OTTO GREIS – LICHT WIRD GESTALT, FRANKFURTER RUNDSCHAU, 3.4.2001

Licht wird Gestalt

Zum Tod von Otto Greis

Artikel in der

FRANKFURTER RUNDSCHAU

3. April 2001

 

Am 11. Dezember 1952 eröffnete Klaus Franck in seiner Frankfurter Zimmergalerie eine für die Deutsche Kunst der Nachkriegszeit äußerst wichtige Ausstellung mit dem Titel „Neuexpressionisten“, in der er Bilder von Karl Otto Götz, Otto Greis, Heinz Kreutz und Bernard Schultze zeigte. Es war der historische Beginn der Künstlervereinigung Quadriga.

Während Götz und Schultze vom Surrealismus kommend unterschiedliche Wege des Informel beschritten, entwickelte Greis unter dem Einfluß der Werke von Georges Braque und Ernst Wilhelm Nay seit Mitte der 40er Jahre zunächst malerische Abstraktionen, deren Struktur auf dem Zusammenspiel von Form und Farbe basieren. Mit Beginn der 50er Jahre steigerte der Künstler den expressiven Ausdruck seiner Malerei, indem er die Farbe von der Form sukzessiv löste und zu völlig abstrakten, tachistischen Bildern weiterentwickelte. Durch diese Radikalisierung der Bildmittel gelangen Greis spontane Farblandschaften, in denen er Emotionen und subjektive Reaktionen malerisch vehement entäußerte. Wichtige Werke dieser Zeit gehören zu den Sammlungen des Städel‘schen Kunstinstituts, des Museum für Moderne Kunst und des Historischen Museums in Frankfurt.

Der eruptive Ausdruck, der allen Werken der 50er Jahre zugrunde liegt, geht auf existentielle Erfahrungen, innere Kämpfe und prägende Erinnerungen des Künstlers an Kriegserlebnisse zurück. Es sind Zeugnisse einer malerischen Auseinandersetzung mit der Welt.

Im Jahr 1957 siedelte Greis nach Paris über und studierte fasziniert die romanische Kunst in Frankreich. Seit 1969 lebte und arbeitete der Künstler dann jährlich meherere Monate im Mittelmeerraum sowie ab 1983 in der Gebirgswelt Südspaniens, bevor er im Jahr 1984 wieder nach Deutschland zurückkehrte. Unter dem Eindruck des schillernden, vibrierenden Lichts, das ihn am Ufer der Seine oder bei seinen Aufenthalten am Mittelmeer tief berührt hat, entwickelte Greis eine expressive Form der Lichtmalerei, die in gewisser Weise auf die Landschaftsmalerei der Impressionisten sowie die Licht-Raum-Visionen von Lyonel Feininger zurückgeht. Im Gegensatz zu diesen vorbildhaften Positionen konzentrierte Greis seine Gestaltungen aber allein auf die Wiedergabe des subjektiv empfundenen und in seiner Vielfalt malerisch kaum zu artikulierenden Phänomens „Licht“. Er schuf seit den frühen 60er Jahren mit meist hellen, reich modulierten und subtil differenzierten Farbtönen zarte, romantische Stimmungsbilder von außergewöhnlich hoher Leuchtkraft.

„Ich arbeite so lange, bis die Formen in allen Dimensionen unendlich fortmoduliert sind und eine Verknotung mit allen drei Dimensionen erreicht ist. In einem solchen Gebilde hat die Linie keine Existenz mehr, ihr Vorkommen würde die unendliche Fortmodulation unterbrechen; diese bildet die Möglichkeit der völligen Verriegelung in der Fläche, was die Voraussetzung für einen autonomen Bildraum oder besser ‚Kunstraum‘ ist. In diesen Raum kann weder etwas hinein- noch aus ihm herausbrechen; es ist eine Fixierung aller Bildteile eingetreten. Das Dynamische hat sich verwandelt in Rhythmus, der die dritte Dimension als Schwingung erfaßt, als eine ständig vibrierende Tiefenbewegung. Alle Teile sind verankert und bewegen sich zugleich nach der Tiefe hin und zurück. Ich möchte, daß Dynamik und Statik zusammenfallen, die Bewegung in der Ruhe.“

Otto Greis verstarb im Alter von 87 Jahren.

Rolf Lauter