der Kontemplation und Reflexion. Es ist ein Ort der Auseinandersetzung mit Geschichte und Erinnerung, mit Bildern, die Teil unseres kollektiven Gedächtnisses sind. Diesen Ort gilt es, einerseits auf seinen ursprünglichen Bestimmungen und Funktionen zurückzuführen, und ihn andererseits an die Gegenwart anzuschließen.

Die von Hermann Billing entworfene Jugendstil Halle des Altbaus haben wir ansatzweise – ihrer ästhetischen Grundkonzeption entsprechend – wieder in eine „Halle des Lichts“ transformiert. Das Zentrum der Halle wird noch deutlicher als bisher von Constantin Brancusis „Großem Fisch“ bestimmt, dessen sublime, spiegelnde Materialität im Zusammenspiel mit Licht nicht allein entgrenzend wirkt, sondern sich optisch virtuell aufzulösen scheint.

Ausgehend von beiden Geschossen der Jugendstil Halle öffnen sich nun auch neue Blickachsen zum Neubau hin, die die beiden architektonisch unterschiedlich gestalteten Gebäude wieder stärker zu einer Einheit verschmelzen lassen.

LichtRaum

Das Thema Licht spielt in zwei weiteren Räumen des Altbaus, die in einer ersten Umgestaltungsphase entstanden sind, eine zentrale Rolle. In dem ersten „Projektraum“ des Hector-Forschungszentrums, der sich im Erdgeschoss befindet, fand der aus weißen Marmorplatten um ein Metallgerüst gebaute Iglu mit dem Titel „Von Grundmauern“ des bereits erwähnten italienischen Künstlers Mario Merz seinen neuen, angemesseneren Standort. Je nach Tageslichtsituation umspielt das eindringende Licht die Marmorplatten, dringt in ihre Materie ein oder macht aufgrund von einem reichen Licht-Schatten-Spiel die ureigenen plastischen Qualitäten des Masse- und Luftvolumens auf eindringliche Art und Weise erfahrbar.

Der Iglu wird von einer Reihe kleiner Schwarzweiß-Fotografien des 1983 verstorbenen Amerikaners Peter Fink eingerahmt, die sich wie auch die Plastik dem Phänomen des Lichts und der Spiegelung verschrieben haben. Aber auch in der Thematisierung von Haus und Behausung, Modernität/Urbanität und kulturelle Tradition bestehen zwischen Finks „Refractions“ und der Plastik von Merz aufschlussreiche Korrespondenzen.

FarbRaum

Im hinteren Bereich der alten Halle wurden in den teils vorhandenen, teils zurückgebauten Wandnischen vier Varianten der Arbeit ”untitled (to Lucie Rie, master potter)” des Lichtkünstlers Dan Flavin installiert. Ausgehend von einer minimalistischen Grundgestaltung aus Sockelelementen für Leuchtstoffröhren, die vertikal zu einer Höhe von 180 cm sowie horizontal zu einer Tiefe von 70 cm zusammengesetzt wurden, entwickelte Flavin ein Lichtorchester aus verschiedenfarbigem Neonlicht, das den jeweiligen Umraum zu einem strahlenden Wahrnehmungsraum werden läßt. Flavins Lichtkunst tritt an dieser Stelle nicht nur majestätisch für sich in Erscheinung, sondern verknüpft durch ihre Bezüge zum Fisch von Brancusi im Altbau diesen Museumsteil auf augenfällige Weise mit den Licht- und Dunkelräumen im Neubau.

Erreicht man über die Freitreppen den oberen Hallenumgang, sieht man an den oberen Wänden zwei Bilder von John Young, die in ihrem motivischen Naturbezug sowohl zu der Wandarbeit von Susa Templin, als auch zu der sie umgebenden Marmorierung in den Architekturteilen Bezüge herstellen. Gegenüber ist gleichsam als „letzte“ Arbeit, die Alt- und Neubau verbindet, eine Fotoinstallation von David Claerbout als eine kongeniale Entsprechung zu sehen. Claerbouts von hinten mit einem Strahler angeleuchtete Fotografie einer Landschaft im Nebel kann bei all ihrer Künstlichkeit doch auch in Erinnerung rufen, wie wir als Kinder zum ersten Mal eine Landschaft im Gegenlicht der Sonne gesehen und dies nie wieder vergessen haben.

In den oberen Sammlungsräumen des Altbaus zeigen wir bis auf eine Ausnahme wie bisher die historische Sammlung in traditioneller Museumshängung. Aufgrund der komplizierten sicherheitstechnischen und klimatischen Situation lassen sich die Werke aus dem Altbau nicht in die Räume des Neubaus verlagern, so dass es zukünftig nur möglich sein wird, in die hier gezeigten alten Bestände sukzessiv Werke der Gegenwartskunst zu integrieren.

Dennoch haben wir in diesem Bereich mit einer Art „Musterraum“ einen ersten Anfang geschaffen, der auf eine zukünftige Neupräsentation der Sammlung hinweist. Den vielen unveränderten Sammlungsräumen haben wir einen architektonisch und lichttechnisch umgebauten „Expressionistensaal“ zur Seite gestellt, in dem eine in die Zukunft weisende, großzügigere Präsentationsform mit Werken der Malerei, Plastik und anderer Medien beispielhaft vorgestellt wird.

