PETER IDEN, BILL VIOLA – RETROSPEKTIVE FLORENZ 2017

Bill Viola

Durch Feuer und Wasser hin zur Erlösung

Eine ausufernde Retrospektive in Florenz zeigt Bill Viola als Klassiker der Video-Kunst, versierten Kenner der alten Meister und Verfechter etwas einfacher Botschaften.

08.05.2017 13:54 Uhr

Von Peter Iden

 

Aus der Video-Installation „The Crossing“, 1996. Foto: Courtesy Bill Viola Studio

Ein monumentaler Bildschirm. Zu sehen ein Mann, der auf dich zukommt. Sehr langsamen Schrittes. Alltagsklamotten, blaues Hemd, graue Hose. Wenn er ganz nahe ist, steht er eine Weile reglos. Dann beginnen von seinen Füßen her Flammen zu züngeln. Es wird, auch akustisch brutal, ein Feuersturm daraus, der den Menschen erfasst. Sein Körper vergeht in den Flammen. Das Feuer verglüht dann, am Boden nur schwarze Asche. Jedoch hat der Bildschirm auch eine Rückseite, da schreitet der Mann abermals auf dich zu. Steht wieder vorne wartend. Jetzt tropft ihm Wasser aufs Haupt. Aus den Tropfen wird ein Wasserfall. In einer seltsamen Gegenbewegung zu der Flut von oben scheint die Figur ihrerseits aufzusteigen. Bis sie verschwunden ist. Eine Himmelfahrt.

Sehr ähnlich sieht der Mann im Feuer und unter Wasser dem Künstler Bill Viola, der die beiden Videos von je knapp elf Minuten Dauer geschaffen hat. Sie bilden im Palazzo Strozzi in Florenz die 1996 entstandene Installation „The Crossing“ („Der Übergang“) und eröffnen jetzt als Entree die von seiner Ehefrau Kira Perov mit strukturierte Retrospektive auf das Gesamtwerk von Viola. Arbeiten von ihm sind auch noch auf andere Schauplätze in der Stadt verteilt, die Uffizien, das Dom-Museum, die Kirche Santa Maria Novella.

In Florenz hatte Bill Viola zwischen 1974 und 1976 gelebt, in einem der weltweit ersten Video-Art-Studios die Möglichkeiten des neuen Mediums erprobt und auf der damals für alles Neue offenen florentinischen Kunstszene Kontakt geknüpft zu schon renommierten Künstlern wie Sandro Chia, Jannis Kounellis, Chris Burden, Arnulf Rainer.

Zur Sache

Palazzo Strozzi, Florenz: bis 23. Juli. www.palazzostrozzi.org

Vor allem aber wurde der junge Amerikaner, Jahrgang 1951, in Florenz nachwirkend beeindruckt durch die Kunst der Renaissance des 14. und 15. Jahrhunderts. Die Ausstellung bezeugt die Beziehung mit vielen Beispielen, am deutlichsten vielleicht mit der Reaktion von Viola auf die nach einer langen Phase der Restaurierung inzwischen wieder sichtbaren Fresken Ucellos von 1475 in Santa Maria Novella. Deren biblisches Motiv der Sintflut paraphrasiert Viola in einem großformatigen Video in unmittelbarer Nähe zu Ucellos Original: Eine Gruppe Männer und Frauen, Jüngere und Ältere, steht einfach so zusammen, man kennt sich oder auch nicht, wendet sich vereinzelt einander zu oder bleibt allein. Bis plötzlich ein Wassersturz, einer Bombe gleich, die Gruppe sprengt. Das geschieht nun in slow-motion, einzelne versuchen zu widerstehen, andere wollen flüchten und gehen zu Boden, Weltende.

Ebenso unvermittelt geht das Wasser zurück, die Situation entspannt sich, die Überlebenden richten sich auf, nehmen freundlicher als zuvor Verbindung auf zu anderen, manche fallen einander in die Arme, jedenfalls hat das Leben sie wieder.

Und was lernen sie von der überstandenen Katastrophe fürs Leben? Die Antwort Violas ist eindeutig: Sie haben eine Reinigung, Purifikation erfahren durch die Wasserwelle, Läuterung, auch eine Art von Erlösung. Es ist die Botschaft, die schon die Installation „The Crossing“ vermitteln will. Die Vorstellung des Höllenfeuers, das von unten verbrennen soll, was von Übel ist; und des Wassers von oben, das nottut für den Übergang in ein besseres Sein. Dieser Beweggrund einer durch Vergeistigung anzustrebenden Erlösung ist in den Arbeiten Violas nahezu immer präsent. Er entnimmt ihn den Werken der alten Malerei nicht nur von Ucello, auch von Masolino, Andrea di Bartolo, Botticelli, Lorenzo Lotto, Lukas Cranach, Dürer. Wo es möglich war, werden die inspirierenden Originale neben den Videos gezeigt.

So ist nun auch die Szene der Begegnung von Maria und Elisabeth, die eine schwanger mit Jesus, die andere mit Johannes dem Täufer, wie der Manierist Pontormo sie 1528 gemalt hat, im Original aus der Dorfkirche im toskanischen Carmignano nach Florenz geholt worden und neben dem Video „The Greeting“ („Die Begrüßung“) zugegen, das auf der venezianischen Biennale von 1995 den internationalen Durchbruch Violas bedeutete.

