WUNDERKAMMER PRIVATSAMMLUNG III, KHMA 2005

Wunderkammer Privatsammlung III

Cabinet of Curiosities III

Kunsthalle Mannheim 

25. November 2005

 

 

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Wunderkammer Privatsammlung III

Cabinet of Curiosities III

Werke des Deutschen Expressionismus im Dialog mit Skulpturen von Wilhelm Lehmbruck 

Kunsthalle Mannheim 

25. November 2005

 

Gemäß Goethes Maxime „Sammler sind glückliche Menschen aber sehr scheu“ zeigt die Kunsthalle Mannheim seit Juni 2004 in rhythmischen Abständen unter dem Titel Wunderkammer Privatsammlung ausgewählte Werke aus unterschiedlichen internationalen Privatsammlungen.

Es ist ein absoluter Glücksfall, dass wir heute eine Auswahl von Bildern einer Privatsammlung aus der Region zeigen können. Ein aussergewöhnliches Sammlerauge erkannte und erwarb früh Hauptwerke der klassischen Moderne, so dass wir heute eine konzise Werkreihe an Gemälden der „Brücke“-Mitglieder Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner, Karl Schmidt-Rottluff und Otto Mueller präsentieren können, die Museumsqualität besitzen. Ergänzt wird die Auswahl durch Werke von Natalija Gontscharova und Alexej Jawlensky.

Das Einmalige dieser Sammlung ist ihre ästhetische Kohärenz bei gleichzeitiger Beschränkung auf eine ganz bestimmte Epochenschwelle. Die meisten Gemälde sind vor dem Ersten Weltkrieg entstanden, repräsentieren Expressionismus in seiner reinsten Form, offenbaren den Beginn der Eigenqualität leuchtender Farben sowie einfach gestalteter Formen und ergänzen mit ihrer Qualität auf wunderbare Weise die Sammlung der Kunsthalle Mannheim. So kehrt etwa Erich Heckels Lesendes Mädchen nach fast 90 Jahren wieder in die Kunsthalle zurück: Gustav Friedrich Hartlaub hatte das Gemälde schon 1917 in der Kunsthalle ausgestellt.

 

Ausstellung

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Wunderkammer Privatsammlung III

Cabinet of Curiosities III

Eröffnungsrede

Kunsthalle Mannheim 

25. November 2005

 

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

diese Eröffnung am heutigen Abend gibt uns allen die Gelegenheit, einen weiteren Schritt der Kunsthalle in eine spannende und von kultureller Entwicklung geprägte Zukunft mitzuerleben. Wir eröffnen heute die restaurierte alte holzgetäfelte Bibliothek, die nach den Entwürfen des Architekten Hermann Esch (1879-1956) im Jahr 1911 aus Eichenholzschränken gebaut wurde, sowie einen an diese angrenzenden Ausstellungsraum. Dass wir dieses Ereignis feiern können verdanken wir vor allem dem großen Engagement und der finanziellen Förderung durch das Bankhaus Metzler seel. Sohn & Co. KGaA, Frankfurt am Main. Bei den Herren Friedrich von Metzler, Emmerich Müller, Edmund Konrad und Stefan Heger, die sich von Seiten des Bankhauses für diese aussergewöhnliche Förderung engagiert haben, möchten wir uns am heutigen Abend sehr herzlich bedanken.

Herr Müller, der das Bankhaus heute vertritt, wird Ihnen im Anschluss einige Worte zu den Vorstellungen der Frankfurter Finanzinstitution sagen. Dank Ihrer Unterstützung konnten wir die beiden lange für die Öffentlichkeit nur bedingt zugänglichen Räume im Altbau renovieren, ihnen ihr altes Aussehen zurückgeben. Dabei wurden der alte Terrazzoboden wieder freigelegt, das Holz in Abstimmung mit der Denkmalpflege aufgearbeitet, die ursprünglichen Lampen rekonstruiert, die originalen Grafiktische aufgearbeitet und wieder aufgestellt. Was Sie heute sehen ist in der Tat eine wiederentdeckte „Alte Bibliothek und Wunderkammer“. In ihren Schränken und Regalen sind vor allem ältere Zeitschriftenbände und Jahrbücher, die teilweise originale Grafiken enthalten, aber auch großformatige Mappenwerke untergebracht.

Am Jahresende 1910 rief der erste Direktor der Kunsthalle, Fritz Wichert, ein Kunstwissenschaftliches Institut mit Grafischer Sammlung sowie eine Reproduktions- und Lichtbildersammlung ins Leben. Beide Abteilungen wurden damals in den heute eröffneten Räumen beherbergt. Während der untere Raum als Kunsthallen-Bibliothek eingerichtet wurde, diente der obere, etwas höher gelegene Raum als Präsentationsraum für „Meisterwerke der Graphik“. Am 4. Mai 1913 wurde der neue Ostflügel der Kunsthalle offiziell eingeweiht.

Mit der Gründung des „Freien Bundes zur Einbürgerung der Kunst in Mannheim“ im Jahr 1911 wollte Wichert gleichzeitig seine Vorstellungen moderner kultureller Bildungsarbeit in die Tat umsetzen. In den wenigen Jahren bis zum Ersten Weltkrieg entwickelte er ein umfangreiches Vortragswesen im Rahmen der ”Akademie für Jedermann”, veranstaltete Führungen und didaktische Ausstellungen. Der „Freie Bund“ war mit seinen zeitweise über siebentausend Mitgliedern als ”Mannheimer Bewegung” bald zu einem Modell städtischer Kulturpolitik geworden, das aber auch weit über Mannheims Grenzen hinaus wahrgenommen wurde.