In einer Gegenüberstellung sind hier eine plastische Arbeit Wilhelm Lehmbrucks, ein abstraktes Bronzerelief „Weiblicher Rückenakt IV“ (1929) von Henri Matisse sowie Bilder von Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner, Otto Mueller, Emil Nolde, Max Pechstein und Karl Schmidt-Rottluff zu sehen, die zwischen 1912 und 1920 unter dem Eindruck kultureller, politischer und wirtschaftlicher Umwälzungen entstanden. Alle Werke werden durch kontrastierende Dialogsituationen in ihrer individuellen inhaltlichen Schärfe gesteigert wie auch ihre Gemeinsamkeiten – etwa im Sinn des Verhältnisses von Figur und Abstraktion oder gegenstandsbezogener und gegenstandsunabhängiger Farbe – hervortreten. Darüber hinaus fügen sie sich formalästhetisch zu einem Werkkomplex zusammen, in dem sich beim Betrachter Fragen nach Figur und Abstraktion, Bild und Abbild, gegenstandsbezogener und gegenstandsunabhängiger Farbe oder nach zeitspezifisch-historischer und überzeitlicher Bedeutung eines Werkes einstellen. Letztere Fragen werden vor allem durch den bewusst gewählten, in die zeitgenössische Moderne führenden Dialog der genannten Werke mit einem großformatigen Bild von Günther Förg provoziert, das aus einer annähernd 3 x 3 Meter großen monochrom-sandfarbenen Fläche und einem darüber gemalten vertikalen blauen Streifen komponiert ist. Aufgrund der gegenstandslosen, konkreten Farbigkeit, die mit Förgs Bild ins Zentrum unserer Betrachtung gelenkt wird, eröffnen sich allgemeine Fragen zur Phänomenologie der Farbe und ihrer psychologischen Wirkung auf den Menschen.

BUNKER

Im Bunker, der sich unter dem Neubau befindet und mit Hilfe der H. W. & J. Hector Stiftung zu einem weiteren und weitgehend unabhängigen Teil des Museums ausgebaut werden konnte, zeigen wir in vierteljährlichem Rhythmus ausgewählte thematische Blöcke der Graphischen Sammlung im Dialog mit Werken der zeitgenössischen Kunst. Die erste Sonderpräsentation, mit der die Reihe der „Dialoge im Bunker“ beginnt, widmet sich dem Thema der „Sublimen Landschaft“.

Im großen Ausstellungsraum des Bunkers kann man anhand von über 50 gezeichneten Landschaftsdarstellungen der Graphischen Sammlung aus dem 19. Jahrhundert die Virtuosität, Sensibilität und Komplexität individueller bildnerischer Ausdrucksformen mit den Mitteln von Linie, Pinselstrich und Farbe eindrucksvoll erfahren. Diese Werke, die in vielfältiger Weise die natürlichen Phänomene des Lichts, des Wachstums, der tageszeitlichen Veränderungen oder der atmosphärischen Stimmungen zeichnerisch umsetzen, finden in einer Gegenüberstellung mit einer Fotoarbeit von Elger Esser sowohl einen spannenden Gegenpol als auch eine Fortsetzung. In den anderen Räumen breitet sich vor unseren Augen ein Panorama zeitgenössischer Ansichten von Landschaften und Seelandschaften aus, die als Zeichnungen, Fotografien oder Videoprojektionen ausgeführt wurden. Hier sind Werke von Ansel Adams, Oliver Boberg, Thomas Joshua Cooper, Elger Esser, Axel Hütte, Gerhard Richter, Jörg Sasse und Hiroshi Sugimoto zu sehen.

Seelandschaften von Thomas Joshua Cooper oder Hiroshi Sugimoto, von denen eine eigentümliche differenzierende, gleichzeitig aber auch universelle Stimmung ausgeht, finden in den präzisen Naturaufnahmen von Ansel Adams ebenso einen Wiederhall, wie in einer im Wasser gespiegelten Landschaft Elger Essers, einer Videoprojektion Oliver Bobergs, in der in unendlicher Zeitlosigkeit ein Regenschauer auf einer Landstraße niedergeht, oder in abstrakten Malereien aus der Serie „Fuji“ von Gerhard Richter. Schließlich bilden Landschaftsaufnahmen verschiedener Länder Europas von Axel Hütte einen inner-medialen Kontrast zu den computertechnisch manipulierten Fotografien von Jörg Sasse. In allen Medien zeigt sich ein unglaublicher Reichtum an unterschiedlichen Ausdrucksformen, die von den Künstlern mit dem Ziel eingesetzt wurden, das vielfältige Antlitz von Landschaft und Natur, die changierende Stimmung einer Jahres- oder Tageszeit oder die bildnerische Annäherung einer subjektiven Wahrnehmungsempfindung zu formulieren. Mit dieser Verdichtung verschiedener künstlerischer Auseinandersetzungen mit Landschaft und Naturbildlichkeit schließt sich am Ende dieses Rundgangs der Kreis zum NaturRaum an seinem Anfang.

Rolf Lauter