Es ist in der Ausstellung die noch am wenigsten obsessiv erlösungssüchtige Arbeit. Pontormos Personal ist um die beiden Alter-Ego-Figuren reduziert, die Zeugen des Zusammentreffens sind, statt ihrer wird eine neue Gestalt eingeführt, offenbar eine Bekannte Elisabeths, der diese die hinzutretende Maria vorstellt. Die Mutter Gottes, mit Bubikopf und im Auftreten sehr jung, wirkt verblüffend wie zitiert aus einer wenig (wohl aber Viola) bekannten Darstellung Lorenzo Lottos der Maria mit Kind in der entlegenen Dominikaner-Kapelle S. Bartolomeo in Bergamo. Sie nimmt sich aus wie der Typus einer Studentin im Paris um 1970, von Gottesmutter keine Spur.

Mit den Jahren haben im Oeuvre Violas Schwerlastigkeit und Penetranz zugenommen. Schon „Emergence“ („Auftauchen“, 2002)   ist kaum mehr als frommer Kitsch, aufwendig inszeniert: Zwei Frauen an einem Sarkophags, in Haltungen der Trauer, aus denen sie sich erst lösen, als eine Figur sich aus dem Grab erhebt, aufsteigt wie aus einem Brunnen, dessen Wasser sich über alle und alles ergießt. Noch banal-betulicher ist das Video „Inverted Birth“ („Verkehrte Geburt“, 2014), da sieht man einen monströsen, nackten Mann, stehend, ganz von Schlamm bedeckt, der von einem Wasserfall in mehreren Phasen allmählich weißgewaschen wird und als Lichtgestalt schließlich himmelwärts entschwebt. Eine Neugeburt? Oder nicht doch mehr als acht Minuten lang nur die zähe Umsetzung ranziger Gefühle?

Immer zu spüren ist die Neigung Violas, Spiritualität einzufordern um jeden Preis, er spricht gern von „Transzendenz“. Sie zu bedeuten soll die Erinnerung an die Kunst der Renaissance helfen. Der Denkfehler dabei ist leicht zu erkennen: Wissenschaft und Kunst jener Epoche, die auch eine Epoche der Aufklärung war, sahen die Welt mit anderen Augen, realistischer als das Mittelalter, Ernst Bloch fand dafür den Vergleich mit einer Menschheit, die aus dem Dunkel ins Licht tritt, der Himmel über ihr aber ist von da an leer. Es war der Beginn der Moderne, deren Schieflage Viola heute zu Recht als bedrohlich erlebt. Es wird aber kein noch so pathetischer Rekurs auf vor-moderne Heilsversprechen wie „das Transzendente“ oder die Langsamkeit, Trick und Tick Violas zugleich, uns die Gegenwart retten. Auch wenn der Rückschritt, wie Viola ihn vorführt, sich technisch als Fortschritt kostümiert.

Solche Defizite waren noch nicht zu erkennen, als Rolf Lauter 1999 im Frankfurter MMK die bis dahin wichtigsten der Videos von Bill Viola zur Aufführung brachte und das Museum „Stopping Mind“ erwerben konnte, eine Art von komplexem Selbstporträt des Künstlers, entstanden acht Jahre zuvor.  So sehr Viola die Tempi der Bewegungen der Figuren in seinem Video-Theater verzögert, ja: sie zugunsten eines genaueren Hinsehens forciert verschleppt – so ist doch sogar die Wahrnehmung der absichtsvollen Langsamkeit selber dem alles verändernden Fluss der Zeit nicht entgangen.

Viola ist ein Klassiker der Video-Kunst geworden, deren Möglichkeiten er früh erkannt und zur Geltung gebracht hat. Aber was einmal technisch und ästhetisch neu erschien, ist künstlerisch heute vielfach abgesunken ins Unbedarfte. Das betont Zeitgenössische ist eben nur der Traum des Ephemeren vom Bleiben des Augenblicks.

Zu Michelangelo gehören die dunklen, zweifelnden Gedanken des Blicks auf das Ende seiner Reise „in einem brüchigen Schiff, unterwegs zu dem Hafen, wo wir alle Rechnung legen müssen“ und auch die lebenslange Hingabe an die Kunst wohl kein Trost sein werde. In dem nach langem Umbau wieder eröffneten Dom-Museum, jetzt einem der schönsten Orte in Florenz, voller Wunder, sind Michelangelos Sätze über den Gang des Lebens und den Sinn der Kunst an die Wand geschrieben. Die Ausstellung verbindet sie mit dem Video „Observance“ („Aufmerksame Beachtung“), von Viola vor nun auch schon 15 Jahren erdacht. Es zeigt eine Gruppe von Menschen, die einzeln nach vorne treten, auf den Betrachter zu, den sie ernst ansehen, kurz innehalten, jeder auf seine Art, dann zurücktreten wieder in die Gruppe. Unabweisbar ist die Assoziation des Blicks von jedem auf sein eigenes Leben. In Erwägung auch des Abschieds. Das Werk ist von einer Intensität, die Bill Viola dann eben doch einzureihen veranlasst unter die Besten.

Peter Iden