THOMAS ZIPP – PLANET CARAVAN, KHMA 2007

Thomas Zipp: Planet Caravan – A Futuristic World Fair

Kunsthalle Mannheim

2. Mai – 17. Juni 2007

Einladung

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ROLF LAUTER, THOMAS ZIPP - PLANET CARAVAN, KUNSTHALLE MANNHEIM 2007

Ausstellungsräume und Eröffnung

 

THOMAS ZIPP – PLANET CARAVAN, KUNSTHALLE MANNHEIM, Mai / Juni 2007 

Die Welt des in Berlin lebenden Künstlers Thomas Zipp (geb. 1966 in Heppenheim) strahlt, sowohl in seinen Zeichnungen und Gemälden als auch in seinen Skulpturen und Rauminstallationen. Strahlende Sonnen, Aureolen, strahlende nackte junge Frauen, abstrahlende Pillen, strahlende Bäume und Wolken, verstrahlte Gegenden und Schulzimmer. Zusätzlich installiert der Künstler von Zeit zu Zeit auch noch seine Kronleuchter in die Ausstellungsräume. Aber dann ist da auch viel kontrastierendes Dunkles in Zipps Werken. Nicht nur dunkle Himmel, Berge und Gesichter, sondern auch dunkle Sprechblasen, die wie drohende Menetekel im Himmel seiner Landschaftsgemälde erscheinen. Thomas Zipps Darstellung von Bäumen, öden Gebirgslandschaften und dunklen Ebenen, oft vor dem Himmel einer handgestempelten Rastertapete geben aber auch Zeugnis von Temperaturen in einem Kosmos, dessen Gesetze entweder von der Kälte des Alls oder aber von radioaktiver Hitze bestimmt sind. Dementsprechend wird Malerei eingesetzt: geometrisch-lineare Anordnungen als geistig-kalte Bestimmungen und informelle Flecken als atomare Wolken oder Explosionen. Modalitäten der Malerei um physikalische Extreme auszudrücken, wie man sie aus dem Science-Fiction kennt: „heller als tausend Sonnen“, „die dunkle Wolke“.

Der Mensch erscheint darin zuweilen als Mutation, aber auch als nackte Unschuld, öfter jedoch in Form schriftlicher Kommentare, mitunter auch in installativen Erweiterungen, die seine Abwesenheit anzeigen, während die gesellschaftliche Institution präsent bleibt. Der Künstler schreibt dazu: „Die Impotenz der Lethargie des wissenschaftlichisierenden Schwergewichts in allen bürgerlichen Aktionen verbannt die Euphorie ins Graue, Makabre und Statische, ins protestantisch Steife und Pessimistische…“. Der Mensch innerhalb seiner Spezies ist durch Sprache konstituiert, und so zeigt Zipp in kleinen manipulierten Reproduktionszeichnungen Wissenschaftler und Künstler – etwa Futuristen und Surrealisten – mit Sprechblasen. Sie melden sich also zu Wort, indem sie die futuristische Devise wiederholen „das Adjektiv muss abgeschafft werden“ oder auffordern, England zu attackieren. Im hintergründigen Bildterritorium von Thomas Zipp wird die ehemals deutsche Provinz Samoa reaktiviert, das heliozentrische System mit Tycho Brahe als fauler Kompromiss entlarvt und Otto Hahn als Ursupator bezichtigt.

Thomas Zipps narrative Konzeptualität hat mit der alten Concept Art nichts im Sinne, wenn er große Bilder malt, Zeichnungen und Druckgrafik produziert, mit dem Medium Fotografie arbeitet, Videos erstellt sowie Skulpturen fertigt. Er hat sich in diesen Medien eingerichtet, weil er in den künstlerischen Gattungen und der modernen Kunst schon selbst Aussagen vorfindet, die er für seine Dienste nutzbar macht. Spielerisch bewegt er sich in all diesen Sparten, die wie von einem unsichtbaren Band zusammengehalten werden. Grundsätzlich gibt es Themen und Leitmotive, die sich in Mythos, Geschichte, Kunstgeschichte, Wissenschaft und Literatur verorten lassen, aber sich auch oft genug überlagern (wörtlich etwa bei den Doppelbelichtungen) und kritischen Bezug nehmen auf unsere gesellschaftliche Wirklichkeit. Man richtet sich im Inferno ein und macht es sich darin gemütlich. Deshalb streut Thomas Zipp Bomben aus wie große Pillen, hängt Kronleuchter an die Decke oder stellt eine Kanzel in den Raum. Unter deutschem Fachwerk steht eine alte Wiege, aber schon bei Goya gebiert der Schlaf der Vernunft Monster, und so bleibt nichts, wie es war. Selbst der Atomphysiker und Nobelpreisträger Otto Hahn wird in einer Neuauflage von Bragaglias Fotodinamismo mit Martin Luther überlagert und zu einem gleichsam dämonischen Wesen verwandelt. 

In Zipps Bildwelten berühren sich apokalyptische Gedankenströme des New Age mit einer provokanten spirituellen Ironie als Brechung. Deshalb dürfen auch Vergil und Dante nicht fehlen auf ihrem Gang durch die sieben Kreise der Hölle und des Limbus. Der Künstler selbst spielt in diesem Medienorchester mehrere Instrumente, denen er Ausdruck zu verliehen weiß: vom Visionär zum Moralisten, vom Dramatiker zum Humoristen. Und Zipp kann auch wörtlich seine futuristische Orgel spielen, ein Hölleninstrument mit Sirenengeheul und seltsamen Orgelpfeifen. Seine Malerei ignoriert das heutige Dilemma von malerischen Werten, marktorientiertem new painting und institutionskritischem Malereidiskurs, indem sie Gestaltung in einem propädeutischen Sinne verwendet, dass Bilder nicht nur Visuelles und Illusionistisches, sondern auch Begriffliches im Sinne einer Schautafel darstellen.

Werner Marx