Von heute an wird die „Alte Bibliothek“ mit Ausstellungsraum wieder als ein würdiger, attraktiver Ort für Symposien, Lesungen, Seminare, Diskussionsveranstaltungen, Ausstellungen oder Empfänge dienen können. Sie wird für die Kunsthalle zum Symbol des wieder aufblühenden kulturellen Salons, wo sich Menschen der Kunst, Kultur, Politik und Wissenschaften zukünftig zum intensiven Gedankenaustausch über die Werte in unserer Gesellschaft sowie über die unterschiedlichen Möglichkeiten der Förderung von Kunst, Kultur und Kreativität unterhalten werden.

Mit der Sonderausstellung „Wunderkammer Privatsammlung I“ begann 2004 in der Kunsthalle Mannheim ein neuer Ausstellungszyklus, der zum Ziel hat, in rhythmischer Folge unterschiedliche internationale Privatsammlungen vorzustellen. Im Vordergrund unseres Interesses steht dabei nicht primär, einen Überblick über die Bestände von diversen bekannten oder unbekannten, berühmten oder verborgenen Sammlungen zu geben, sondern vielmehr der Wunsch, charakterisierende Annäherungen an verschiedene Sammlerpersönlichkeiten zu wagen. Mit dem Projekt wollen wir „imaginäre Porträts“ von einigen der interessantesten Sammlerfiguren unserer Zeit entwerfen, möchten wir ihre Wünsche, Interessen, Leidenschaften und Obsessionen als Ausdruck einer individuellen Weltaneignung vorstellen. Dabei bilden sowohl der subjektive Wille, als auch das obsessive Verlangen, sich in der Welt mit wertstiftenden oder grenzgängerischen Positionen individuell zu manifestieren, wesentliche Grundlagen privater Sammelleidenschaft.

Die im 16. und 17. Jahrhundert entstandenen Kunst- und Wunderkammern sowie das sich daraus entwickelnde Kuriositätenkabinett dienen hierbei als Ausgangspunkt für die Formulierung der Idee vom Sammeln, das als individuell geprägtes Universum, Spiegel einer repräsentativen Welterfahrung oder Reflex eines privaten Kosmos ausgerichtet sein kann. Entsprechend werden in diesem Zusammenhang temporär auch Objekte zu sehen sein, die den Bereichen der „Naturalia, Mirabilia, Artefacta, Scientifica, Antiquites und Exotica“ zuzuordnen sind sowie in ihrer Gesamtheit die Idee des Museums widerspiegeln.

Die „Wunderkammer Privatsammlung“ führt uns zurück zu den Ursprüngen der Kultur, zum Sammeln und den daraus folgenden komplexen Wertesystemen, die unsere Welt um ein Vielfaches erträglicher machen.

In der neuen „Alten Bibliothek“ wird die Idee vom „Lebendigmachen des Kunstbesitzes der Kunsthalle“ in prägnanter Form verwirklicht. Im „Metzler’schen Salon Mannheim“ werden wir ab heute Werke der Kunst und andere Artefakte, kurioses und skurriles, Fundstücke oder Produkte verschiedener Zeiten und Kulturen mit Werken der Gegenwartskunst in einen fruchtbaren Dialog bringen. Dieses Konzept ist – wie Sie meine Damen und Herren sicher alle wissen – Grundlage der sogenannten neuen Kunsthalle, die damit die Aufgabe übernommen hat, zeit- und raumübergreifende Dialoge zu fördern.

Ohne Dieter Hasselbach, den Vorsitzenden des Förderkreises für die Kunsthalle, wäre die „Brücke“ Mannheim – Frankfurt nicht zustande gekommen. Ihm danke ich sehr herzlich für das unterstützende Engagement.

Allen an der Restaurierung und Renovierung beteiligten Personen, und hier zuallererst den Architekten Andreas Schmucker und Michael Schneider, möchte ich für ihre intensive und kompetente Arbeit sehr danken. Dies gilt ebenfalls für Herrn Christian Mandel, dem wir für seine oftmalige spontane Hilfe sehr herzlich danken. In unseren Dank eingeschlossen sind auch Herr Dr. Wenz vom Landesdenkmalamt Karlsruhe, Herr Käppel von SKL Lichttechnik, die Berliner Messinglampen GmbH sowie die an den ausführenden Arbeiten beteiligten Firmen Döring, Holländer, Trabandt, KDT und Stoffanella.

Allen Mitarbeitern der Kunsthalle, die an den Umbau- und Umräumarbeiten beteiligt waren, und hier vor allem unserer Bibliothekarin Frau Dausch, danke ich sehr herzlich für ihre Mühe. Nadine Pohl-Schneider hatte – wie so oft – eine gute Hand für die gesamte Organisation. Unserem Restaurator Hans Becker sowie dem Frankfurter Hängeteam, bestehend aus den Künstlern Özcan Kaplan, Jens Lehmann und Günter Zehetner bin ich für Ihre kompetente Unterstützung beim Aufbau der „Wunderkammer-Ausstellung“ dankbar.

Zum Schluss möchte ich noch unserer Hoffnung Ausdruck verleihen, dass die Räume im Sinne Fritz Wicherts wieder ein Ort der kulturellen Begegnung für alle werden, ein Ort des Gesprächs, der Diskussion, des Forschens, Studierens, Lernens und Staunens, der leidenschaftlichen Beschäftigung mit Kunst und Kultur und deren Vermittlung.

Rolf Lauter